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Zu viel Glück
'Munro, Alice - Zu viel Glück'

ragt man Buchhändler nach Erzählungen, erhält man ein einhelliges Kopfschütteln. Erzählungen sind bei den Lesern nicht gefragt, zu kurz, zu schnell vorbei, unbefriedigend. Allerdings gibt es Ausnahmen. Seit den Storys von Daniel Kehlmann in „Ruhm“ hat sich das Blatt gewendet und für die Erzählbände von Ferdinand von Schirach „Verbrechen“ und „Schuld“ braucht niemand mehr Werbung zu machen, die verkaufen sich von selbst, denn die sind unschlagbar. In dieser Klasse spielt Alice Munro, doch sie ist immer noch ein Geheimtipp. Außer einem kurzen Roman hat sie eine große Anzahl von Erzählungen veröffentlicht, wird immer wieder für den Nobelpreis gehandelt, der durchschlagende Erfolg bei den Lesern fehlt allerdings bislang. Und das hat die kanadische Lady, geboren 1931 in Ontario, absolut nicht verdient.

Ihre zehn neuen Geschichten erzählen von Frauen, die meist in der kanadischen Provinz wohnen, ein beschauliches Leben führen und durch einen kleinen Riss in ihrer Biographie aus der Bahn geworfen werden. Manchmal passiert das schon früh in der Kindheit, wie in „Kinderspiel“. Hier ermorden ganz nebenbei und spielerisch zwei Freundinnen ein behindertes Mädchen im Feriencamp. Die beiden nehmen einfach beim Baden die Hände nicht vom Kopf ihrer Kameradin – und schon ist es passiert. Bis der Unfall, so sieht es für die Betreuer aus, bemerkt wird, sind die Mädchen schon auf dem Weg nach Hause. Alice Munro hat am Ende immer noch einen Dreh auf Lager, eine Wendung, mit der der Leser nicht rechnet, eine kleine Überraschung, die das Gelesene ganz besonders auszeichnet. Viele Schriftsteller benötigen hunderte von Seiten, um ihre Romane zu entwerfen und die Handlung in Gang zu bringen. Das packt Alice Munro mit ihrem klaren Stil auf wenige Seiten ohne auch nur einen überflüssigen Satz. In „Dimensionen“ beispielsweise ist Doreen, fünfundzwanzig, gerade dabei, sich ein neues Leben als Zimmermädchen in einem Hotel aufzubauen in einer fremden Stadt, ohne Verwandte, ein kompletter Neuanfang. Nur ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, nimmt sie den beschwerlichen Weg auf sich, ihren Mann zu besuchen. Er sitzt im Gefängnis, denn er hat, um Doreen zu bestrafen, ihre drei Kinder ermordet. Auch das - kein einfacher Weg.

Der allerschönste Satz findet sich in der letzten Geschichte „Zu viel Glück“, die ein Schlaglicht auf das Leben der russischen Mathematikerin und Autorin Sofia Kowalewskaja wirft. Sie erhält von ihrer Freundin den guten Rat: „Denk immer daran, wenn ein Mann aus dem Zimmer geht, lässt er alles darin hinter sich. Wenn eine Frau hinausgeht, trägt sie alles, was in dem Zimmer geschehen ist, mit sich fort.“ Grandiose Literatur von einer ganz großartigen Schriftstellerin.
Manuela Haselberger, 2011-05-31



   Munro, Alice -
   Zu viel Glück
    Übersetzt von Zernig, Heidi
    © 2011, Frankfurt, S.Fischer, 363 S.,
    19.95 € (Hardcover)
    19.99 € (Audiobook)
   


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© 2011-05-31

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