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Schöne neue Welt
'Elsberg, Marc - Blackout'
Morgen ist es zu spät

uletzt im Sommer 2016 empfahl die Bundesregierung der Bevölkerung Vorsorge für einen Notfall zu treffen. Also beispielsweise Wasser- und Lebensmittelvorräte für einige Tage im Haushalt zu haben. Und wer wissen will, was dann trotz der Vorräte innerhalb nur einer Woche im Ernstfall auf einen zurollt, der wird danach keine Witze mehr folgenden Inhalts reißen. „Hamster ausverkauft! Warum? … weil die Bevölkerung dem Rat der Regierung folgt“. Nein, nein und nochmals nein – da fällt der Strom aus im kalten Februar, gleichzeitig in Italien und Schweden, am späten Freitag Abend – und wenige Stunden anschließend simultan in gesamt Europa, von England bis nach Bulgarien – dunkel !

Wenn´s nur das wäre, aber Wasser gibt´s vieler Orten auch keines mehr, nicht weil es versickert wäre, sondern weil in vielen Regionen Wasser aktiv mit Pumpen in die Häuser gedrückt wird. Und Heizung – nur wer über eine klassische Feststofffeuerung verfügt oder über einen Kachelofen oder wenigstens einen Kohle-Herd besitzt, der hat es vorerst warm. Selbst die Ölheizung braucht Strom – und der Verkehr ist auch in wenigen Tagen zusammengebrochen – eine Zapfsäule braucht ebenfalls Strom für´s Tanken.

Noch schneller ist der digitale Behördenfunk unbrauchbar – nur wenige Stunden reichen die Batteriekapazitäten. Krankenhäuser haben wenigstens 48-72 Stunden Dieselgeneratorenvorräte, Kernkraftwerke erschreckenderweise nur ein paar Stunden mehr, dann kommen Notkühlssysteme aus dem Tritt und das in ganz Europa. Nachschuborganisation ist möglich, aber es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der erwartungsgemäß nicht immer und überall gewonnen wird. Kollateralschaden! Und über die Nahrungskette haben wir noch gar nicht gesprochen, Marc Elsberg vermittelt schauerliche Bilder in seinem Roman „Blackout“.

Sehr spannend hat er auch den gesamten Plot aufgebaut – ein Ex-Hacker in Italien bringt Europol nach 48 Stunden auf den entscheidenden Hinweis, wieso sich die Stromnetze nicht mehr wie erwartet hochfahren lassen. Zunächst denkt niemand an einen Terrorakt – wie auch fandet man effektiv, wenn das Internet zusammen mit den Stromnetzen fast vollständig ausgefallen ist? Es gibt europäische und berliner Krisenstäbe, zwei Militärputsche in Südeuropa und eine frierende und hungernde Bevölkerung, die tagelang auf die Wiederkehr des Stroms hofft. Die Türkei, China, Russland und die USA versprechen Hilfslieferungen: Arzneimittel und Lebensmittel werden dringend gebraucht, denn schon nach zwei Tagen ist die gesamte Kühl- und Lieferkette vollständig unterbrochen.

Wer nach der Lektüre dieses Buches nicht verstanden hat, wie filigran und bedroht zugleich unsere ganze Zivilisation in jedem Augenblick ist, muss ein Analphabet sein. Marc Elsberg zeigt wie knapp wir mit immer mehr smarter Technologie und Vernetzung am Abgrund stehen. Spannung bis zur letzten Seite und versprochen, eine neue Weltsicht nach der Lektüre.


