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Vater und Tochter unterwegs
Andrea De Carlo - Pura Vita - Das wahre Leben

m normalen Alltag bleibt häufig keine Zeit zu langen, intensiven Gesprächen und da Giovanni als freier Autor von seiner Familie getrennt lebt, nutzt er die gemeinsame Autofahrt mit seiner sechzehnjährigen Tochter zu einer Unterhaltung, die ganz und gar nicht an der Oberfläche stecken bleibt.

Er will sicher sein, dass er dem Mädchen Ansichten, Meinungen und Erfahrungen mitgegeben hat, die ihm selbst wichtig sind. So unterhalten sich die beiden in einer sehr entspannten Atmosphäre über die wichtigen Dinge des Lebens. Wie soll eine Familie sein, damit sie dem Kind optimale Bedingungen bietet groß zu werden? Oder wie kommt jeder von ihnen mit dem Leben zurecht? "Wie vertraut bist du mit der Welt?" "Mal so, mal so. Manchmal glaube ich, mich ganz gut zurechtzufinden, manchmal fühle ich mich plötzlich verloren, ohne jede Vorwarnung."

Es geht auch darum, dass Giovanni sich vor der Heranwachsenden rechtfertigen will, warum er nicht in der Lage war, bei ihr und ihrer Mutter zu bleiben. Bis heute schafft er es nicht, in einer festen Paarbeziehung zu leben. In den endlosen Abfolgen von e-Mails, SMS und unergiebigen Telefonaten mit seiner Freundin wird dies mehr als deutlich.

Bei all den philosophischen Ausführungen über das Leben an sich und seinen Unwägbarkeiten ist Giovanni ganz bestimmt nicht fehlerlos; das weiß seine Tochter am besten. Dies ist wohl mit ein Grund, dass das Gespräch zwischen den beiden sehr unverkrampft verläuft, wenn auch nicht ohne heftig diskutierte Streitpunkte.

Die Orte Südfrankreichs, sie werden kaum beim Namen genannt, bleiben sehr vage und es ist deutlich, dass die Autofahrt dem italienischen Autor Andrea de Carlo nur als blasser Hintergrund dient. Der Mittelpunkt des Romans ist die Kommunikation in allen nur erdenklichen modernen Formen, wobei der Schwerpunkt jedoch das traditionelle Gespräch bleibt.

Am schönsten ist der Schluss gelungen. "Dann denkt er, dass der so unvollkommene Faden zwischen seiner Tochter und ihm wohl das Erstaunlichste ist, was ihm je widerfahren ist. Er weiß nicht, wie er sich mit der Zeit verändern wird, aber er denkt, dass dies zu den ganz wenigen Dingen gehört, die er mit Gewissheit nennen könnte, würde ihn jemand fragen, was der Sinn des Weges ist, den er bis hierher zurückgelegt hat."

"Pura Vita - das wahre Leben" ist ein wunderschönes Plädoyer für eine Vater-Tochter-Beziehung, geschrieben von einem gar nicht perfekten Vater, der sich jedoch alle Mühe gibt, die Beziehung zu seiner Tochter nicht zu verlieren. © manuela haselberger


Andrea De Carlo - Pura Vita - Das wahre Leben
Originaltitel: Pura Vita, © 2001
Übersetzt von Renate Heimbucher

© 2002, München, Piper Verlag, 318 S., 14.00 (HC)




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Sonntag abend um halb zehn klingelt das Telefon


