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Mein Interesse an Anne Frank begann in einem sehr frühen Alter. Mit sechs oder sieben stieß ich auf ihre Geschichte und mit acht Jahren las ich das Tagebuch. Die Fragt, die ich im Laufe der Zeit - und besonders während der Arbeit an diesem Buch - am häufigsten gehört habe, tautet: " Was hat dich so sehr zu Anne Frank hingezogen?" Ich glaube, ich habe selbst so lange keine Antwort gewußt, bis mir jemand eine andere Frage stellte: Ob ich beim Schreiben des Buches auf etwas gestoßen sei, das mich veranlaßt habe, meine Meinung über Anne Frank und mein Bild von ihr zu ändern? Ich antwortete instinktiv: "Nein, wirklich nicht. Ich habe sie am Anfang sehr gern gemocht, und ich mag sie immer noch sehr." So einfach ist das. S.9

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Lesezitat nach Carol Ann Lee - Anne Frank


Anne Frank
Carol Ann Lee - Anne Frank

Das "Tagebuch" der Anne Frank gehört zu den wichtigsten Veröffentlichungen über den Holocaust. Heute ist es Pflichtlektüre in den Schulen, doch als Anne Frank in Amsterdam in ihrem Versteck im Hinterhaus ihre Aufzeichnungen niederschrieb, war sie nicht sicher, ob diese jemals ein anderer lesen würde.

In erschütternder Weise dokumentiert sie das Leben ihrer Familie, die sich zusammen mit einer befreundeten Familie vor der Verfolgung der Nazis versteckt hält. Über die Dauer von zwei Jahren konnten sie ihre Tarnung wahren, dann stand am 4. August 1944 die Gestapo vor der Tür. Im Nachwort zum "Tagebuch" heißt es kurz und knapp: "Im März 1945 starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen, zwei Monate vor der Befreiung unseres Landes." Was war in den Monaten von August 1944 bis März 1945 geschehen?

Die englische Publizistin Carol Ann Lee erhielt für ihre Arbeit über das kurze Leben der Anne Frank erstmals Zugang zu neuem, unbekanntem Dokumentations - Material und sie stellt in ihrer Biografie Anne Frank als ein junges, aufgewecktes Mädchen dar, das "im normalen Leben" die Montessori Schule besucht. Sie beschreibt sehr ausführlich und genau die Deportation der ganzen Familie Frank in das Vernichtungslager Auschwitz. Dort starb die Mutter Edith Frank, die beiden Töchter, beide schon ausgehungert und krank, wurden nach Bergen-Belsen gebracht.

Ein weiterer Aspekt des Buches ist die Frage: Wer hat die Familie Frank in ihrem Versteck verraten? War es tatsächlich ein Lagerarbeiter?

Otto Frank, der Vater, hat den Holocaust in Auschwitz überlebt und veröffentlichte das Tagebuch seiner Tochter. Fünf Seiten daraus hat er entfernt. Carol Ann Lee hatte die Möglichkeit, diese Seiten einzusehen. Es handelt sich um sehr intime Gedanken Anne Franks und wenig schmeichelhaftes über die Ehe ihrer Eltern.

Vor allem junge Leser, die nach der Lektüre des "Tagebuchs" mehr über dessen Autorin wissen wollen, die erfahren aus dieser flüssig geschriebenen Biografie eine Menge neuer, gut recherchierter Informationen.


Carol Ann Lee - Anne Frank
aus dem Amerikanischen von
Bernd Rullköter und Ursel Schäfer
Originaltitel: © 1999, "The Biography of Anne Frank"
2000, München, Piper Verlag, 414 S.,
2003, M&uauml;nchen, Piper, 414 S., 9.90 EURO

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Fortsetzung des Lesezitats ...

Im Januar 1933 wurden die Nazis erwartungsgemäß als größte Partei in den Reichstag gewählt, am 23. März 1933 riß Hitler die Macht an sich. Er benutzte den Reichstagsbrand im Vormonat, für den angeblich ein junger niederländischer Kommunist verantwortlich war, als bequemen Vorwand für die Abrechnung mit seinen politischen Gegnern. Einer der verhafteten Männer erhielt hundert Peitschenschläge, weil er Kommunist und Jude war.

Zu Otto Franks Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, trug nicht zuletzt die gleichgültige Reaktion von Bekannten auf die Nachricht von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler bei .

Wie viele Familien lebten die Franks so normal wie möglich in einem Land, das ihre Staatsbürgerschaft nicht mehr anerkannte. Daß Otto im Krieg für Deutschland gekämpft hatte, war nun bedeutungslos.