Und in Marc Elsberg´s nächsten Buch, „Zero“, legt er gleich noch hinterher. Selbst wenn der Strom nicht ausfällt, mit zunehmender Datenkonnektivität und High-Speed-Vernetzung saugen internationale Großkonzerne und Geheimdienste täglich tonnenweise Informationen sämtlicher menschlicher Aktivitäten auf – zumindest der 4-6 Milliarden, die Zugang zum Internet oder Telefonnetz haben. Gesichtserkennungssoftware, flächendeckende Kameraüberwachung überall auf der Welt und die Smartphones machen es möglich zu wissen, was Menschen den lieben langen Tag bewegt. Womit sie sich beschäftigen, was sie kaufen, wo sie herumfahren, wie lange sie arbeiten, Musik hören, mit wem sie sich treffen und worüber sie sich unterhalten, was sie lesen und bald schon vielleicht auch, was sie denken.

Und im Prinzip stört es niemanden besonders, dass man mit jeder neuen App noch weitergehende Zugriffe auf Kamera und Mikrofon des Endgerätes zulässt, Cookies und Werbetracker gespeichert werden. Im Gegenteil, Jugendliche beginnen den Spieß vermeintlich umzudrehen. Warum seine Daten umsonst für einen kostenlosen Emailaccount und eine bezahlfreie Suchmaschine hergeben. Warum google, amazon und facebook gratis mit Informationen beliefern, die daraufhin mit personalisierter Werbung zum Konsumterror und rücksichtslosen Ressourcenverbrauch animieren.

Nein, moderne Menschen loggen sich bei freeme ein, tracken mit Apps und Handgelenkssensoren ihre Vitaldaten, filmen mit Glasses ihr Leben, laden Berater-Apps für Kleidung und Lifestyle herunter, lassen sich in jeglichem Schulfach Nachhilfe geben, folgen Sport-, Ernährungs- und Schlafempfehlungen, selbstverständlich auch bei der Partnerwahl, und, das ist das hippe an freeme, wenn die User den Empfehlungen der Algorithmen folgen, verbessern sie täglich ihr persönliches Ranking. Und das ist es, wofür sie leben: Deine Daten aus der Vergangenheit bestimmen deine Chancen in der Zukunft. Nur wer seinen Score verbessern kann, hat später Chancen auf einen Arbeitsplatz, auf einen Bankkredit oder einen interessanten Partner. Nur eines ist schlimmer als ein schlechtes Ranking in dieser neuen weltweiten Gesellschaft, nämlich gar kein Ranking zu haben.

Manrank beispielsweise bildet in realtime beinahe 4 Milliarden Menschen ab und freemee berät sekündlich eine halbe Milliarde kontinentüberspannend und allein in New York hat jeder 4.te Einwohner eine Datenbrille auf – Petabytes an Daten, die jeden Augenblick in die weltweiten Clouds und Serverfarmen der Betreiber gesogen werden.

Der Plot dazu gelingt Marc Elsberg stellenweise etwas holprig, es wird zu kolportageartig in schwarz und weiß getrennt. Da die Guten, da die Bösen. Und dann doch die Bösen, die sich selbst aber für die Guten gehalten haben, bis sie straucheln, aber trotzdem kein Happy End in Sicht, nur ein erstes amerikanisches Start-up scheitert, die Konkurrenten stehen schon in der zweiten Reihe und warten auf ihre Chance mit noch besseren Apps und Programmcodes aus dem Zeitalter der Mathematiker. Und klappt man das Buch zu und freut sich, dass die Journalistin, mehr oder weniger im Alleingang, und ihre 18 jährige Tochter gerade noch einmal für ein paar Minuten länger die Welt gerettet haben, so ist nach kurzem Nachdenken die Botschaft trotzdem klar, ohne Umdenken gibt es kein Entrinnen – Apps werden mir in jedem Augenblick meines Daseins sagen, womit ich es verbringen soll. Zumindest wenn ich es zulasse und nicht bemerke, dass nicht ich mehr die Entscheidungen treffe, sondern maschinell gesteuerte Netze, die immer versierter das erreichen, was sich amazon beispielsweise vor wenigen Jahren sogar schon patentieren lassen hat: Die Voraussage (anticipatory shipping) , wann ich welches neue Produkt demnächst bestellen werde und einhergehend damit die vorsorgliche Anlieferung in ein Depot wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Das ist längst Realität.

