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Der Mensch und sein Buch
'McCurry, Steve - L E S E N'
Eine Leidenschaft ohne Grenzen

as Feuer, das Rad, das Jagen, bauen, tauchen und sogar fliegen, was hat der Mensch nicht alles erfunden. Doch nach dem Kochen ist wohl das Lesen eine der herausragendsten Kulturtechniken, die sich der Mensch angeeignet hat.

Ja, zunächst lernen wir sitzen, dann krabbeln, dann laufen und sprechen ... und dann doch recht bald rechnen, schreiben und vor allem lesen. Ob kyrillisch, arabisch, japanisch oder deutsch macht zwar einen erheblichen Unterschied, aber sobald wir es einmal beherrschen, verlässt es uns ein Leben lang nicht mehr.

Gut, es gibt Menschen, die haben außer in der Schule, noch nie ein Buch gelesen. Aber die hatten auch keine Chance auf eines dieser wunderbaren Fotos von Steve McCurry zu kommen.

Steve McCurry, ein 1950 in Philadelphia geborener amerikanischer Fotojournalist, der seit Jahrzehnten in allen Winkeln des Globus unterwegs ist.
Sein bekanntestes Foto ist wohl das von Sharbat Gula, deren Foto “Afghanischen Mädchen" aufgenommen in einem pakistanischen Flüchtlingscamp 1985 auf den Titel des National Geographic erschien.

McCurry, der selbst von sich erzählt, dass er über eine Sammlung von 800.000 Kodachrome-Dias verfügt, ist es sicher nicht leicht gefallen, die gut fünf Dutzend Fotos für diesen 22 x 30 cm großen Bildband auszuwählen.

Ein Thema zieht sich durch alle Fotos: Der Mensch, wenn er meist am innigsten mit sich alleine ist - vertieft in einem Buch. Und die Fotografierten sind dankbare Motive, sie bewegen sich weder besonders schnell, noch bemerken sie häufig das neugierige Objektiv des Fotografen, der in aller Ruhe den kontemplativen Moment des Lesens für alle Ewigkeit auf Zelluloid bannt.

An den unmöglichsten Orten spürt McCurry seine "Darsteller" auf: An einen Elefanten gelehnt, auf dem Roller oder einem Barhocker sitzend, im Schnee stehend, unter einem Baum oder im Museum in der Ecke sitzend.

Wie ein Remake von Carl Spitzwegs "Der arme Poet" thront ein tibetanischer Mönch in Ukiah, CA, in seinem Studierzimmer im Lotussitz. In derselben Sitzhaltung kauert ein Händler in Kabul vor einer Mauer, an der er Herrenhosen zum Verkauf aufgehängt hat, und liest seiner voll verschleierten Frau oder Tochter, die vor ihm sitzt, aus einem Buch vor. Die Haltung seiner Hand, das Unterstreichende und Dotzierende dieser Bewegung, scheint den Eindruck des Vorlesens zu unterstreichen.

Eines der berührendsten Bilder ist ihm in Peschawar in Pakistan gelungen: Auf dem Hof eines Krankenhauses, auf einem mittelalterlichen, schartig, weißlackierten Rollstuhl sitzend, liest ein Mann mit beidseitig amputierten Füßen einen blauen Turban auf dem Kopf und einem pechschwarzen Vollbart im Gesicht, offenbar etwas sehr Lustiges aus einem Buch vor. An seinem Rollstuhl-Rad klammert sich ein etwa 10 jähriger Junge mit zwei klapperdürren Beinprothesen mit denen er jedem Pinocchio die Schau stehlen könnte, und freut sich über die Darbietung des Vorlesers, das Schicksal um sie herum vergessend.

Ein außerordentlich gelungenes Buch, bei dem man gar nicht viel lesen muss, bis auf ein sehr gewinnendes Vorwort von Paul Theroux zu McCurrys Fotos und dem Phänomen des Lesens.
Thomas Haselberger, 2016-10-16



   McCurry, Steve -
   L E S E N
    Originaltitel: »On Reading«, © 2016
   
    © 2016, München, Prestrel, 144 S.,
    29.95 € (Hardcover)
   


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