Uniformierte Nazis mit Hakenkreuzfahnen, den Arm zum Hitlergruß erhoben, schrien: "Juden raus! Juden raus!" S.46

In den fruhen dreißiger jahren flohen immer mehr Juden vor den Nazis nach Holland. ... Viele Flüchtlinge ließen sich in den neuen Vierteln in Amsterdam-Zuid nieder. Familie Frank mietete ihre Wohnung am Merwedeplein 37 im sogenannten Flußviertel. Die Wohnung war geräumig, ein großes Zimmer in der oberen Etage beherbergte im Laufe der Zeit eine Reihe von Untermietern. Die Franks hatten ihr gesamtes Mobiliar aus Frankfurt mitgebracht, Ediths geliebter Sekretär stand zwischen den beiden Fenstern im Wohnzimmer. S.54

Die Franks fühlten sich in der neuen Umgebung auf Anhieb wohl. Margot wurde in einer Grundschule in der Jekerstraat, dem Merwedeplein gegenüber, angemeldet. Sie schloß einige enge Freundschaften und fiel bald als begabte Schülerin auf. Anne besuchte den Kindergarten der Montessori-Schule in der nahegelegenen Niersstraat. S.55

Nach der Besetzung des Rheinlands durch Hitler wuchs die Spannung überall in den Niederlanden. Die Gefahr eines Einmarsches drohte, auch wenn das deutsche Außenministerium den Hollöndern ständig versicherte, daß ihre Neutralität nicht angetastet werde. S.69

Eva Schloss kommentiert: ''Heute fragen die Leute immer, warum habt ihr dieses oder jenes getan, aber wir waren so eingeschüchtert. Wir dachten: "Wenn wir tun, was von uns verlangt wird, kommen wir schon zurecht." Man befiehlt dir, ein J auf deinem Paß zu haben, und du läßt es hineinstempeln. Besonders In einer kleineren Gemeinde wie Amsterdam, wo jeder weiß, wer Jude ist und wer woher stammt. Es gab eine Menge Nazis, und man wußte nicht, wem man trauen konnte, wer ein Spitzel war an einen verraten würde. Wir dachten: "Wenn wir den Stern tragen und die Ausgangssperre beachten, wenn wir alles tun, dann wird uns nichts geschehen." Und das glaubten wir wirklich, zumal die Niederländer sehr stolz und hartnäckig sind und die Deutschen als Feinde betrachteten. Holländische Juden waren in den Niederlanden weitgehend assimiliert, man nannte sie immer "unsere Juden", und als der Stern eingeführt wurde, trugen ihn auch viele Christen. Außerdem war da noch der Streik gewesen, und wir dachten: "Nichts wird uns zustoßen, weil die Bevölkerung auf unserer Seite ist." S.139

Für Anne und Margot Frank brachte die zweite Hälfte des Jahres 1941 ein schreckliches Erlebnis mir sich: Sie mußten die Schulen, die sie liebten, verlassen. Anne war außer Lies Goslar keineswegs das einzige jüdische Kind in ihrer Klasse, sie hatte zwanzig jüdische Klassenkameraden und insgesamt siebenundachtzig jüdische Mitschüler. Die Kinder wurden zu einer speziellen Versammlung zusammengerufen und erfuhren, daß sie im neuen Schuljahr nicht zurückkehren würden. Anne weinte ...

S. 115

 

Der Judenrat vertrat offiziell die Ansicht, daß ein Untertauchen "für sehr viele aus finanziellen Gründen unpraktisch und für die große Mehrheit ganz unmöglich" sei. Wie viele Menschen diesen Ratschlag ignorierten, ist schwer festzustellen, aber Schätzungen zufolge lag die Zahl der Untergetauchten zwischen fünfundzwanzigtausend und dreißigtausend. Die meisten versteckten sich auf dem Lande, aber dort waren sie von den Razzien niederländischer Nazis bedroht, welche die Dörfer häufig nach verborgenen Juden absuchten. Unterzutauchen erwies slch in jeder Hinsicht als schwierig. Die Aufgabe aller Besitztümer und der gewohnten Lebensweise war nur eines von zahlreichen Problemen, mit denen sich die '"Untertaucher" konfrontiert sahen. Sie ließen sich auf eine beispiellose Existenz ein, in der ihr Überleben ganz und gar von Menschen abhing, die sie nicht immer kannten und denen sie zuweilen nicht einmal vertrauten. Ihre Qual wurde durch etliche Faktoren noch verstärkt; Zum Beispiel war es so gut wie unmöglich, sich im Versteck koscher zu ernähren. Vor allem wußte niemand, was er zu erwarten hatte und was von ihm erwartet wurde. Eva Schloss, die Im Sommer 1942 untertauchte, erklärt: "Man kann sich nicht vorstellen, was es bedeutete, in einem Versteck zu leben. Nicht hin- auszugehen und niemanden zu treffen - das ist etwas, das ein Kind nicht begreifen kann. Aber als wir tatsächlich untertauchten, dämmerte es uns allmählich. Ich war sehr lebhaft, ich war dreizehn Jahre alt und hatte soviel Energie, aber ich konnte einfach nichts unternehmen. Ich hatte große Angst und war sehr aufgeregt. Um mich abzureagieren, machte ich immer Ringkämpfe mit meiner Mutter. Es war sehr, sehr schwer." S.164

