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Im Sommer des Jahres 1998 setzte ich mich in ein Taxi, das vor dem Bahnhof einer deutschen Großstadt wartete. Die Taxifahrerin, eine mitteilungsbedürftige Frau Ende vierzig, begann mit mir zu plaudern und offenbarte mir - die sie nie zuvor gesehen hatte und nie wieder sehen würde - auf dem Weg zum Reiseziel ihr ganzes Leben in Kurzfassung. Es war ein sehr kummervolles Leben, dessen Tragödie im Verlust der einzigen Tochter gipfelte. Das Mädchen, knapp über zwanzig, sei Mitte der Neunzigerjahre in der Vorweihnachtszeit spurlos verschwunden, erzählte sie mir. Über zwei Jahre sei sie vermisst gewesen. Dann habe die Polizei ein Skelett aus dem Fluss gezogen und behauptet, es handle sich um die Gebeine ihrer Tochter . Die Todesursache sei nicht mehr festzustellen. Sie, die Mutter, habe nun der Polizei zu Protokoll gegeben, sie verdächtige den Liebhaber der Tochter, diese umgebracht zu haben. Die Beziehung sei eine Katastrophe gewesen, das Mädchen habe sich gefürchtet. Doch niemand habe sich für ihre Anklage interessiert, ernsthafte Nachforschungen angestellt oder sich gründlich um die Aufklärung der Todesumstände der jungen Frau bemüht. Es sei zum Verzweifeln gewesen. Als ich ausstieg, wusste ich: Sie wird ihr Leid dem nächsten Fahrgast wieder erzählen. lch habe noch oft an die Taxifahrerin und ihre tote Tochter gedacht, aber ich hielt ihre Geschichte für übertrieben oder für einen gruseligen Ausnahmefall im perfekten deutschen Ermittlungssystem. Heute weiß ich es besser. S. 7

Die Recherche führte mich in die Leichenkeller dieser Republik und in die Abgründe der staatlichen Todesermittlung. Der Zeitungsartikel wuchs sich aus zum vorliegenden Buch, welches das Dunkelfelkd der Tötungsdelikte in Deutschland auszuleuchten versucht. Unzählige Berichte fanden den Weg zu mir. Einige, die sich beweisen ließen, nahm ich in das Buch auf, einige, die sich nicht beweisen lassen, seien hier kurz erwähnt:

Da ist die Geschichte des Trunksüchtigen, der in der Garage heimliche Alkoholvorräte angelegt hat. Eines Tages befindet sich in dem zur Schnapsflasche umfunktionierten Terpentinbehälter tödliches Gift. Wie es in ihn hineinkam, hat die Polizei nie geklärt. Da ist die Geschichte des jungen Mädchens, das seiner Mutter gesteht, vom Vater jahrelang missbraucht worden zu sein. Am nächsten Tag fällt der Vater von der Leiter und bricht sich das Genick. Der Sturz fand seinen Platz in der amtlichen Unfallstatistik. Da ist die Geschichte der Abiturientin, die verschwindet und deren sterbliche Überreste Jahre später nur wenige hundert Meter vom Haus der Eltern gefunden werden. Todesursache unklar. Solche Fälle passieren täglich in Deutschland. S. 8


Lesezitat nach Sabine Rückert - Tote haben keine Lobby



Tot ist tot
Sabine Rückert - Tote haben keine Lobby

unächst sollte es nur ein Artikel in der Wochenzeitung "Die ZEIT" werden. Doch die Nachforschungen der Journalistin Sabine Rückert wurden immer umfangreicher und erschreckender. Jetzt liegen ihre Erkenntnisse in dem hervorragenden Sachbuch vor: "Tote haben keine Lobby - Die Dunkelziffer der vertuschten Morde".

Man glaubt es kaum, was hier zu lesen ist. "Die Recherche führte mich in die Leichenkeller dieser Republik und in die Abgründe der staatlichen Todesermittlung." Längst ist nicht jeder "natürliche Tod", der von gestressten Ärzten vorschnell bescheinigt wird, tatsächlich einer. Häufig tritt diese Fehldiagnose bei alten Menschen auf. Hier wird flugs eine Bescheinigung gezückt, da das Ableben im Alter keine störenden zusätzlichen Fragen aufkommen lässt. Doch wie oft hier nahe Angehörige beim "natürlichen Tod" ihre Finger im Spiel haben, das beschreibt Sabine Rückert in einer Fülle von detaillierten Fallbeschreibungen. Genau diese machen ihr Sachbuch zu einer True-Crime - Geschichte, die dem Leser bei der Lektüre die Haare zu Berge stehen lassen. Da wimmelt es von "Geliebten, die aus dem Fenster gestoßen werden, Erdrosselten, bei denen der Eindruck eines autoerotischen Unfalls erweckt werden sollte."

Tatsächlich gilt auch heute noch der Satz: "Wenn auf den Gräbern aller Ermordeten ein Lichtlein stünde, wären die Friedhöfe hell erleuchtet."

Krimifans, die gedacht haben, einen richtig guten Mord gibt es nur in Büchern, die werden von Sabine Rückert eines Besseren belehrt: Die Realität hat den perfekten Mord längst entdeckt und bis in alle Einzelheiten ausgefeilt. Und am Ende steht nicht die Überführung des Bösewichts, sondern da fällt Erde auf einen Sarg und jemand reibt sich die Hände. © manuela haselberger

Sabine Rückert - Tote haben keine Lobby
2000, Hamburg, Hoffmann und Cam pe, 303 S.

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Fortsetzung des Lesezitats ...

Die Wissenschaftler legen Wert darauf, dass ihre Hochrechnung "vorsichtig und konservativ" sei. Dennoch kommen sie bei ihrer Dunkelfeldschätzung zu dem Schluss, "dass jährlich in der Bundesrepublik mit insgesamt 11 000 bis 22000 nicht natürhchen Todesfällen zu rechnen ist, die bei der Leichenschau als natürlich klassifiziert werden. Darunter 1200 bis 2400 Tötungsdelikte." Ruft man sich nun die offiziellen Zahlen der Kriminalpolizei ins Gedächtnis zurück (also etwa 1500 bis 2000 Fälle von Tötungen und tödlichen Körperverletzungen pro Jahr), bedeutet das Ergebnis: Mindestens jede zweite Tötung in Deutschland bleibt unerkannt. Oder mit anderen Worten: jedes Jahr geht in Deutschland die Titanic mit Mann und Maus unter, ohne dass es einer merkt. S. 19

Die Mordkommission kann sich zu Tode ermitteln, sie wird nicht erfahren, woran einer starb, wenn sie ihn nicht öffnen lässt. Stürzt ein Arbeiter vom Gerüst und stirbt, gibt es für das, was passiert ist, mehrere Erklärungsmöglichkeiten: Er hat danebengetreten. Er hatte einen Herzanfall. Er war betrunken, er wurde gestoßen. Im Zentrum des Geschehen liegt immer die Leiche. Deshalb ist eine Obduktion die sicherste Methode zur Aufklärung.

Trotzdem wird - die Zahlen stammen aus dem nördlichen Westfalen, dürften aber für weite Teile der Bundesrepublik repräsentativ sein - bei nur etwa 20 Prozent der Unfalltoten vom Staatsanwalt eine innere Leichenschau angeordnet. Bei Verkehrstoten sind es sogar nur 10 Prozent, obwohl Obduzenten gerade bei Opfern von Autounfällen immer wieder zu völlig unerwarteten Diagnosen gelangen: Lastwagenfahrer liegen, voll gepumpt mit Heroin, tot im Führerhäuschen; Porschefahrer kleben an einem Brückenpfeiler - mit Kopfschuss; Menschen, die ein friedvolles Leben geführt haben, stürzen plötzlich mit ihrem Fahrzeug von der Autobahnbrücke in die Tiefe - die Blutanalyse weist Schlafmittel und Alkohol in hoher Konzentration nach. Wie kann so etwas geschehen? S. 178

Solche Verhältnisse zeigen jedoch, dass den Rechtsmedizinern auch aus Richtung Justiz immer wieder kalte Böen ins Gegicht blasen. Beklagen sie sich - zu Recht - über schwindende Rechtssicherheit, die nachlassende Akribie der Polizei und die sinkende Obduktionsmoral der Strafverfolgungsbehörden, werden den Vorwürfen in Staatsanwaltschaften und Justizbehörden gern eigennützige Motive zugeschrieben. S. 199

Nach diesem Prinzip verfährt derzeit zum Beispiel auch das Ministerium für Bildung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen: Weil Schulen ein Massenpolitiktum sind, spart man an den Universitäten; weil es zu viele Mediziner gibt, spart man an den medizinischen Fakultäten, und weil man nicht einfach ganze Fakultäten schließen kann (das würde auf der Ebene der Lokalpolitik scheitern) , fährt man mit dem Läusekamm durch die medizinischen Disziplinen und prüft nach, auf wefche sich am schmerzlosesten verzichten ließe. Natürlich nicht auf Disziplinen wie Anatomie, denn ohne die gäbe es keine Medizin. Dann sind da noch die zentralen Fächer, die an keiner Fakultät fehlen dürfen: die Chirurgie, die lnnere Medizin, die Gynäkologie. Also müssen Nebenfächer verschwinden. Die Augenheilkunde zum Beispiel. Die Zahnmedizin. Die Neurochirurgie. Die Kardiochirurgie. Oder eben die Rechtsmedizin.

Deshalb diskutiert das Land Nordrhein-Westfalen derzeit, in den nächsten Jahren vier der sechs Universitätslehrstühle für Rechtsmedizin abzuschaffen, obwohl die siebzehn Millionen Menschen (!) in diesem Bundesland ohnehin rechtsmedizinisch unterversorgt sind. Das Institut in Aachen wurde zum1. August 2000 "ersatzlos abgeschafft". Die Institute Essen, Bonn und Düsseldorf stehen auf der Abschussliste. Andere Länder wie Hessen oder Schleswig-Holstein sind im Begriff, dem nordrhein-westfälischen Beispiel zu folgen: Die Lehrstühle in Marburg und Lübeck sind schon gekippt.

Der Prozess wird sich folgendermaßen vollziehen: Zuerst wird die forensische Ausbildung der Medizinstudenten schlechter, auch wenn diese es zu Beginn vielleicht gar nicht merken - Rechtsmedizin ist das Fach, welches die Kenntnisse von der Leichenschau vermittelt, von der Pathologie der nichtnatürlichen Todesursachen und der Pathologie der überlebten Traumatisierungen wie Kindesmisshandlungen oder Vergewaltigungen. Der werdende Arzt, egal, ob er später in der Ambulanz, im Krankenhaus oder in einer eigenen Praxis tätig sein wird, muss lernen, bei einer Verletzung, beispielsweise am Körper eines Kindes, zwischen Fremdeinwirkung und Unfall zu unterscheiden oder bei einer Leiche die Merkmale zu erkennen, die auf einen nicht natürlichen Tod hindeuten. Er ist später der entscheidende Weichensteller im deutschen Leichenschausystem - er wird den Totenschein ausstellen oder die Polizei rufen.

Daher sieht die medizinische Ausbildung bisher vor, dass die Studenten nicht nur eine Vorlesung in forensischer Medizin hören, sondern auch an einem praktischen Kurs teilnehmen müssen. Am Ende des Studiums werden alle Mediziner im Fach Rechtsmedizin geprüft. Wird nun einer der Lehrstühle geschlossen muss das Ordinariat in der nächstgelegenen Universität die Lehrtätigkeit mit übernehmen. S. 201

Je weiter ein Leichenfundort vom nächsten Rechtsmedizinischen Institut entfernt liegt, desto geringer ist, wie in Kapitel 3 gezeigt, die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer einem Rechtsmediziner unter die Augen gerät. Da sich die Entfernungen nach der Schließung von Rechtsmedizinischen Instituten noch vergrößern, werden also nur noch die offenkundigsten und allernotwendigsten Fälle zur Sektion transportiert werden. S. 202

Aber auch die lebendige Patientenschaft trifft die Schließung der lnstitute am Nerv. Es sind die Wehrlosesten dieser Gesellschaft, die den Kundenkreis der Rechtsmedizin ausmachen: Kleine Kinder, an denen entmenschte Erwachsene ihre Wut auslassen. Alte und pflegebedürftige Leute, die von ihren Verwandten hilflos im Kot liegen gelassen werden. Frauen, von ihren alkoholisierten Männern vergewaltigt und halb totgeschlagen. Das ist die Klientel, aus der die traurigen Prozessionen bestehen, die zur Rechtsmedizin pilgern, weil diese für ihr Recht eintritt. Niemand wird auf die Idee kommen, derart Malträtiere zur Untersuchung in die nächste Großstadt zu schicken, und aus eigenem Antrieb werden sie sich nicht dorthin aufmachen. Ihre Verletzungen wird folglich kein Experte mehr zu Gesicht bekommen. Die Beurteilung der Gewalt- oder Vernachlässigungsspuren wird nun von Gynäkologen, lnternisten oder Kinderärzten vorgenommen werden, die von forensischer Medizin - und hier schließt sich der Teufelskreis - immer weniger verstehen. S. 203

Lesezitate nach Sabine Rückert - Tote haben keine Lobby


© 7.12.2000 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de