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Atme!
Anne-Sophie Brasme - Dich schlafen sehen

, diesen Titel hat die Autorin Anne-Sophie Brasme im Original ihrem Debüt "Dich schlafen sehen" gegeben und damit für Furore im Pariser literarischen Leben gesorgt. Und sie hat es vieldeutig gemeint.

Einerseits nimmt die Lektüre dieses Romans dem Leser im wahrsten Sinne des Wortes den Atem, andererseits begeht die Hauptfigur Charlène einen Mord, in dem sie ihrer besten Freundin den Atem nimmt. Und zum Dritten ist für Charlène selbst (wie auch für die Autorin), als Asthmatikerin das Atmen ein Vorgang, der nicht selbstverständlich ist.

Doch am atemberaubendsten ist das Alter der jungen Frau. Mit gerade sechzehn Jahren legt sie einen Roman vor, der durch seine emotionale Tiefe und Reife besticht. In Frankreich wird sie aller Orten als die neue Stimme der jungen französischen Schriftstellergeneration gefeiert.

In nur zwei Monaten hat Anne-Sophie Brasme nach eigenem Bekunden ihre Geschichte einer mörderischen Freundschaft verfasst. Gleich am Anfang ist das Ende klar, Charlène sitzt als Mörderin im Gefängnis. "Dem Wahnsinn verfallen ist nicht nur ein unausweichliches Schicksal, sondern möglicherweise ein Entschluss."

Als Kind war Charlène ein Wirrkopf, eigensinnig, lebhaft und aufmüpfig, doch als die Eltern immer mehr mit ihren Ehe-Problemen beschäftigt sind, zieht sich das Mädchen in ihre eigene Welt zurück. Eine wunderbare Sandkasten-Freundschaft verbindet sie mit Vanessa, aber als diese von Paris wegzieht, erlebt Charlène zum ersten Mal Trauer und Verlust. Noch einmal soll das nicht geschehen. Mit dreizehn Jahren reißt Sarah, die Neue in der Klasse, Charlènes selbst gesponnen Kokon ein. "Sarah lehrte mich zu leben. Mit einem Schrei der Erleichterung löste sich der Knoten in meiner Brust, der mir zu lange den Atem geraubt hat."

Schon bald nutzt Sarah diese selbstlose Hingabe bis zur völligen Selbstaufgabe für ihre eigenen egoistischen Zwecke aus. "Langsam hatte sie die Oberhand gewonnen. Alles, was nicht sie war, hatte keine Substanz." Aus einer bedingungslosen Liebe entwickelt sich ein gnadenloser Hass.

Frappierend ist, in welcher Genauigkeit Anne-Sophie Brasme diese Liebe, der nur durch den Tod zu entkommen ist, beschreibt. Wie sie die unterschiedlichen emotionalen Regungen Angst, Demütigung, Mutlosigkeit und blanken Hass bis zum Wahnsinn in Worte fasst.

"Man schreibt wie man tötet: Es kommt aus dem Bauch, und dann, ganz plötzlich, bricht es einem aus der Brust. Wie ein Schrei der Verzweiflung." Gut, dass Anne-Sophie Brasme zum Stift gegriffen hat.
© manuela haselberger


Anne-Sophie Brasme - Dich schlafen sehen
Originaltitel: Respire, © 2001
Übersetzt von Reiner Pfleiderer

© 2002, München, Goldmann Verlag, 192 S., 18.00 (HC)





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Jetzt, in den Stunden, wenn es Nacht ist, wandert ein kalter und farbloser Schatten umher. Er kriecht den Mittelgang entlang, ehe er unter den Eisentüren hindurch in diesen kleinen, von Zellenwänden umschlossenen Raum schlüpft. Und es ist immer dieselbe undurchdringliche Dunkelheit, die uns am Abend besucht, regelmäßig, unveränderlich. So sehr wir auch in diese Leere starren, die plötzlich die Welt vor unseren Augen verhüllt, so kommt es doch immer wieder vor, dass hinter den elektrischen Zäunen, die den Hof umgeben, bis zum ersten Tageslicht kein Orientierungspunkt mehr zu erahnen ist, in diesem Nichts ohne Anfang und Ende.

Hier markieren die schweren, verhallenden Schritte der Wärter den Beginn unserer Nacht. Es ist genau Mitternacht, wenn um uns herum kein Laut mehr die Stille durchbricht. Genau in diesem Augenblick überkommt jede von uns dasselbe Gefühl der Einsamkeit und Verwirrung.

In jenen Stunden schläft niemand ein.

Ich weiß, dass es unmöglich ist, an diesem Ort Schlaf zu finden. Das gehörte zu den ersten Dingen, die ich hier nach meiner Ankunft gelernt habe. Wir können uns noch so sehr auf den Matratzen unserer Betten wälzen, schnarchen, husten, mit lauter Stimme sprechen, um Gleichgültigkeit vorzutäuschen, ich weiß sehr gut, dass an solchen Orten, wo das Alleinsein schlimmer ist als überall sonst, die Nächte ohne Schlaf bleiben werden.

Es gibt welche, die weinen. In den ersten Wochen ähnelt dieses Weinen Schreien der Empörung und des Hasses. Kummer klingt darin an, das Gefühl erlittenen Unrechts. Und dann, im Lauf der Monate, der Jahre, lernen die Tränen zu schweigen, bis sie nicht mehr zu hören sind. Doch sie sind noch da, und die Zeit wird sie niemals austrocknen.