Sonntag abend um halb zehn klingelt das Telefon, als er in der Küche sitzt, einen Käsetoast in der Hand, ein aufgeschlagenes Buch über die Bauweise der ägyptischen Pyramiden vor sich, und in der Stereoanlage läuft eine CD von Bo Diddley und Chuck Berry. Es sind nur drei Stücke darauf, die sie wirklich gemeinsam spielen, die übrigen sind abwechselnd von dem einen oder dem andern und ziemlich konventionell, aber die CD lohnt sich schon allein wegen dieser drei Titel. Beim vierten oder fünften Klingeln merkt er, daß der Anrufbeantworter nicht eingeschaltet ist oder nicht funktioniert, also legt er den Toast weg und springt auf und stößt an einen Hocker, der umfällt, und spürt, wie ihm der Schmerz bis ins Mark des Schienbeins fährt; er humpelt ins Wohnzimmer, voller Wut auf die Gegenstände und auf die Störungen, die auch um diese Zeit nicht aufhören.
»Ja?« sagt er.
Ihre Stimme am andern Ende sagt: »Pronto?«
»Hallo!« sagt er. »Ich hätte dich auch gleich angerufen. In fünf Minuten.«
»Ich wollte Bescheid wissen wegen morgen.«
»Klar«, sagt er. Er reibt sich die schmerzende Stelle am Bein und versucht dabei, bis zur Tür zu kommen, um die Musik aus der Küche zu dämpfen, aber das Telefonkabel ist nicht lang genug, auch wenn er den Arm noch so reckt. Das Telefon fällt vom Tisch; er hebt es auf, sagt noch wütender:
»Scheißapparat.«
»Was ist passiert?«
»Nichts. Nichts, wenn du mich noch hören kannst.« Er #~reckt ein Bein vor und schafft es schließlich, die helle Holztür zuzuknallen; durch den Schlag löst sich eine kleine Wolke Putz, aber die schnellen, rhythmischen Gitarrenakkorde sind jetzt nur noch halb so laut.
»Was machen wir also?«
»Was du willst.« In Wirklichkeit ist er jetzt, da sich ihre Idee unaufhaltsam in eine Kette von Fakten verwandelt, voll Widerstreben: Er muß seine Arbeit liegelassen und Koffer packen und sich ins Auto setzen und losfahren und volltanken und Straßenkarten studieren und sich für eine Route entscheiden und eine fremde Sprache sprechen und Essen bestellen und Hotels suchen, Empfindungen aufnehmen und filtern und ausblenden: »Falls du überhaupt noch Lust hast zu fahren.«

»Klar habe ich Lust.«
»Möchtest du nicht lieber woandershin, nicht so weit weg? Frankreich verschieben, bis es wärmer ist und wir beide mehr Zeit haben?«
»Nein, nein, Frankreich ist mir recht.«
»Prima. Dann hol ich dich morgen früh ab, gegen zehn. Ich lasse es kurz klingeln, wenn ich an der Ecke bin, dann kommst du runter.«
»In Ordnung.«
»Nimm keine zehn Koffer mit, du brauchst nicht viel.«
»Schon gut.«
»Sind ja nur ein paar Tage.«
»Ja.«
»Bis morgen.«
»Bis morgen.«
Wenn sie miteinander telefonieren, ist sie fast noch ruppiger als er und macht ebenso kurz angebunden Schluß wie er. Bei ihr wird er bestimmt nicht durch umständliches Gerede aufgehalten. Im Gegenteil, wenn er aufgelegt hat, glaubt er fast immer, zuwenig gesagt oder nicht aufmerksam genug zugehört zu haben, und würde am liebsten gleich wieder anrufen, um etwas hinzuzufügen oder sie etwas hinzufügen zu lassen. Sie ist vielleicht der einzige Mensch, bei dem ihm das passiert.

Er massiert sich das Schienbein und schaut auf seine nackten Füße, auf den Holzfußboden, auf dem überall historische Landkarten und Atlanten und alte Stiche und Reproduktionen und Fotos ausgebreitet sind. Er denkt an die Telefonate, die er noch zu erledigen hat, an die E-Mails, die er vor der Abfahrt verschicken muß, an die Möglichkeiten, seine Kontakte über die wachsende Entfernung aufrechtzuerhalten.


