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Noch bevor uns ein Anfang vergönnt war, ist für uns jeder Ausweg verbaut. Der Hochgeschwindigkeitszug des Lebens fährt pfeifend durch die moderne, epische Stadtlandschaft und verliert sich in der Ferne. Was sind schon meine Tränen, Freude und Leid eines Einzelnen zählen nicht, denn der Zug wird für ihn niemals den rasenden Lauf seiner Stahlräder anhalten. Diese geheime Tatsache ängstigt die Menschen in den städtischen Zivilisationen des verfluchten Industriezeitalters.
Drogen, Sex, Geld, Angst, Psychotherapeuten, die Verlockung des Ruhms, Richtungsverlust - aus diesen und noch viel mehr Zutaten ist der Cocktail gemischt, mit dem die Städte im Jahr 1999 das heraufdämmernde neue Jahrhundert begrüßen. Für eine junge Frau wie mich drückt sich allein im Lyrismus der letzte Sinn der Existenz aus. Ich werde mit tränenglänzenden Augen die grünen Blätter vor meinen Fenstern betrachten, mit heiserer Stimme "Oh Süße" singen, mit meinen schwachen Fingern nach jedem Spalt in der ablaufenden Zeit greifen, jede Unebenheit in meinen Träumen zu fassen suchen, um Gott beim Schwanz zu packen und so nach oben zu kommen, immer weiter nach oben.


Lesezitat nach Wei Hui - Shanghai Baby


Medizin gegen das Leben
Wei Hui - Shanghai Baby

it ihrem provokanten Roman "Shanghai Baby" kam die junge chinesische Autorin Wei Hui in die Schlagzeilen. Zum einen katapultierten die begeisterten Leser ihres Landes den Roman in die Bestsellerlisten, zum anderen zog die kommunistische Partei Chinas das Skandalbuch aus dem Handel. Was erhitzt die Gemüter in dieser Art und Weise?

Es ist die autobiografisch eingefärbte Geschichte der jungen, 25 Jahre alten Studentin Coco, die bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hat und ihren Lebensunterhalt als Bedienung im Café verdient. Hier begegnet sie Tiantian, der sie mit seiner Malerei fasziniert und sie in ihren literarischen Versuchen unterstützt. Mit Tiantian verbindet Coco eine tiefe Liebe, die jedoch die sexueller Ebene ausklammert. "Tiantian ist anders als alle Männer vor ihm, er ist wie ein in Formalin eingelegter Embryo, der nur von der vollkommenen, reinen Liebe wieder belebt werden kann."

Die beiden verbringen sorglose Tage, finanzielle Probleme gibt es nicht und ihre Lebensart, ihre Musik, die Partys unterscheiden sich nicht sehr von denen westlicher junger Leute. "Einen Job an den Nagel hängen, einen Menschen verlassen, etwas verlieren - verzichten ist für mich kinderleicht, und ein Ziel mal eben durch ein anderes zu ersetzen, das hält in Schwung und stärkt die Lebensgeister."

Cocos unbeschwertes Flattern von einer Bar zur anderen wird unterbrochen, als sie Mark trifft. Mit ihm, dem verheirateten Deutschen, wagt sie den Seitensprung und die beiden verbindet eine leidenschaftliche Affäre, die Coco allein auf das Körperliche beschränken will. Die Schwierigkeiten sind vorprogrammiert.

In einem sehr freizügigen Stil erzählt Wei Hui über ihre Protagonistin. Der Verdacht, dass die Erzählung zu oberflächlich gerät, entkräftet die Autorin durch eingestreute kernige Sätze, die es in sich haben und den Leser aufhorchen lassen. Ein Roman um Sex, Drogen, Geld und einer Menge Angst im heutigen Shanghai, der das Lebensgefühl der jungen Chinesen in einer privilegierten gesellschaftlichen Schicht sehr genau auf den Punkt bringt. Sie alle sind ständig auf der Suche nach "der Medizin gegen das Leben." © manuela haselberger