Es gibt welche, die beten, auch wenn diese Frauen nach außen hin so tun, als sei ihnen alles völlig egal. Wenn sie schweigen, hat es den Anschein, als könnte sie nichts erschüttern, doch sobald es Abend wird, sind sie die Ersten, die dem Himmel direkt in die Augen sehen und in einer Sprache zu ihm sprechen, die ihnen allein gehört. Sie haben dies als den einzigen Ausweg entdeckt, ihrer Trauer zu entrinnen.

Die anderen träumen einfach nur mit offenen Augen. Ihre Angehörigen, ihre Hoffnungen, die zärtliche Trägheit ihres Lebens davor lassen sie nicht los, wie um die Qual des Wartens zu lindern. Dann tun sie bisweilen so, als könnten sie vergessen, dass sie noch jahrelang eingesperrt bleiben. Die einen trauern, die anderen nicht, und dann gibt es noch welche, die sich mit der Zeit verändern.

Aber ich weiß, dass nicht eine unter uns ist, die die Kraft zum Einschlafen haben wird. Selbst ich habe es versucht, doch ich kann nicht, beim besten Willen nicht.

Die Stille ist unsere Therapie. Sie lehrt uns, der Vergangenheit ins Auge zu blicken, uns unseren Taten zu stellen, gegen die Irrtümer anzukämpfen. Sie ist es, die uns zum Nachdenken zwingt und dazu treibt, immer wieder in Frage zu stellen, und sie ist es auch, die uns lenkt, unsere Ängste beschwichtigt oder von neuem erweckt, uns aus der Ungewissheit erlöst oder in den Wahnsinn treibt. Sie zähmt, was wir sind, trägt die Last der Stunden, kämpft gegen den Teil in uns, den wir vergessen möchten.
Bis dann im Morgengrauen die knirschenden Schritte der Wärter auf dem Gang den Beginn eines neuen Tages ankündigen, der letzten Endes aber immer derselbe sein wird.

So ungefähr sind sie, unsere Nächte hier, hinter Gittern.


VERGESSEN

Ich hatte alles vergessen. Die Freude, die Schamlosigkeit, die Unbekümmertheit, die Gerüche, die Stille und die berauschenden Augenblicke, die Bilder, die Farben und die Geräusche, den Klang ihrer Stimmen, ihre Abwesenheit und ihr Lächeln, das Lachen und die Tränen, das Glück und die Ausgelassenheit, die Verachtung und das Bedürfnis nach Liebe, die Lebenslust meiner ersten Jahre.

Doch aus dem hintersten Winkel dieser dunklen Zelle, aus der Kälte der Einsamkeit, taucht die Vergangenheit plötzlich wieder auf. Langsam und schmerzlich gibt sie sich zu erkennen. Vielleicht, um der Leere der Gegenwart zu trotzen. Wie Fotos, die nichts geworden sind, auf denen die Bewegungen unscharf erscheinen, steigen heute Bilder aus meiner Erinnerung auf und bersten hinter diesen Mauern in Stücke.

In Wahrheit haue ich nichts vergessen, doch bis heute war ich nicht bereit, es wieder zu finden.

Mein Leben hätte ganz normal verlaufen können. Hätte ich mich anders entschieden, gliche meine Biografie heute einer der eurigen. Aber vielleicht war es im Grunde gar nicht meine Schuld: Ab einem bestimmten Punkt hat jemand Macht über mich gewonnen, und ich war nicht mehr fähig, mein Leben selbst zu gestalten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was weiß ich.

Auf den ersten Blick erschien mein ganzes Dasein schal und belanglos. Ich lebte unter Menschen, die mich nicht wahrnahmen und die ich nicht verstand. Ich existierte, weil man mich dazu gezwungen hatte, weil es so war und nicht anders, ich musste mich damit abfinden zu leben, da zu sein, ohne aufzumucken. Schließlich war ich nur ein Kind wie jedes andere, ich lebte, ohne mir die kleinste Frage zu stellen. Ich nahm, was man mir gab, und ich forderte nichts. Und doch war das, was mir widerfahren ist, unausweichlich. Man kennt das: Die verrücktesten Leute sind auch die, die zunächst völlig normal erscheinen. Der Wahnsinn ist listig: Gerade die mit den Allerweltsgesichtern, die anscheinend ohne die geringste Sorge leben, befällt er als Erste. Das war mein Verhängnis. Heute verbindet mich nichts mehr mit dem unbekümmerten, lebhaften Kind von damals. Inzwischen stehen sich in mir zwei Ichs gegenüber, die ich nicht auseinander halten kann.

Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich bereue. Ich bin die Antwort schuldig geblieben. Vielleicht habe ich mich geschämt, nicht für das, was ich vollbracht hatte, sondern für das, was ich empfand. Ich hätte mir wie ein Unmensch vorkommen müssen, gewiss. Und das war ich unbestreitbar auch, aber weniger, weil ich ein Verbrechen begangen hatte, sondern weil ich meine Tat nicht bereute.


Ich heiße Charlène Boher und bin neunzehn Jahre alt. Seit nunmehr fast zwei Jahren schimmle ich hier vor mich hin und warte, dass ein immer gleicher Tag kommt und vergeht. Kaum der Kindheit entwachsen, habe ich das Unumkehrbare getan. In der Nacht vom 7. auf den 8. September vor zwei Jahren habe ich getötet. Ich gebe es zu. Im Übrigen habe ich alles der Polizei erzählt. Ich war jung und, wie einige hinzufügen werden, "für eine sechzehnjährige Jugendliche noch unreif und ohne jedes S. 7-13

Lesezitate nach Anne-Sophie Brasme - Dich schlafen sehen



© 12.6.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de