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Comeback für Bella Block
Doris Gercke - Bella Ciao

it Hannelore Hoger als Bella Block ist Doris Gerckes Hauptfigur einem Millionen Publikum an Fernsehzuschauern bekannt. In ihrem neuen Fall "Bella Ciao" hat die eigensinnige Ermittlerin mit einer Gruppe radikaler Frauen zu tun, die es sich in den Kopf gesetzt haben, auf die Rüstungsgeschäfte einer Hamburger Werft aufmerksam zu machen. Wenn es sein muss, auch mit Sprengstoff.

Doch bevor es richtig losgeht, steht Bellas Haus in Flammen und Ruth, sie hat Bella einige Tage zuvor um Hilfe gebeten, da sie davon überzeugt war, dass sie und ihre Mitstreiterinnen verfolgt wurden, wird tot aus der Elbe gezogen.

Bella zögert nicht länger und beginnt, die Mörder Ruths zu suchen - eine Unmenge Flaschen Wodka sind dabei recht hilfreich.

Während in den Verfilmungen für das Fernsehen Bella Block in den Polizeiapparat eingebunden ist, arbeitet sie in Doris Gerckes Büchern als Detektivin, die sich nicht um Hierarchien schert. Auch ist Bella um ein Vielfaches kantiger, unangepasster und frecher - einfach sehr sympathisch.

Den Hintergrund ihres neuen Krimis hat Doris Gercke politisch angelegt. Wobei nicht nur der neue Innensenator Hamburgs, Ronald Schill, eine Rolle spielt, ohne dass er namentlich genannt wird, sondern die üblen Machenschaften bis in die Zeit der Nationalsozialisten zurückreichen. Die Kritik an der herrschenden Politik wirkt über lange Strecken des Buches sehr dick aufgetragen und mit erhobenem Zeigefinger angeprangert. So wird die eigentliche Krimihandlung ständig von der allgegenwärtigen Systemkritik überlagert. Sicher nicht ganz unberechtigt, wenn man an die deutsche Beteiligung an Kriegseinsätzen denkt, doch knappe Seitenhiebe hätten sicher eine ähnliche, vielleicht sogar bessere Wirkung gezeigt.
© manuela haselberger


Doris Gercke - Bella Ciao

© 2002, München, Ullstein Verlag, 302 S., 20.00 (HC)
© 2002, München, Ullstein Hör-Verlag, 4 CDs, 24.00 (CD 4x)
© 2002, München, Ullstein Hör-Verlag, 3 Cassetten, 24.00 (MC 3x)





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Dass sie sich getroffen hatten, war ein Zufall gewesen; kein Zufall war, dass sie zusammenblieben, nachdem sie sich kennen gelernt hatten.
Zwei, nein eigentlich drei, kamen aus Deutschland. Elfriede und Hannah waren Deutsche, die dritte hieß Ruth und war eigentlich Polin, sie war aber schon ein paar Jahre in Deutschland. Die vierte war Natalja, Italienerin, und in Italien hatten sie sich auch zum ersten Mal getroffen. Von Italien sahen sie nichts. Das Land als touristische Attraktion interessierte sie nicht. Sie lebten nicht bewusst in Ländern und Grenzen. Im Grunde war alles, was sie bis dahin getan hatten, in ihren Augen eine ununterbrochene Kette von Zufällen. Deshalb wäre es eigentlich normal gewesen, ihr Zusammentreffen genauso als Zufall anzusehen, wieder auseinander zu gehen und nicht mehr darüber nachzudenken; bereit, einem neuen Zufall in die Arme zu laufen. Manchmal, später, als das geplante Leben die Zufälle abgelöst hatte, sprachen sie untereinander darüber, weshalb es diesmal anders gekommen war. Es war ihnen dann klar, weshalb sie zusammengeblieben waren. Was aber hatte sie dazu veranlasst, die Geduld aufzubringen, die zum Kennenlernen nötig ist? Irgendwann einigten sie sich darauf, dass Elfriede, die sie dann schon Elfi nannten, der Anlass gewesen sein müsste. Elfriede war klein und zart und blond und so entschlossen, an ihre Grenzen zu gehen, dass sie bei anderen zuerst Erstaunen und dann, wenn sie fähig waren, das Wunder zu begreifen, das sich vor ihren Augen abspielte, Bewunderung auslöste. Sie hatten, zuerst noch jede für sich allein, ohne sich zu kennen, an den friedlichen Protesten gegen die Politik der westlichen Welt in Genua teilgenommen. Dass eine andere Welt möglich wäre, davon waren sie noch immer überzeugt. Auch die prügelnden Polizisten hatten sie von ihrer Überzeugung nicht abbringen können.

