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Welche Wahrheit?
'Company, Flavia - Die Insel der letzten Wahrheit'

atürlich wollte ich es. Noch nie hatte ich ein Buch so sehr begehrt wie in diesem Moment. Es brachte mich der Zivilisation näher, ich würde etwas tun können, was Tiere nicht taten, ich würde mich als Mensch fühlen … Ich musste an die klassische Frage denken: Welches Buch würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen? Irgendeines, … sogar ….in einer Sprache geschrieben, von der ich kein Wort verstehe, hätte mir Gesellschaft geleistet.“

Der einzige Grund, warum ich es nun nicht auf die Insel mitnehmen würde ist der, dass er nur 127 Seiten lang ist und man es wohl fünfmal und mehr zwischen Sonnenaufgang und -untergang gelesen haben könnte. Allerdings, das sei Flavia Company, der in Barcelona aufgewachsenen und 1963 in Südamerika geborenen Schriftstellerin attestiert, würde es doch wiederum mehrere Tage auf der einsamen Insel wesentlich mehr Stoff als Buchstaben zum Nachdenken bieten und damit seine Chancen zur Insellektüre ganz erheblich steigern.

Worum geht es eigentlich? Der New Yorker Matthew Prendel, Arzt und Universitätsprofessor, erfüllt sich einen Traum. Mit einem befreundeten Pärchen bricht er zu einem Segelturn über den Atlantik auf. Und sie erleben einen Alptraum: Fünf Männer kapern mitten auf dem Meer ihr Schiff, Matthew geht über Bord, nachdem er sich mannhaft zur Wehr gesetzt hat. Hemingways Einsamkeit auf dem Meer überkommt ihn.

Das Unwahrscheinliche geschieht, er wird nach einer Nacht auf See auf einem winzigen Eiland angeschwemmt und dort von einem Anderen, der nur Stunden vor ihm dort angekommen war, gerettet.

Nach diesen wenigen dürren Seiten beginnt nun das, womit sich das Buch im Wesentlichen beschäftigt: Zwei Männer, eine einsame Insel, der eine bewaffnet, der andere mit unwahrscheinlich viel Glück gerade mal überlebt, tun sich eben nicht zusammen, sondern ganz im Gegenteil, grenzen ihre Machtbefugnis ab: Nelson Souza, der Mann aus Portugal, verbietet Matthew das Betreten der anderen Seite der Insel. Ja, er macht ihm sogar unmissverständlich klar, sollte er es doch tun, dass er dann auf ihn schießen wird. Matthew in einer undurchsichtigen Welt wie Kafkas Vermesser im Schloss, gehetzt von Gedanken wie Philipp Reemtsma im Keller.

Zunächst hält sich Matthew an die Abmachung, versteht aber nicht, warum der andere zuerst tage-, dann monatelang kein Interesse an einer Rettung der beiden Schiffbrüchigen hat.
Das Souza nicht nur eine Waffe, sondern auch ein Fernglas, ein Netz, anderes Werkzeug und sogar zwei Bücher hat, stachelt Matthews Neugier an.

Der kurze Roman von Flavia Company endet in einem überraschenden Epilog. Und kaum, dass man die Wendung so einigermaßen verdaut hat, beginnt der Leser die Fäden aufzunehmen. Da ist vordergründig das Robinson Crusoe Abenteuer, da ist hintergründig „Der Herr der Fliegen“ von William Golding, der das Verhalten von Gestrandeten betrachtet. Und dazwischen ist ein unlösbares Band wie im Film „Inception“ verwoben, eine Geschichte in der Geschichte der Geschichte und man ist sich absolut nicht sicher, was nun Wahrheit, Fiktion oder Krankheit ist, worauf Flavia Company mit ihrem etwas sperrigen Titel „Die Insel der letzten Wahrheit“ wohl einen unzweideutigen Hinweis an den Scharfsinn des Lesers weitergibt.

Ein Buch über dessen Inhalt man sich sicher gerne mit anderen austauschen wird, mit wechselnden Erkenntnissen und das besonders Angenehme ist die Kürze des Romans, das eindeutige Ende und doch wieder nicht. Stoff für Gespräche, ob nun wirklich „grundlegende Fragen“ wie der Klappentext verspricht, das mag dahingestellt bleiben, wird dieses Bändchen jedem Leser mit auf den Weg geben.
Thomas Haselberger, 2011-03-27



   Company, Flavia -
   Die Insel der letzten Wahrheit
    Originaltitel: »L´illa de última veritat«, © 2011
    Übersetzt von Kirsten Brand (catalan.)
    © 2011, Berlin, Bloomsbury, 127 S.,
    17.90 € (Hardcover)
    19.99 € (Audiobook)
   


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