<<   WEITERE BÜCHER   >>

  Lesealter: 15 Jahre  



Unterschiedliche Kindheiten
'Huttel, Sabine - Mein Onkel Hubert'

s sind drei sehr unterschiedliche Kindheiten, die von den beiden Autorinnen Sabine Huttel („Mein Onkel Hubert“), Gail Jones („Perdita“) und dem italienischen Shooting-Star der Literaturszene, Paolo Giordano („Die Einsamkeit der Primzahlen“) erzählt werden. Gemeinsam ist allen, dass die Kinder, von denen sie berichten nicht unbeschadet ihre Kindheit erlebten, einen Knacks erlitten, der sie ein ganzes Leben begleitet.

Sabine Huttel schildert in ihrem Debüt die Nachkriegszeit in Wiesbaden. Helmi lebt mit ihrer Mutter in einer winzigen Wohnung. Die Nachbarn beäugen die Mutter, die sich und ihr Kind mit Schneiderarbeiten über Wasser hält, äußerst kritisch. Noch ist ein uneheliches Kind ein gesellschaftlicher Makel. Was zählt ist die Einhaltung der Mittagsruhe und ein sauber geputztes Treppenhaus. Am liebsten singt Helmi im Kinderchor. Der fünfzigjährige Chorleiter besucht Helmi und ihre Mutter gerne, geht mit ihrer Mutter hin und wieder aus und Helmi freut sich, fast eine Familie zu haben. Das geht gut bis sie in den Herbstferien zu einer Chorfreizeit mit Onkel Hubert fährt. Danach ist nichts mehr in Ordnung, denn Hubert hat sich dem Mädchen sexuell genähert und Helmi kann das Geschehene überhaupt nicht einordnen. Sicher ist nur, dass sie mit niemandem darüber sprechen kann. Das Ungewöhnliche an „Onkel Hubert“ ist neben der atmosphärischen Dichte der Nachkriegszeit, die Darstellung des sexuellen Missbrauchs aus der Sicht von Helmi. Sie reagiert stufenweise mit Verdrängung, Depression und eingebildeter Liebe. Es dauert lange bis sie für sich feststellt, „was für ein widerlicher Kerl.“
Am anderen Ende der Welt in Australien erlebt das Mädchen Perdita, sie wird 1930 geboren, eine ähnliche Zeit des Stillstands. Sie wohnt mit ihren Eltern auf einem abgelegenen Hof und auch nach Jahren im australischen Busch werden sie alle nicht heimisch. Der Vater vergräbt sich in seinen anthropologischen Studien und tapeziert die Wände des Hauses mit Bildern aus dem Krieg, die Mutter sucht Trost im Rezitieren von Shakespeare – Sonetten. Für ihr Kind empfindet sie keine Spur von Interesse. Einzig die Flucht in die Bücher bietet Abwechslung und als Mary, ein Aborigine – Mädchen als zusätzliche Hilfe für die Mutter auf den Hof kommt und sich schon bald zu einer richtig guten älteren Schwester Perditas entwickelt, wird das Leben farbiger. Der große Einschnitt passiert mit dem Tod von Perditas Vater. Er stirbt mit einem Messer im Rücken. Mary nimmt die Tat auf sich. Die Australierin Gail Jones erinnert mit „Perdita“ an die Schuld der Weißen in Australien, die ohne Nachzudenken und lange Zeit ohne Entschuldigung, Kinder von Aborigines aus ihren Familien herausgerissen haben. Ein eindringlicher und großartiger Roman über ein Kind, das in seinem Unglück die Sprache verliert und in der eigenen Familie nicht wahrgenommen wird.

Um eine ganz andere Schuldfrage geht es in „Die Einsamkeit der Primzahlen.“ Der kleine Junge Mattia hat nur ein einziges Mal seine behinderte Zwillingsschwester nicht beaufsichtigt und schon war das Unglück geschehen. Ihr Tod wird sein Leben fortan begleiten wie ein dunkler Schatten. Einzig das Lernen und die geordnete Welt der Mathematik bieten ihm Schutz. Ähnlich geht es auch Alice. Sie hat als kleines Mädchen den bleibenden Knacks in ihrem Leben erlitten, als sie versuchte, den Ansprüchen ihres Vaters zu genügen und endlich einen Ski-Kurs belegte. Bis der schreckliche Unfall passierte. Danach bleibt ihr Bein steif, ihr Körper kommt ihr fremd vor und das Vertrauen zu ihrem Vater ist zerstört. Mattia und Alice sind zwei Kinder, die das Fremdsein in der Welt schon sehr früh erfahren und dieser Zustand ändert sich für sie nicht mehr. Sie stehen einsam wie die Primzahlen im Reich der Mathematik, doch durch ihre Freundschaft erkennen sie, dass ihre Beziehung in der Mathematik einen eigenen Namen hat. Sie wird als „Primzahlzwillinge“ bezeichnet. In Italien wurde dieser großartige Roman völlig zu recht mit dem begehrten Premio Strega ausgezeichnet. Eine absolute Lese-Empfehlung.
Manuela Haselberger, 2009-11-16



   Huttel, Sabine -
   Mein Onkel Hubert
   
    © 2009, , Osburg Verlag, 215 S.,
   














weitere Titel


Huttel, Sabine

Perdita


Huttel, Sabine

Die Einsamkeit der Primzahlen




  mehr zu
  Huttel, Sabine
  im amazon shop

Suchbegriff

© 2009-11-16

by Manuela Haselberger
www.bookinist.de