Elfriede war als Letzte auf den offenen Lastwagen geworfen worden, den drei anderen, die zufällig die Vorletzten gewesen waren, buchstäblich vor die Füße. Sie blutete aus einer Platzwunde am Kopf. Der dicke, weiße Schal, den sie um den Hals gewickelt trug, sah aus wie ein hässlicher, durchweichter Verband. Die Klappe, die die Ladefläche abschloss, wurde hochgehoben und von außen festgemacht. Die kleine Blonde zog sich von innen mit beiden Händen an der Klappe hoch. Alle, die ihr zusahen, erwarteten, dass man auf ihre Hände schlagen würde. Der Wagen fuhr langsam an. Niemand schien Lust zu haben, hinterherzugehen und auf Hände zu schlagen. Und sie sahen Elfriede zu, die ihren Kopf bis über die Klappe gebracht hatte, und mit klarer, heller Stimme laut und deutlich ihr Schweine, ihr Schweine, ihr Schweine, sagte; so lange, bis sich ihre Hände von der Klappe lösten und sie den drei anderen, die zufällig in ihrem Rücken saßen, bewusstlos vor die Füße fiel.

In der Nacht war Sturm aufgekommen und gegen Morgen auch Regen. Bella war ein paar Mal wach geworden, hatte dem Toben des Windes zugehört, dann auch dem Regen und war am Morgen trotzdem ausgeschlafen und in bester Laune aufgewacht. Der Weg am Strand entlang würde anstrengend werden. Sie freute sich auf die Anstrengung. Sie beschloss, ungewaschen zu laufen und sich später mit einem ausgiebigen Bad und einem großen Frühstück zu belohnen.

Als sie die Haustür hinter sich zuschlug, empfing sie eiskalter Regen. Langsam und gleichmäßig lief sie hinunter an die Elbe. Je näher sie dem Flussufer kam, desto stärker wurde der Sturm, der nun nicht mehr von Bäumen und Büschen aufgehalten wurde. Am Ufer wandte sie sich nach Westen und verstärkte ein wenig ihr Tempo. Der Wind kam ihr entgegen, der übliche Westwind, ohne den die Stadt im Grunde nicht denkbar war, nur stärker als sonst, wütender. Sie lief eine halbe Stunde, eine wunderbare gedankenlose halbe Stunde lang, nur konzentriert darauf, sich dem Sturm entgegenzustemmen und den Regen auf dem Gesicht zu spüren. Dann machte sie kehrt und ließ sich vom Sturm zurückjagen. Erst jetzt hatte sie Lust, sich auf das einzulassen, was sie sah. Was sie sah, war ein grauer Himmel, graues Wasser, ein grauer Horizont, vor dem sich grau und drohend, die Helgen der Werft abzeichneten. Einen Augenblick lang bestaunte sie das Bild, das sich ihr bot, weil Himmel, Wasser und Hafen aussahen, als seien sie mit der gleichen grauen Farbe überzogen worden. Die Farbe - es war ein besonderes Grau, das sich ihren Augen darbot, und sie brauchte ein wenig Zeit, um das passende Wort dafür zu finden. Dann fiel es ihr ein: fregattengrau.

Meinetwegen auch U-Boot-grau, dachte sie, und trieb vor dem Wind dahin, froh darüber, den anstrengenden Lauf so gut bewältigt zu haben, ein passendes Wort für das Grau gefunden zu haben und in der angenehmen Erwartung auf das heiße Wasser.

Sie nahm die Zeitung auf, die hinter der Tür lag, setzte die Kaffeemaschine in Gang und zog die nassen Sachen aus. Nackt lief sie die Treppe hinauf, verschwand im Bad, öffnete den Hahn und setzte sich auf den Boden der Badewanne. Ein paar Mal, während sie das warme Wasser genoss, klingelte das Telefon. Sie kümmerte sich nicht darum. Nicht ans Telefon zu gehen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben oder beunruhigt zu sein, schien ihr der Inbegriff von freiem Leben.

Du frühstückst, während andere Menschen zu Mittag essen. Du liest, während andere Menschen fernsehen - du vögelst, während andere Frauen in die Kirche laufen und den lieben Gott um ein friedvolles Ende bitten, dachte sie, und musste lachen. Sie war immer noch bester Laune. Am Abend würde sie ihren alten Freund Kranz treffen.

Kranz: ehemalige rechte Hand des ehemaligen Innensenators. Der neue Innensenator brauchte keine rechte Hand mehr; er war selbst rechts. Kranz, der seit Jahren darüber nachgedacht hatte,/ seinen Job aufzugeben, sich aber nie hatte entschließen können, war froh, auf diese Weise vorzeitig und mit einem durchaus ansehnlichen Übergangsgeld aus dem Dienst ausscheiden zu können. Er hatte Bella zu einer Weltreise eingeladen. Sie war nicht darauf eingegangen. Kranz hatte vor, auf einem Luxusdampfer zu reisen, und sie konnte sich weder vorstellen, mit ihm so lange zusammen zu sein, noch mit den Leuten, die solche Schiffe bevölkerten. So war es dabei geblieben, dass er sie zu einem Abschiedsessen eingeladen hatte.

Zum Essen und allem, was dazu gehört, hatte Kranz gesagt, und Bella hatte fröhlich zugestimmt. Nach dem Frühstück würde sie eine gründliche Inspektion ihres Kleiderschrankes vornehmen. Kranz sollte würdig verabschiedet werden.

Von den Kleidern erwies sich einzig ein einfaches rotes als tragbar. Alle anderen waren entweder zu eng oder zu lang oder zu kurz. Das rote war vielleicht ein bisschen sehr tief ausgeschnitten. Aber weshalb sollte sie es nicht anziehen? Man könnte eventuell mit Ohrringen oder mit hochhackigen Schuhen oder mit irgendeinem anderen Firlefanz ein wenig vom Ausschnitt ablenken. Aber dann merkte sie, dass sie das gar nicht wollte, und amüsierte sich darüber, dass sie nahe daran gewesen war, kleinkarierten Bedenken nachzugeben. Sie legte das Kleid mitsamt allem Zubehör zurecht und ging die Treppe hinunter, um in Ruhe die Zeitung zu lesen.

Bella hatte den 11. September auf ihre Weise interpretiert. Ihr war nach kurzem Überlegen klar geworden, dass es sich um einen großen Sieg des Herakles und eine furchtbare Niederlage der Frauen und der Vernunft gehandelt hatte. Sie las seit diesem Tag die Zeitungen unter dem Aspekt, Beweise für ihre These zu finden. Sie fand sie an beinahe jedem Tag und sie wurde auch an diesem Tag nicht enttäuscht. Auf einem Foto waren Kanzler und Außenminister als Stammtischbrüder abgebildet, sich auf die Schenkel klopfend, die Gesichter zu grinsenden Grimassen verzogen, hämisch, hässlich und in vollem Bewusstsein ihres Sieges über die Frau, die an einem Pult neben ihnen stand und versuchte, eine Rede zu halten. Bella fand, dass dem Fotografen ein Jahrhundertfoto gelungen war. Gewaltsam und primitiv und schamlos führte sich Herakles auf, verlogen, machtgeil und gewissenlos.
Und du bleibst ruhig, legst tief ausgeschnittene Kleider zurecht und freust dich deines Lebens? Schämst du dich nicht, Bella Block?

Ne, dachte sie fröhlich, und genau in diesem Augenblick hörte sie die Klingel an der Haustür. Sie legte die Zeitung beiseite und ging, um zu öffnen.
Vor der Tür stand eine junge Frau. Am Straßenrand hielt ein Luxusauto, mit dem die Frau offenbar gekommen war. Der Chauffeur, ein Mensch mit einer Schirmmütze, stand mit dem Rücken ihr zugewendet an der Fahrertür. Die Frau trug eine teure Handtasche wie einen Schild vor sich her.

Bella Block?
Ja?
Wenn es so etwas gab wie Abneigung von der ersten Sekunde an, dann erlebte Bella sie gerade. Sie war in Versuchung, sich abzuwenden und die Tur hinter sich zuzumachen. Ein letzter Rest Neugier hielt sie davon ab. Was war das für eine Person, die solche Gefühle auslöste? Was wollte sie von ihr?
Ich muss Sie sprechen.
Bella musterte die junge Frau, sah hinüber zu dem Auto am Straßenrand und wandte sich wieder der Frau zu. Der Wind hatte zugenommen. Er versuchte, unter ihren Bademantel zu fahren.
Bitte, sagte Bella, und trat zur Seite. Ohne zu zögern ging die Person an Bella vorbei, betrat das Arbeitszimmer und blieb in der Mitte stehen. Betont langsam schloss Bella die Haustür und ging der Frau nach. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch und besah die Besucherin aufmerksam. Sie war jung, höchstens fünfundzwanzig, groß, sehr schlank, hatte ein schmales Gesicht, weiße Haut, große blaue Augen und schwarze Haare. Die Augenbrauen bildeten breite, dunkle Striche über den Augen. Die Figur und das Gesicht hätten, als sie sechzehn oder siebzehn gewesen war, einem Model gehören können. Diese Arbeitsmöglichkeit war jetzt vorbei. Was mochte sie also tun? Die dunkle Kleidung, Kostüm, Schuhe, Tasche, zeigte das unter jungen Leuten zur Zeit übliche teure Understatement. Jede Farbe ist recht, wenn sie nur schwarz oder dunkelgrau ist. Die Sachen waren allerdings teurer, als für normale Angestellte erschwinglich. Und das Auto vor der Tür?
Bella spürte, dass sie ungeduldig wurde. S. 7-13

Lesezitate nach Doris Gercke - Bella Ciao










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Titel von
Doris Gercke
 Taschenbuch



Weinschröter, du mußt hängen.

Ein Bella Block Roman
© 2000



Die Frau vom Meer.

Ein Bella- Block- Roman.
© 2002



Moskau meine Liebe.

Ein Bella- Block- Roman.
© 2001



Ein Fall mit Liebe.

Ein Bella Block Roman.
© 2001



Dschingis Khans Tochter.

Ein Bella- Block- Roman.
© 1998

 Hardcover



Ein Fall mit Liebe.

Ein Bella Block Roman.
© 1994



Die schöne Mörderin.

Ein Bella Block Roman.
© 2001



Auf Leben und Tod.

Ein Bella Block Roman.
© 1995


© 14.11.2002
by Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de