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Bookinists Buchtipp zu

Joni Rodgers

Kahl im Land der Lockenwickler

"Ich habe meine Zeit und meine Kraft immer so leichtfertig verschenkt wie eine alte Dame ihren Krimskrams auf dem Flohmarkt, habe wenig verlangt und mich mit noch weniger zufrieden gegeben. Niemand - weder der Junge auf dem Bett, noch meine Vorgesetzten, noch die Elternbeiratsvorsitzenden - hatte je betteln müssen, um etwas von mir zu bekommen. Ohne zu erkennen, dass all diese kleinen Teile zusammen mein Leben ausmachten, hatte ich immer in den Schnellgang geschaltet, damit ich nur ja alle Erwartungen übertraf. Zum ersten Mal in meinem Leben stand nun mein Leben auf der Tagesordnung."
Nach einer Biopsie kommt das ernüchternde Ergebnis: Lymphdrüsenkrebs.

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Und ALLES ist anders
'Sandberg, Vera - Krebs. Und alles ist anders'

s ist Krebs! Diese drei Worte ihrer Ärztin werfen die Autorin und Journalistin Vera Sandberg, Mitte fünfzig, komplett aus der Bahn. Nicht nur, dass zu Beginn des Jahres 2007 sie ihr Lebensgefährte verlässt, nun entdeckt man neben der harmlosen Zyste in der Brust einen bösartigen Tumor, nicht groß, klein, unscheinbar, er misst gerade mal 1,4 cm, aber er schafft es, dass ihr ganzes Leben ins Wanken gerät und sie zum Tagebuch greift. „Kann ja wohl nicht sein, da verlässt mich ein Kerl, der mich nicht verdient hat, und ich kriege Krebs...“
Ein solches Jahr muss protokolliert werden, denn sonst versinkt die Welt im Chaos. Und das Schreiben entwickelt sich für Vera Sandberg zur Therapie.

Sie hat Glück und die notwendige Operation verläuft gut, der Krebs hat nicht gestreut, allerdings die Strahlentherapie kann ihr nicht erspart werden. Während der stundenlangen Wartezeit hat Vera viel Zeit zum Grübeln und sie geht der Frage „warum ausgerechnet ich“ sehr akribisch nach; als Journalistin kann sie nicht aus ihrer Haut. Sie lässt die Leser teilhaben an ihrer Biografie, wie sie aus Ost-Berlin vor dem Fall der Mauer in den Westen kam, hier mit zwei Kindern, nach drei Scheidungen alleinerziehend, eine Karriere als Journalistin bei der Frauenzeitschrift BRIGITTE aufbaute. Das ist kein Leben im Gleichmaß, da gibt es eine Menge Wendepunkte, strahlende berufliche Erfolge und auch an persönlichen Tiefs herrscht kein Mangel. Das größte Problem sind die Männer. Es will sich partout nicht der Richtige finden. Immer wieder verliebt sie sich, um kurze Zeit später wieder unglücklich vor einer Menge Beziehungsscherben zu stehen. Ein Lichtblick scheint ihr derzeitige Freund Ralf zu sein. Allerdings lebt er noch mit Freundin und Kind zusammen. Die Schwierigkeiten sind vorprogrammiert und absehbar.

Mit großer Offenheit lässt Sandberg die Leser in ihr Leben und setzt sich schonungslos mit ihrer Biografie auseinander. Die Krankheit bietet die Chance, dass endlich einmal alles auf den Tisch, oder besser aufs Papier kommt. „Nein, es ist nicht der Tod, der da durch die Tür guckt. Es ist das Leben in all seinen Zumutungen und Gemeinheiten, seiner ganzen Ungerechtigkeit.“

Vera Sandberg kommentiert in ihrem Tagebuch, die Literatur, die sie während ihrer Krankheit gelesen hat, sagt was sich als nützlich erwies. Ganz besonders empfiehlt sie Lawrence LeShan: Diagnose Krebs. Hier zieht sie selbst eine große Hilfe heraus. Und sie schaut, was die Forschung für Lösungen bereithält. Wo liegen die Ursachen für die häufig tödlich endende Krankheit? Liegt es an der Ernährung, am Lebensstil, gibt es eine persönliche Schuld? Diesen vielen Fragen geht die Autorin sehr sorgfältig nach, wägt die Antworten kritisch ab, überprüft, recherchiert, spricht mit Ärzten um am Ende festzustellen: „Der Lebensweg, die Stimmigkeit des eigenen Lebens, das ist relevant.“ Und so, wie kein Leben dem anderen gleicht, so verschieden sind die Auswirkungen der Krankheit und die Krankheitsverläufe. Den Krebs an sich gibt es nicht.

Am Ende des Tagebuches, im Sommer 2008, ist der Leser ein wenig traurig, denn man verabschiedet sich von einer guten Freundin, die ein Stück auf ihrem schwierigen Lebensabschnitt begleitet wurde.
Manuela Haselberger, 2009-02-20



   Sandberg, Vera -
   Krebs. Und alles ist anders
   
    © 2009, München, Diana, 287 S.,
    16.95 € (Hardcover)
    14.95 € (E-Book)
   


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© 2009-02-20

by Manuela Haselberger
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