Als sie eine halbe Stunde auf der Autobahn sind


Als sie eine halbe Stunde auf der Autobahn sind und die Stadt und die Raststatten und Mautstellen und Satellitenstädte und Industrie anlagen und die giftgetränkte Agrarlandschaft weit genug hinter sich gelassen haben, fühlt er sich allmählich besser. Die Augen haben sich an die vorüberziehende Landschaft gewöhnt,, die Vibrationen der Karosserie haben sich auf seinen Körper übertragen, und er spürt wie die Ratlosigkeit, die ihn erfüllt hat, aus ihm herausgespült wird wie von einem Wasserstrom, der ein Höhlensystem ins Kalkgestein wäscht. Wenn er jetzt zurückdenkt, findet er es absurd, daß er gezögert hat. Er sagt: »Zum Glück hast du dich von meinen Bedenken nicht anstecken lassen.«

Sie nickt mit einem unbestimmten Lächeln; wahrscheinlich hat sie ihn nicht verstanden.
»Gut, daß du nicht auf mich gehört hast«, sagt er lauter.
Sie läßt den tragbaren CD-Player laufen, der Rhythmus der Ska-Musik dringt in gepreßten, dünnen Frequenzen aus den Kopfhörern und mischt sich mit den Fahrgeräuschen. Auf ihren Knien liegt außerdem ein Buch, ein südamerikanischer Roman, den sie sich an der Autobahnraststätte, wo sie zum Tanken angehalten haben, von ihm gewünscht hat. Er deutet darauf, sagt: »Ist es schön?«
In die Musik und in die Geschichte vertieft, hebt sie fragend den Blick.
»Interessant? Hat's dich gepackt?«
»Weiß noch nicht.«

Er blickt auf die Straße: auf den Asphalt und die Autos und die LKWs, die rasch vorbeiziehenden Leitplanken. Sie fahren einen kleinen japanischen Geländewagen; nicht sonderlich massiv und nicht gerade leise, die Stoßdämpfer sind zu weich, und der Motor ist schnell an der Leistungsgrenze. Aber er kennt das Auto gut genug, um es auf der Überholspur auf die höchsten Drehzahlen jagen zu können, ohne zu befürchten, es nicht zu schaffen oder aus der Spur zu kommen. Vielleicht hätten sie es in einem windschnittigeren und stärkeren Wagen bequemer, denkt er, in einer dieser Flundern auf Rädern, mit einer Fünfhundertwatt-Stereoanlage statt der Lücke im Armaturenbrett (auch so eine Sache, deren Erledigung er immer wieder aufgeschoben hat). Er stellt sich vor, mit ihr auf dem Beifahrersitz und mit ordentlich im Gepäckraum verstauten Koffern in so einer Flunder zu sitzen: Sein Gehirn arbeitet mechanisch, stellt Überlegungen an, die sich ohne jedes System überlagern.

Er zieht den Bauch ein, strafft den Rücken, spannt die Arme an. Wenn er unterwegs ist, will es ihm einfach nicht gelingen, Einfälle zu Gedanken weiterzuentwickeln, die nach und nach in die Gebiete des Sagbaren vordringen. Die Ideen, die ihm beim Fahren kommen, tauchen auf und bewegen sich kaum vorwärts, bleiben stecken oder machen kehrt; lösen sich wiederholende Bilder aus, unscharfe Vorstellungen, bruchstückhafte Empfindungen. Manchmal denkt er, es wäre schön, die Zeit, die man braucht, um von einem Ort zum andern zu gelangen, wenigstens zum Teil schöpferisch zu nutzen, aber das gelingt ihm nie. Ab und zu hat er eine Eingebung, aber sie hält meistens nicht lang genug und verliert im Rauschen des Fahrtwinds und im Dröhnen des Motors bald ihre scheinbaren Qualitäten.

Trotzdem fährt er gern lange Strecken, hält er sich dabei doch in einem Stadium zwischen unterschiedlichen, nicht leicht einzuordnenden Orten und Zeiten auf. Oft denkt er sogar, daß dies die Dimension ist, in der er sich am wohlsten fühlt: eine Gegenwart, die die Vergangenheit rasch hinter sich . S. 7-11

Lesezitate nach Andrea De Carlo - Pura Vita - Das wahre Leben










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Titel von
Andrea De Carlo
 Taschenbuch



Guru.

© 1998



Zwei von zwei. Roman.

© 2001



Vögel in Käfigen und Volieren

© 1986



Techniken der Verführung.

© 1995



Yucatan

© 1991



Macno

© 1989



Arcodamore.

© 1997



Die Laune eines Augenblicks

© 2003

 Hardcover



Die Laune eines Augenblicks

© 2001


© 13.11.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de