Da die Franks und ihre Freunde sich versteckt gehalten hatten, wurden sie als ''Strafjuden" klassifiziert. Sie kamen ins Straflager, in die Baracke 67. Insgesamt: waren etwa zehntausend Juden in der Strafbaracke untergebracht. Sie genossen noch weniger Freiheiten als die anderen Lagerinsassen. Statt ihrer eigenen Kleider mußten sie blaue Overalls mit roten Aufnähern auf den Schultern und Holzschuhe tragen. Den Männern wurden die Köpfe kahlgeschoren, den Frauen die Haare kurz geschnitten. Sie durften keine Seife benutzen und bekamen weniger zu essen als andere Häftlinge, obwohl sie härter arbeiteten. Sie mußten, wenn nötig, schwere Arbeiten außerhalb des Lagers verrichten und wurden innerhalb es Lagers mörderisch gedrillt. S.226

Eva Schloss, die erst kurz zuvor zusammen mit ihrer Familie aus Westerbork deportiert worden war, berichtet: "Als wir hörten, daß wir auf der Liste standen, versucht, daß wir auf der Liste standen, versuchten wir alles mögliche zu tun, um das zu ändern. Doch es nützte nichts. Die Menschen, die Liste erstellten, waren wohl größtenteils Juden, denke ich , an sie taten alles, um ihre Freunde und Verwandten zu schützen. Wir anderen mußten wohl oder übel gehen. Alle packten ihre Sachen zusammen, auch wenn man uns später alles wegnahm. Aber damals glaubten wir noch, daß wir einen kleinen Koffer oder andere Habseligkeiten behalten dürften. Wir hatten wirklich keine Ahnung, wie brutal die Mißhandlung in Auschwitz sein würde. Und wie bald wir das zu spüren bekommen würden.

1019 Personen (498 Frauen, 442 Männer und 79 Kinder) standen auf der Liste für den 93. Transport aus Westerbork. Es war der allerletzte Zug, der von Holland in die Vernichtungslager fuhr. In der Morgendämmerung des 3. September 1944 wurde der Boulevard des Miseres abgesperrt. Der Zug stand schon bereit. ''Eine lange Kette von Waggons war während der Nacht herangerollt, direkt ins Zentrum des Lagers. Nun wartete der Zug, bewegungslos, wie ein maskierter Henker, der seine blanke Axt verbirgt. S.232

Noch bevor Otto (Frank) einen Redakteur für das Typoskript gefunden hatte... (bat er) Cauvern, das Typoskript "auf grammatikalische Fehler nachzuprüfen und Germanismen auszumerzen, d. h. Ausdrücke abzuändern, die meine Tochter aus dem Deutschen übernommen hatte, die aber kein gutes Holländisch darstellten." Cauvern erzählt: "1ch hatte das Typoskript durchgelesen und nur Tippfehler (am Rand) verbessert. Schließlich habe ich das Nachwort hinzugefügt. Ich muß damals also gewußt haben, daß Otto Frank eine Veröffentlichung plante. Danach nahm Otto Frank das Typoskript, und was er anschließend damit gemacht hat, weiß ich nicht. Mit den weiteren Vorbereitungen der Publikation hatte ich nichts zu tun." Tatsächlich wies das Manuskript nach der Prüfung durch Cauvern eine ganze Reihe von Veränderungen auf - Verbesserungen der Grammatik, Interpunktion und Idiomatik sowie Streichungen. Zu Annes Worten wurde jedoch nichts hinzugefügt. Einige Änderungen sind in einer weiteren, noch nicht identifizierten Handschrift geschrieben. Miep und Jan Gies zufolge könnten sie von Kleiman stammen, der Otto Frank nach dem Krieg noch näher stand als zuvor.' Cauverns Nachwort lautete einfach: ''Hier endet Annes Tagebuch. Am 4. August überfiel die "Grüne Polizei" das Hinterhaus . . . Im März 1945 starb Anne im Konzentrationslager Bergen-Belsen, zwei Monate vor der Befreiung unseres Landes. S.306

Zur Zeit der Niederschrift des vorliegenden Buches, das heißt Im November 1998, befinden sich dic Tagebuchseiten noch immer in Cornelis Suijks Besitz, und es werden Schritte unternommen, um sie zurückzuerlangen. Suijk sagte, er werde die Seiten, sollte sich kein Sponsor finden, dem RIOD übergeben, das eine Aktualisierung der textkritischen Ausgabe plant. Die Seiten sollen in diese Ausgabe sowie in alle weiteren Ausgaben des Tagebuchs eingefügt werden. David Barnouw erklärt: "Zehn Jahre sind vergangen, seit wir diese Diskussionen -über die Streichungen- führten, und wir haben das Gefühl, daß die Zeit reif ist. Wir werden auch keine Fußnote einfügen. Die Leser sollen sich ihr eigenes Urteil bilden. S.361


Lesezitate nach Lee - Anne Frank


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 13.3.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger