... reinlesen




... reinlesen

In dreieinhalb Stunden werde ich gehen.
Vor dreieinhalb Stunden habe ich zu heizen begonnen. Weil ich nicht frieren will, wenn ich heute nacht hierher zurückkehren muß. Ich möchte nicht frieren wie in den letzten zehn Tagen. Nachdem ich den Brief erhalten hatte, ließ ich das Haus auskühlen. Am Thermometer im Korridor überprüfte ich, sooft ich daran vorbeikam, ob die blaue Säule wieder ein Stück gefallen war. Zu frieren erschien mir notwendig, um mich innerlich von allem zu lösen, und es bereitete auf das Kommende vor. (S. 5)
Daß ich hier geboren wurde ist im Grunde Großvaters Schuld. Nachdem er Margarete geheiratet hatte, suchte er in Berlin ein Grundstück. Zwei habe er in die engere Wahl gezogen, hat er uns früher immer wieder erzählt. Und wie er, am entscheidenden Tag, erst nach Britz fahren wollte, um sich dort das Bauland anzuschauen. Aber die Straßenbahn in den Südwesten sei ihm vor der Nase weggefahren, auf die nächste hätte er eine halbe Stunde warten müssen, also habe er sich auf den Weg in das östliche Stadtviertel gemacht, ins sogenannte Drei-Seen-Gebiet. (S. 19)
........... weiter....

Lesezitat nach
Katrin Askan - Aus dem Schneider


Aus dem Schneider
Katrin Askan - Aus dem Schneider

Die Autorin Katrin Askan wurde 1966 in Ostberlin geboren; später floh sie in den Westen. Damit hat sie das Thema ihrer späteren Veröffentlichungen "A - Dur" (1996) und "Eisenengel" (1998) gefunden.

Judith, die Hauptperson des neuen Romans <I>Aus dem Schneider</I>, trägt ebenfalls stark autobiografische Züge ihrer Schöpferin. Sie lebt in Ostberlin und hat sich nach dem Vorbild des Vaters, der nach einem Besuch nicht mehr aus dem Westen zurückkehrt ist, ebenfalls zur Flucht entschlossen.

Einige Stunden bevor es losgehen soll, ist sie dabei, von ihrem Elternhaus Abschied zu nehmen. Ein letztes Mal streift sie durch die leeren Zimmer, denkt mit Wehmut an ihre vier Jahre ältere Schwester Ruth, die wegen Staatshetze im Gefängnis sitzt und den Gedanken an die Freiheit im Westen mit dem Satz abgetan hat: "Frei kann man nur innerlich sein, das ist eine Einstellung. Entweder du hast sie, oder sie fehlt dir überall."

Der Grund, warum Judith in der DDR und nicht im Westen aufgewachsen ist, ist denkbar banal. Ihr Großvater hat, als seine Frau schwanger war, in Berlin ein Grundstück gesucht, um ein Haus zu bauen. Zwei hatte er zur Auswahl gehabt. Da ihm aber die Straßenbahn in den Südwesten vor der Nase weggefahren ist, und er auf die nächste eine halbe Stunde hätte warten müssen, machte er sich auf den Weg in das östliche Stadtviertel. - Eine folgenschwere Entscheidung.

Katrin Askan verfolgt die Geschichte von Judiths Familie über fünfzig Jahre und während zweier Diktaturen, von 1936 bis 1986 und erzählt sie in einer glasklaren, schnörkellosen Sprache. Geschickt arbeitet sie mit zwei zeitlichen Erzählsträngen, die sie am Schluss raffiniert miteinander verknüpft. Ein wichtiger Roman, der verhindert, dass die quälenden Jahre in der untergegangenen DDR allzu schnell vergessen werden.



Katrin Askan - Aus dem Schneider
2000, Berlin, Berlin Verlag, 298 S.

dieses Buch bestellen Email Lieferbedingungen


Fortsetzung des Lesezitats ...

Vater sah es nicht gern, wenn wir dort spielten, er warnte uns, dieser Weg sei unübersichtlich und deshalb gefährlich. Über das Gefängnis sprachen wir nie. Aber so lange ich zurückdenken kann, habe ich gewußt, daß dort keine Verbrecher eingesperrt waren. Sondern Politische. Habe ich , als Kind jemals nachgefragt, was sie getan hatten?

Ruth ist eine Politische. Sie wurde wegen Staatshetze verurteilt. Ob wir dasselbe empfanden, auf diesem schmalen Weg, auf dem wir unsere Rollschuhe abschnallen mußten, weil er zu sandig und zu steinig war und den wir nur flüsternd gingen, bis wir an die Gleise gelangten. Die Gleise kamen aus einem Tor in der Gefängnismauer. (S. 36)

Ruth hatte Semesterferien, konnte aber nicht nach Berlin kommen, weil sie für Prüfungen lernen mußte. Ich schrieb ihr. Daß unser Haus und Grundstück von nun an treuhänderisch vom Staat verwaltet werden sollten, weil er Besitzer ins westliche Ausland verzogen sei. So war es mir mitgeteilt worden. Obwohl der Brief vielleicht abgefangen und gelesen wurde, bat ich Ruth, noch einmal zu überdenken, ob wir nicht beide gemeinsam einen Ausreiseantrag, einen Antrag auf Familienzusammenführung mit Vater, stellen sollten. Die Antwort kam postwendend. Zur Zeit ist mir ein solcher Schritt unmöglich, schrieb Ruth. Und was sie mir im Grunde gar nicht hatte sagen wollen, damit ich mich nicht sorgte: Ihr Studienplatz war Gefahr. Die Universitätsleitung drohte mit Exmatrikulation, falls sie sich nicht von Vater distanziere. (S. 77)

Ich begriff, daß es etwas Schlimmeres als Verhöre gab:
Die Ungewißheit der Zurückgebliebenen. (S. 98)

- Das wäre drüben auch nicht anders, entgegnete Ruth. Frei kann man nur innerlich sein, das ist eine Einstellung. Entweder du hast sie, oder sie fehlt dir überall. (S. 128)
Er geht Arnold aus dem Weg. Sogar auf den wöchentlichen Skat mit Bruno verzichtet Rudolf, obwohl er dabei fast immer gewinnt. Zu einem Spiel mit seinem Bruder ist er nur noch sonntags bereit, wenn Hilding zu Besuch kommt. Seit Margaretes Beerdigung haben es sich die drei angewöhnt, direkt nach dem Mittagessen anzufangen, sie sitzen über en Karten bis Hilding am Abend auf die Uhr tippt und erklärt, er müsse nach Hause, nach Westberlin. Er bricht jedoch nie auf, wenn er nicht aus dem Schneider ist. (S. 185)
Lesezitat nach Katrin Askan - Aus dem Schneider


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 8.2.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger