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Selbstmord als Lebensrettung
Russell Artus - Unperson

Russell Artus, geboren 1969, gehört zu den jungen, noch unbekannten niederländischen Autoren.
In Deutschland erschien 1998 der erste Roman "Eine Nacht wie alle anderen", doch jetzt schiebt er mit "Unperson" einen dicken Wälzer nach, der sich schon allein wegen seines Umfangs schwerlich übersehen lässt.

Joris, zweiundzwanzig Jahre, hat seine jüngere Schwester Maud verloren. Sie beging Selbstmord und Joris fühlt sich von ihr, die er über alle Maßen liebte, im Stich gelassen. Ein Stück weit gibt er sich selbst die Schuld an ihrem Suizid, denn Maud war schwanger und er hat darauf bestanden, dass sie das Kind nicht bekommen sollte. Nun steht ihr Tod als unumstößliche Tatsache vor ihm und in seiner Trauer, am liebsten würde er Maud sofort folgen, schließt er sich einer kleinen Gruppe an, die von Gerard, einem selbst ernannten Psycho-Guru geleitet wird.

Mit Gerards Hilfe will Joris versuchen, den eigenen Willen zu überwinden, zu einer "Unperson" zu werden, die keine eigenen Wünsche und Bedürfnisse mehr empfindet. Um das Gelingen seiner Unterweisung zu überprüfen, stellt Gerard ihm die Aufgabe, sich eine Freundin zu suchen und mit ihr die Geschichte Mauds zu wiederholen. In allen Konsequenzen.

Das Mädchen Lidje, mit ihren sechzehn Jahren eine ehrgeizige Schülerin und sozial engagiert, die Joris in der Tanzstunde kennen lernt, ahnt nichts von seinen Beweggründen. Sie stürzt sich Hals über Kopf in ihre erste große Liebe. Sie merkt nicht, dass sie von Joris infam benutzt wird. Als sie, einen Monat nachdem Joris ihre Beziehung beendet hat, sich vom Dach eines Hochhauses stürzt, ist ihre Tat für ihre Familie unbegreiflich. Ihre jüngere Schwester Lien, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hatte, versucht ihre Handlung zu verstehen und beginnt nachzuforschen.
"Ich glaube sie hat das Leben einfach zu ernst genommen. Und letztendlich hat das Leben sie enttäuscht, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, warum."

Trotzdem in "Unperson" sehr viel die Rede ist von großen Gefühlen, die bis zum Tod führen, so handelt es sich dabei um einen Roman von enormer emotionaler Kälte, geschrieben in einer Sprache, die jede Regung akribisch seziert und von allen Seiten prüfend aufs Korn nimmt, teilweise bis an die Grenzen des Überdrusses beim Lesen. Die Menschen bei Russell Artus sind sich ihrer eigenen Empfindungen nicht sicher und sie gehen damit um, wie ein Kind mit Bauklötzen. Sie werden zur Kenntnis genommen, benutzt, zur Seite gelegt, doch eine "echte" Reaktion entlockt ihnen nur der Tod. Ein wenig erinnert dieses armselige, sexbesessene Monster, zu dem sich Joris im Laufe des Romans entwickelt, an eine houellebeqsche Figur.

"Unperson" ist auch das Porträt einer Gesellschaft ohne menschliche Regungen und eisiger Kälte, in der bei Scharlatanen billiger Trost gesucht wird. Diejenigen, die versuchen dagegen anzukämpfen scheitern, und fliehen in den Tod. Keine schöne Aussichten.
© manuela haselberger


Russell Artus - Unperson
Originaltitel: Onpersoonlijkheid, © 1999
Übersetzt von Sylke Hachmeister und Thomas Hauth

© 2002, München, Luchterhand, 603 S., 25 (HC)





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Alle nichts, niemand alles

Wer da klingelt, dem wird aufgetan.
Bedächtig damit meine ich, nicht allzu schnell, also langsamer als sonst, da ja alltägliche Handlungen bei genauerem Hinsehen langsamer ablaufen (oder abzulaufen scheinen) als sonst -, bedächtig bewegt sich mein Zeigefinger auf den weißen Knopf neben der Tür zu. Plötzlich wird er - das ist jetzt nicht mehr zu übersehen - noch langsamer. Er zittert, krümmt sich ein wenig, scheint zu zögern, spürt die Kälte wie einen Handschuh um seine Haut. Wie einen nassen Verband, in den er eingepackt wird. Dann wird der Finger wieder schneller. Ich behalte ihn genau im Auge. Kurz bevor er mit der Klingel in Berührung kommt, bleibt er wie erschrocken in der Luft stehen. Wie lange, frage ich mich, und ich zähle: fünf Sekunden, zehn, fünfzehn... Ein prickelnder Schmerz frißt sich mit der Entschlossenheit eines Siegers zum Knochen durch, direkt unter meinem feminin langen Nagel entlang. Ich lasse dem Frost alle Zeit, meine ganze Hand zu besetzen. Nachdem ich den knochigen Körperteil rund zwei Minuten in der violett schimmernden Abendluft beobachtet habe, fängt mein Zeigefinger an zu kribbeln, mein Arm wird schwer und steif, und die Kälte kriecht an meinen Fersen entlang nach oben. Ein paar Tropfen verlassen meine Nase und firnissen meine Oberlippe. Ich grinse. Ich stelle mir nicht eine einzige Frage, sondern klingele, fast ohne die Berührung mit dem Knopf wahrzunehmen.

»Bäuchlein, bist du das?«
Boukje, von mir bisweilen Bäuchlein genannt, taucht auf, in ein lächerliches Gewand gehüllt blau, lang, glitzernd. Sie hat es sich ein paarmal locker um den Körper gewickelt und es dann mit einem Gürtel zugeknotet. Ich frage sie, ob wir uns jetzt auch schon verkleiden müßten, worauf sie mir einen Blick zuwirft, als hätte ich sie ausgelacht. Dann sagt sie, daß ich nicht so herablassend tun soll und daß meine Neigung, überall die Nase reinzustecken, Ausdruck meiner Herrschsucht sei, die ich ihrer Meinung nach lieber der Verwirklichung unseres Ziels widmen sollte.

»Tu ich ja auch, Bäuchlein. Tu ich ja auch.« Mit steifen Fingern, die sich anfühlen, als wären sie mir gerade erst an die Knöchel genäht worden, und die das Blut, das sich in ihnen einen Weg zu bahnen versucht, leicht zögerlich begrüßen, schäle ich mich umständlich aus der Jacke. »Hoffentlich hältst du es für gerade noch vertretbar, wenn ich das Wetter mit einem aufrichtig gemeinten "Scheiße" kommentiere.«

»Wirklich, was für eine Kälte.
»Beunruhigend.«
»Warum ziehst du auch keine Handschuhe an?

Eine rhetorische Frage. Meine Antwort besteht aus einem Achselzucken, einem Imitieren ihres Lächelns, dem leichten Schräglegen meines Kopfes und, wer weiß, aus noch ein paar solcher Ticks. Mit dem Schal tupfe ich mir Nase und Oberlippe ab - Boukje tut, als ob sie nichts merkt - und werfe das Stück Wolle zusammen mit der Jacke achtlos über die Garderobe.
»Zum Glück ist es hier besser«, sage ich.
Ich folge ihr durch die Diele, einen langen, trüb en Tunnel mit Glühbirnen als Lichtquelle, abblätternder Farbe als Wandschmuck und Linoleum als Fußbodenbelag; sie mittendrin als unübersehbares Medium, was mich zu der Bemerkung veranlaßt: »Du sieht aus wie eine spirituelle Heilerin, gibst du auch Privatsitzungen? «
Ich verfolge damit keine Hintergedanken, diesmal jedenfalls nicht, Boukje aber kann diese Bemerkung nur auf eine einzige Art interpretieren und »bestraft« sie mit einem verführerischen Blick über die Schulter und mit einem Schmollmund, der verspricht: »Nur für dich, Liebling.« Gleich darauf, scheinbar besorgt: »Paß gut auf, wo du hintrittst!«

Heute abend hat sie das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, wodurch sie älter und strenger wirkt. Wie eine Respektsperson. Dabei ist sie noch keine Zwanzig und furchtbar süß.

Natürlich passe ich nicht auf, wo ich hintrete, ich achte nur auf sie. Das Gewand - ich frage mich, ob sie darunter noch etwas anhat - schleift hinter ihr geräuschlos über den Boden; vorne hat sie es geschürzt. Dies verleiht ihrem Gang etwas Feierliches, aber auch etwas Träges und Behutsam es, meinetwegen sogar etwas Vornehmes, und alles zusammen verstärkt den Eindruck, es eher mit einer älteren Frau zu tun zu haben. Wenn sie nur eine Pirouette drehen würde, eine professionelle Pirouette - schnell, fließend, gekonnt. So eine, wie Savannah sie hinlegt, in dem Film, in dem sie diese hypergeile, quecksilbrige Braut spielt. Oder wie Eiskunstläufer sie ständig machen. Aber erst, wenn ich ihr das Kleid bis über die Knie hochgestreift habe, worauf es von selbst in Richtung Hüfte kriecht, so daß ich sehen kann, was ich vor mir habe, und beurteilen kann, ob es sich lohnt, mich auf den Rücken zu legen und die Aussicht zu genießen. Wenn ich zum Beispiel jetzt einen Fuß ein wenig weiter nach vorne setzen würde als nötig...

»Willst du einen Kaffee?« Ihre Stimme: wie aus der Kehle einer Elfe.
»Zu so einem verführerischen Angebot sage ich nicht nein.« Gemeinsam verschwinden wir in die Küche.
»Erzähl das nachher mal Gerard«, sagt sie, als ich mir in die Hände puste, wobei ich einigen Abstand zum Heizkörper halte, obwohl ich weiß, daß die derzeitige Betäubung in meinen Fingerspitzen durch den Kontakt mit einer Wärmequelle in ein wohliges Prickeln übergehen würde - mit einer Wärmequelle jedenfalls, die stärker und konstanter ist als mein Atem.
«Was, daß ich gerne Kaffee trinke?«
»Daß du deine Herrschsucht in den Dienst unseres gemeinsamen Ziels stellen willst.«
»Selbstredend, Bäuchlein.«
Sie nimmt einen Becher aus dem Schrank. Zieht die Thermoskanne über die Anrichte zu sich heran. Dabei fällt mir auf, daß sie sich die Fingernägel geschnitten hat. Sie sind unlackiert. Nackt. Doch sie glänzen wie Olivenöl auf einem Salatblau. Dann frage ich sie, wobei ich ihre Aufmachung meine - im Kopf gewalttätige Schweinereien neben Bildern, die nichts als Rührung hervorrufen -, ob es irgend etwas Neues gebe. Beim Einschenken erzählt sie mir von einer neuen Übung. Gerard habe sie für heute zur »Auserwählten« bestimmt.
»Du meinst, zur Zielscheibe», sage ich, worauf sie den Kopf schüttelt.
«Ein oder zwei Stück Zucker?«
Ich denke nach Habe keine Lust, darüber nachzudenken, und sage, was mir gerade so einfällt. »Drei.«
»Die Einzelheiten«, fährt Boukje fort, »will er uns selbst mitteilen.«

Ich weiß nicht, ob ich jetzt froh, enttäuscht oder sogar ein wenig traurig sein soll, da ich eine Schwäche für Boukje habe. Als eine der wenigen jungen Frauen in der Gruppe hat sie etwas Mütterliches an sich, als würde sie sich ständig um alles und jeden sorgen. Das erinnert mich an Maud, meine kleine Maud, und ich möchte nicht, daß jemand, den ich liebe, als Zielscheibe herhalten muß, auch wenn ich einen Funken Erregung nicht unterdrücken kann, weil Gerard nicht mich als Zielscheibe ausgeguckt hat und mir der Gedanke an eine winselnde, sich sträubende, in Panik geratende Boukje seltsamerweise nicht gerade unangenehm ist. Anscheinend wird ihr das auch gerade klar, denn sie schüttelt, als sie den Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkt, erneut den Kopf und boxt mich leicht in die Schulter.

Im Wohnzimmer erwarten uns Ben, Franko, Rick und Gerard in ihren üblichen Klamotten, soll heißen in Jeans und Pullover. Im Schneidersitz (oder etwas in dieser Richtung) sitzen sie auf dem Wollteppich, mit dem Rücken an Sofas gelehnt, die mitten im Raum stehen. Ich grüße und setze mich dazu, Becher auf den Knien, Visionen von eindringenden Flöhen, Milben und anderem Ungeziefer verdrängend, ziellos in den Raum blickend.

Ich frage: «Was soll denn das mit dem Gewand?«
«Eine neue Übung.«
Ich schlürfe an meinem Kaffee; Boukje, Boukje hat ihn gemacht, ich trinke Boukjes Kaffee, drei Stück Zucker.
»Ja, das hat Bäuchlein auch schon gesagt. Aber was für eine Übung?«
»Wird Gerard uns gleich sagen.«
»Geduld, mein Freund, Geduld«, pflichtet Gerard bei. »Mischa und die Frauen sind noch nicht da. Und ich habe wenig Lust, alles zweimal zu erzählen.«
»Eigentlich müßtest du dann ja alles zweimal erzählen. Gerade weil du keine Lust dazu hast«, sage ich vorwitzig, die Augenbrauen in die Höhe gezogen, den Geschmack von süßem Kaffee auf der Zunge.
»Werter Joris, möchtest du lieber der Lehrer sein?«

»Ob du vielleicht lieber der Lehrer sein möchtest?«
Lachend schaue ich in die abwartenden Gesichter um mich herum.
»Ihr Idioten«, sage ich dann schmollend.
Gerard allerdings fühlt sich ertappt. Er sagt: »Jetzt halt mal den Mund, mein Freund.«
Ich halte den Mund. Wärme die Hände am Becher. »Und Fleur?» fragt Rick nach einer Weile.
»Fleur hat sich abgemeldet.«
»Schade«, seutzt jemand. Ben.
Gerard, der Gründer der Gruppe und seit dem allerersten Treffen ihr führender> Autorität heischender Kopf, schneidet eine abfällige Grimasse und erhebt sich mit der Ausstrahlung eines Raufboldes. «Deine Enttäuschung deutet auf Unvermögen hin«, sagt er, jetzt in scharfem Ton.
Allgemeines Nicken, Zustimmung, und mehr aus Gewohnheit setze ich noch eins drauf: »Ja, Ben, auf Unvermögen.« Unterdessen stelle ich mir vor, wie ich ihm den Kaffee über den Kopf schütte, ihm das Knie ins Gesicht stoße und ihm den Ellbogen in die Magengrube ramme.

»Meine lieben Freunde, was soll das, sind wir hier etwa im englischen Unterhaus? Wir brauchen einander doch nicht nachzuäffen, oder? Auch du leidest unter diesem Laster, Franko. Und du auch«, zahlt Gerard es mir heim.

Ich schaue ihn an. Mustere ihn eingehend. Die Hände auf den Oberschenkeln, die Fingernägel braun vom Rauchen, die Augen hell und wachsam, der Hals kurz und muskulös, der Schädel kahl und glänzend, der Pullover weiß und ein paar Nummern zu groß, die Halskette dick und protzig... Und obwohl so ein Billiardkugel-Kopf bisweilen optisch verjüngt, sieht man ihm seine vierzig Jahre durchaus an. »Gut, Gerard. Natürlich, ich auch.«

Als ich schweige, kommt keine Reaktion. Was ich nicht tun will, tue ich; was ich tun will, lasse ich sein. So lauten meine Gedanken. Was soll das nur mit diesem Gewand?
Ich sage nichts mehr und führe den Becher zum Mund. Schmachtend nach einer Zigarette, warte ich auf die anderen.

»Heute«, sagt Gerard verheißungsvoll, mit tiefer, eindringlicher Stimme, »ist Boukje die Auserwählte. Heute wird in erster Linie ihr, aber natürlich auch euch> die Gelegenheit geboten, ihre Persönlichkeit einzuschnüren, sich einiger ihrer Feinde zu entledigen.« Und er zählt sie auf, diese Feinde: Schamgefühl, Erniedrigung, Demütigung, Stolz, Eitelkeit, Angst. Alle in der Gruppe halten den Blick auf die nervös lächelnde Boukje gerichtet.

»Ich habe ihr ein Gewand gegeben, das ihr jetzt noch Schutz bietet, das ihr aber nachher vom Leib gezerrt werden wird, und zwar von all denen, die das nicht tun wollen oder dabei kein gutes Gefühl haben. Boukjes Feinde werden bloßgelegt, so daß ihr sie zusammen mit ihr vernichten könnt. Wie eure eigenen Feinde übrigens. Heute abend sollt ihr handgreiflich werden.«

Ein Schauder durchläuft Boukje. Ich schiebe meine kalten Finger unter meinen Hintern, der mittlerweile auf dem Teppich gärend warm geworden ist wie ein Misthaufen im Sommer. Gerard ist aufgestanden. Die Hände vor dem Bauch, streift er an den Wänden entlang durchs Zimmer; sein Blick schweift von einem zum anderen.

»Ich bin von Natur aus handgreiflich«, lacht Franko hämisch, während er sich mit einer Hand durch die Haare fährt.
»Dann setzt du nur deine Augen ein und hältst die Hände auf dem Rücken. Die anderen überwinden den Anstand, den sie mit der Muttermilch eingesogen haben. Von meiner Seite ist solange alles erlaubt, bis Boukje stopp ruft. Bei stopp endet die Übung.«

»Sie bestimmt also, wie weit wir gehen dürfen?« frage ich, während ich an die Verzweiflung und die Behutsamkeit zurückdenke, mit der meine Eltern versucht hatten, mich von Maud fernzuhalten: Immer wenn ich mit einem Fuß in ihrem Nabel herumstocherte oder sie sich an meinem gründlichst gepflegten Pony hochzuziehen versuchte, riefen sie mehrmals:
»Stopp, aufhören, laß das bitte.«
»Sehr gut, Joris. Wie bei dir vor kurzem auch. Die Notbremse - sie braucht nur stopp zu rufen.«

Moniek will wissen, ob wir alle gleichzeitig handgreiflich würden.
«Nein, nein, abwechselnd. Jeder hat ungefähr zwanzig Sekunden Zeit. Das hört sich kurz an, Boukje kann es jedoch wie eine Ewigkeit vorkommen. Darüber hinaus erleichtert der schnelle Wechsel der Personen die Übung für sie - übrigens auch für euch -, weil jeder auf diese Weise die Aufmerksamkeit der anderen genießt, wodurch es bei genauer Betrachtung nicht ganz so einfach ist, sich seinen instinktiven Trieben hinzugeben.«

Obwohl das Ganze doch wirklich sehr simpel ist und wir uns jede Woche auf etwas Vergleichbares freuen dürfen, gibt es immer wieder jemanden, der es nicht rafft. Heute ist es Mischa. »Was ist, wenn es einem von uns gelingt, ihr dieses Tuch vom Leib zu reißen? « fragt er. »Was dann? Verdammt kurze Übung.«

Unsichere Blicke der Frauen. Mischa, gut und gern hundert Kilo Lebendgewicht, Wurstfinger, Arme, die, auch wenn sie von schlaffem, wabbelndem Fett umschlossen werden, massiver sind als die Beine des Sofas, an das ich mich lehne - er wäre imstande, Boukje in weniger als fünf Sekunden zu »entwaffnen«.

»Werter Freund, verweilen wir einen Augenblick bei deinen Trieben«, antwortet Gerard ungerührter als ein Beamter und bleibt neben dem Kamin stehen, auf den er lässig einen Arm legt, während er den einen Fuß auf den Zehenspitzen hinter den anderen stellt - eine Haltung, die Überlegenheit ausdrückt und zugleich etwas Vertrauenerweckendes an sich hat, wodurch sich die Distanz zwischen ihm und Mischa mit der zwischen Vater und Sohn vergleichen läßt. «Und hör mir gut zu. Es geht keinesfalls darum, Boukje möglichst schnell auszuziehen. Wenn du das meinst, hast du das Ganze einfach nicht kapiert.«

Dann legt er, wie er das häufiger zu tun pflegt, eine kurze Pause ein, als wollte er uns Zeit lassen, über seine Worte nachzudenken. Doch das tut er nur zum Schein, es geht ihm vor allem darum, uns - oder in diesem Fall Mischa - in eine unangenehme Lage zu manövrieren, die Lage dessen, der meint, er müsse etwas erwidern, um die Stille zu durchbrechen, der aber nicht gleich weiß, was, der kurz darüber nachdenken will und über den sich genau dann, wenn er damit anfangen will, die nächste Ladung von Sprüchen ergießt, so daß das Spiel wieder von vorne anfängt. Ich gratuliere mir selbst dazu, daß ich Gerard durchschaue, als einziger, denn die anderen sind ausnahmslos labile Gemüter, die unter Bergen von psychischem Druck stöhnen und Gerard aufs Wort gehorchen, wenn er Sachen sagt wie »Das Denken bringt den Geist aus dem Gleichgewicht« oder »Glauben tut man mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand« oder »Sei standhaft, ohne Gedanken, tu, was ich dir sage, und folge dem Weg, den ich dir zeige« - ich aber tue nur, was ich will und wann ich es will, oder eben nicht, kurz: Hauptsache, ich komme Maud näher, meiner Maud, und Gerard hat versprochen, daß er dafür sorgen wird, er hat mir auch erklärt, wie, und ich glaube ihm, ich gehe davon aus, daß er mir helfen, mich in den richtigen Zustand bringen kann, auch wenn es vermutlich noch eine Weile dauert, bis ich soweit bin.

»Das Entscheidende ist«, so erklärt er, »daß ihr euch in die Richtung entwickelt, die ich euch zeige. Die der Unpersönlichkeit. Das steht immer an erster Stelle, meine Freunde, bei allem, was wir hier machen. Was du nicht tun willst, tust du; was du tun willst, läßt du sein. «
Ja, ja, das ist Schnee von gestern. Eine erneute Pause. Was du nicht tun willst, tust du; was du tun willst, läßt du sein.S. 13-21

Lesezitate nach Russell Artus - Unperson










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Titel von
Russell Artus
 Taschenbuch



Eine Nacht wie alle anderen.

© 2001


© 27.6.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de