Marc Elsbergs Firma „freeme“ geht da nur noch einen Tick weiter, sie lassen mich denken, dass ich mich ganz ohne Werbebeeinflussung selbst dafür entschieden hätte, die Software der Apps mich aber sanft sekündlich in ein undurchschaubares Netz an algorithmischen Beratern einspinnt, deren Meinung ich zu meiner mache, ständig in der Angst sonst an Ranking, also sozialem Ansehen, in der digitalen wie auch der realen Welt zu verlieren.


Wer auf einen spannenden Plot verzichten kann, sich aber sozialgesellschaftlich etwas „sachbuchartiger“ in die Thematik einlesen möchte, dem sei an dieser Stelle auch ganz intensiv das Buch „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer ans Herz gelegt – er steht mit beiden Beinen in unserer schönen neuen digitalen Welt und formuliert Fragen und gibt teilweise glücklicherweise auch Antworten darauf, wie man einer Zukunft von Frank Elsbergs „Zero“ vielleicht entkommen kann – z.B. indem man NICHT amazons neustes Gadget namens ECHO erwirbt und sich eine Alexa ins Wohnzimmer stellt und viele kleine Brüder an anderen strategischen Stellen im Haus verteilt, nur um ihr dann mitzuteilen, dass man neues Klopapier benötige und wie auch der letzte Tabellenstand in der Bundesliga augenblicklich sei. Zugegeben, wer kein Fenster hat ist natürlich fein raus, wenn er Alexa, Siri oder Cortana fragen kann, wie gerade das Wetter vor der Haustüre ist. Schließlich hat man ja Mitleid mit dem armen Postboten, der das bestellte Nudelpaket bringt. Aber nicht mehr lange, dann bringt der TTS, der autonom steuernde Tesla-Transport-Sprinter meine Bestellungen von Ali-Express aus China und eine kleine Kurzstrecken-Drohne speditiert die letzten Meter die Neuerwerbung in meine Bestellbox.

Da hilft auch die „gute“ und geheime, verschworene Spontigruppe namens „Zero“ in Elsbergs Buch aber letztendlich nicht – ja, sie haben gleich zum Buchauftakt eine spektakuläre Aktion auf Kosten des amerikanischen Präsidenten durchgezogen – aber das hilft nicht wirklich.


Und Marc Elsberg schreitet weiter in unsere allzunahe Zukunft. Mit „Helix. Sie werden uns ersetzen“ gelingt ihm ein Pageturner zur Genmanipulation menschlichen Lebens.

Regierungsamtliche Ethikkommissionen hin oder her – im Land der unbegrenzten Möglichkeiten blüht durch das Genie eines angesehenen Wissenschaftlers in der Nähe von San Diego eine kleine, wie im Süden der USA üblich, abgeschottete, „clandestine“ Nachbarschaft, mit Arbeitsplätzen in Gentech-Laboren, Parks und Shops in den kleinen Stadtvierteln für Mitarbeiter und Wissenschaftler, die dort mit ihren Kindern und sogar eigenen Schulen leben. Äußerlich prinzipiell nichts Ungewöhnliches – und doch führt eine heiße Spur die Sonderkommission der derzeitigen amerikanischen Präsidentin, sie heißt übrigens nicht Clinton, genau dort hin. Mit Grauen muss die Administration in Washington zur Kenntnis nehmen, dass der kürzliche Herztod des Außenministers am Rednerpult einer Sicherheitskonferenz in München kein Zufall war, sondern die präzise ausgeführte Attacke mit einem auf nur eine Ziel-Person zugeschnittenen Killervirus war. Parallel verschwindet eine 14 jährige MIT-Studentin in Boston, ein sogenanntes hochbegabtes Kind, das u.a Biowissenschaften studiert. Niemand ahnte, dass sich Jill, die mit ihren kindlichen 14 atemberaubend gut aussieht, offenbar über Finanzmarktspekulationen ein Offshore-Netzwerk aufgebaut hat, das weltweit Biotech-Labore beschäftigt, in denen Dinge gezüchtet werden, die der restlichen Wissenschaft auf dem Planeten um Jahre voraus sind. Die Vorstellung von DNA-optimierten Kindern ist erschreckend, wo es hinführen kann – faszinierend grausig, die Grenzen zwischen gut und böse fasern an den Rändern zeitweilig aus. Und doch ist der Plot an manchen Stellen zu dünn: Niemals würde die amerikanische Präsidentin und gar ein erklecklicher Teil ihrer Minister direkt ins Zentrum einer virulenten Bedrohung fliegen, um sich dort zusammen mit Dutzenden von schwer bewaffneten Platoons von einem 10 jährigen Buben nach Strich und Faden aufs Kreuz legen zu lassen, der dann auch noch den Marine One Hubschrauber selbst fliegend samt der Präsidentin entführt. Auch bleibt am Ende leider unklar, ob Jills biologische Stufe 1 gezündet hat, was mehr Hoffnung in die Zukunft der Welt gesetzt hätte als der tatsächliche Schluss des Romans, dass sich die staatlichen Stellen der USA offenbar in einen DNA-Wettlauf mit China hineinziehen lassen werden, obwohl sie zunächst alles daran gesetzt hatten, was Jill und Eugene angerichtet haben, umgehend und vollständig zu vernichten. Der Brasilienabstecher erinnert dann auch eher an: Zu viele Action-Filme mit gleichem Muster gesehen – die Bourne-Verschwörung könnte Pate gestanden haben und ist insofern weder neu, noch gewieft. Der sich überschlagende im Endergebnis unnötige und unbefriedigende Showdown am Ende des Romans fügt sich wenig an die erzählerisch gedehnte zweite Hälfte zuvor.

Man kann aber trotzdem sehr gespannt sein, womit sich Marc Elsbergs weitere Bücher beschäftigen werden. An Weltszenarien fehlt es nicht, ob künstliche Intelligenz, 3D-Drucker oder digitales, ewiges Leben – vieles ist wahrscheinlich in wenigen Jahrzehnten alptraumhaft erlebbar. Persönlich würde ich mich vorab schon über einen digitalen Assistenten freuen, den ich an meiner Stelle zum Arbeiten schicken könnte und der ganz im Sinne eines Management-by-Delegation-Systems sich ab und an mit mir rückkoppelt und ich erfreut irgendeine meiner Freizeitbeschäftigungen kurz dafür unterbrechen werde.


Wer nicht so lange warten will, kann sich bei Tom Hillenbrand´s Kriminalroman „Drohnenland“ von 2014 gruseln, wenn die Ermittlungen der Polizei praktischerweise dadurch rasch zu einer lückenlosen, vollständigen Aufklärung gelangen, weil die allumspannende Film- und Tonüberwachung des gesamten Kontinents jedes Geschehnis jede Sekunde in jedem Winkel reproduzierbar machen. Vorratsdatenspeicherung in Vollendung. Der Plot spielt irgendwann in der Mitte des Jahrhunderts, ein geeintes Bollwerk Europa, Solarkriege in Nordafrika, und nicht Tesla, sondern unter dem Namen Gottlieb steuert das angesagte KFZ fahrerlos durch die High-Tech-überwachte Landschaft. Und die aktuelle Kommissionspräsidentin heißt Tansu Özal. Ein Supercomputer (Terry) belauert permanent jeden Bürger der 36 Mitgliedsstaaten, nur in einem hat die Wirklichkeit den Roman schon überholt – der BREXIT wird nicht erst in 30 Jahren diskutiert, der ist zwischenzeitlich Realität
Thomas Haselberger, 2016-09-17



   Elsberg, Marc -
   Blackout
   
    © 2012, München, Random House, 800 S.,
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          gelesen von: Steffen Groth
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