Wei Hui - Shanghai Baby
Originaltitel: Shanghai Baobei, © 1999
Übersetzung von Karin Hasselblatt
© 2001, München, Ullstein Verlag, 319 S., / 18

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Wei Hui
Wei Hui gehört zur jüngsten Schriftstellergeneration Chinas. Nach Abschluss ihres
Literaturstudiums an der Fudan Universität 1995 hat sie zunächst in verschiedenen
Berufen gearbeitet, u.a. als Journalistin und Fernsehredakteurin. Nach einigen
Erzählsammlungen und Romanen ist sie mit Shanghai Baby nun weit über die
Grenzen Chinas hinaus berühmt geworden.
Quelle: Ullstein-Verlag, Presseinfo 2001


Fortsetzung des Lesezitats ...

Dora says: "Have Children!"
Mama and Betsy say - "Find yourself a chariiy
Help the needy and the crippled
or put some time into Ecology."
Weill, there's a wide wide world of noble causes
And lovely landscapes to discover
But all 1 really want right now
Is.... find another lover.

JONI MITCHELL, Song for Sharon


1
Ich begegne meiner Liebe

Ich heiße Ni Ke, aber meine Freunde nennen mich Coco. (Die berühmte Französin Coco Chanel, die fast neunzig Jahre alt wurde, ist zufällig mein zweitgrößtes Idol, das Größte ist natürlich Henry Miller.) Kaum schlage ich morgens die Augen auf, denke ich, dass ich etwas Aufsehenerregendes, Gigantisches tun möchte, und die Vorstellung, eines Tages wie ein farbenprächtiges Feuerwerk mit lautem Getöse in den Himmel über der Stadt aufzusteigen, ist so etwas wie ein Ideal von mir geworden, ein Grund, weiterzuleben.

Das hat viel damit zu tun, dass ich in einer Stadt wie Shanghai lebe. Durch Shanghai wabern stets düstere Nebel und bedrückende Gerüchte, und auf allem lastet der Dünkel des Sündenbabels, das Shanghai einmal war. Dieses Gefühl der Überlegenheit hat stets sensible und stolze Frauen wie mich zu inspirieren vermocht, ich liebe und ich hasse es.

Wie auch immer, ich bin keine fünfundzwanzig Jahre alt, habe vor einem Jahr eine Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht, mit der ich weder reich noch berühmt geworden bin (männliche Leser schickten mir daraufhin pornografische Fotos), habe vor drei Monaten meine Stelle als Journalistin bei einer Zeitschrift gekündigt und arbeite jetzt als eine der Kellnerinnen mit Minirock im Café Lydi.

Ein hoch gewachsener, distinguiert aussehender Mann ist Stammgast dort, er sitzt stundenlang bei einer Tasse Kaffee da und liest. Ich beobachte gern seine feinen Gesichtszüge und jede seiner Bewegungen, und mir scheint, er weiß es, auch wenn er nie was sagt.
Bis er mir eines Tages ein Stück Papier reicht, auf das er "Ich liebe dich" geschrieben hat, darunter seinen Namen und die Adresse. Dieser Mann - er ist ein Jahr vor mir im Jahr des Kaninchens geboren - ist unglaublich attraktiv: eine Schönheit, die seinem Lebensüberdruss und seinem Durst nach Liebe entspringt.
Wir sind zwei scheinbar völlig gegensätzliche Menschen, ich voller Ehrgeiz, Tatkraft und Energie, die Welt kommt mir vor wie eine duftende Frucht, die zum Anbeißen einlädt. Für ihn dagegen - melancholisch, niedergedrückt und wortkarg - ist das Leben wie ein mit Arsen vergifteter Kuchen, bei dem jeder Bissen krank macht. Doch diese Verschiedenheit verstärkt die Anziehungskraft, die auf uns beide wirkt, so wie Nord- und Südpol der Erde sich nicht voneinander trennen lassen. Im Handumdrehen sind wir in einem Netz aus Liebe gefangen.

S. 7-8 Man könnte sagen, er ist so was wie ein halber Ex von mir. Trotz seines IQ von 150 hat er die Kurse im Fach Informatik an der Fudan-Universität nicht zu Ende besucht, weil er mehrfach den Shanghaier Provider angezapft hat und mit der Findigkeit eines Wahnsinnigen auf anderer Leute Kosten im Netz herumgegeistert ist.
Er und ich - eine viel versprechende Journalistin und ein berühmter Computer-Hacker -, die Sache ist vorbei, und dass wir nun gemeinsam im Cafe~ bedienen, ist nur eine Farce, die das Leben spielt. Wann und wo man Fehler macht, welche Rolle sie spielen - das ist doch nichts als der Sturm im Wasserglas eines Jugendtraums. Die Kultur des Industriezeitalters hat sich auf unseren jugendlichen Körpern abgelagert wie Rost, nun werden sie zerfressen, und unser Verstand ist auch nicht mehr zu retten.
Ich fingere an einer großen Vase voll weißer Lilien herum, meine Finger spielen ganz sanft mit den grazilen, unglaublich zarten Blättern. Vielleicht wirkte ich durch meine Liebe zu Blumen ein wenig unbedarft, doch ich bin überzeugt, dass mein Spiegelbild eines Tages eher dem einer giftigen Blume gleichen wird, denn ich werde in meinem die Menschen aufrüttelnden Roman ganz einfach die Wahrheit sagen über Gewalt, Eleganz, Pornografie, Überspanntheit und Verborgenes, über Maschinen, Macht und den Tod.
Das altmodische Drehscheibentelefon klingelt schrill, es ist Tiantian. Er ruft jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit an, dann nämlich, wenn wir uns - jeder für sich - zu langweilen beginnen. Hastig und dringlich schärft er mir ein: " Selbe Zeit, selber Ort, ich erwarte dich zum Essen. " Sobald es dämmert, tausche ich die Arbeitsuniform aus Seide gegen eine hautenge Bluse und eine Hose, nehme meine Tasche und verlasse leichtfüßig das Café. S. 15

Als wir uns vor dem Cotton Club zum Abschied umarmen, sagt sie: "Wenn du wirklich einen Bestseller schreiben willst, kann ich dir ,ne Menge Geschichten erzählen, Süße." Dann drückt sie Tiantian ganz fest: "Alter Schwerenöter", so nennt sie ihn. "Gib auf deine Liebe Acht. Liebe ist die größte Macht der Welt, sie verleiht Flügel und lässt ich alles vergessen. Aber ohne Liebe geht jemand wie du schnell vor die Hunde, schließlich gibt's noch keine Medizin gegen das Leben. Ich ruf dich an."
Sie wirft uns noch ein paar Küsse zu, steigt in einen weißen Santana 2000 und rast davon.
Ich muss über ihre Worte nachdenken, denn in ihnen steckt ein philosophischer Kern, funkelnder als die Lichter der Nacht und echter als die Wahrheit. Die Luft ist noch erfüllt von den Küssen, die sie uns zugeworfen hat.

"Was für ,ne verrückte Frau", meint Tiantian aufgeräumt. "Aber sie ist klasse, findest du nicht? Damit ich nachts nicht alleine zu Hause herumhänge, hat sie mich früher oft abgeholt, und wir sind zusammen über die Autobahn gerast. Wir haben viel getrunken, Hasch geraucht und bis zum nächsten Tag ganz high ,rumgehangen. Dann habe ich dich getroffen, und alles wurde anders. Du bist anders als wir, du packst die Dinge an, glaubst an die Zukunft. Du und dein Tatendrang seid für mich ein Grund weiterzuleben. Glaubst du mir das? Ich lüge nie!"
"Idiot", sage ich und kneife ihn in den Hintern.

Er schreit auf: "Du bist auch `ne verrückte Frau." Tiantian verehrt geradezu alle nicht ganz normalen Menschen, vor allem die Insassen von Irrenanstalten. Schließlich würden sie von der Gesellschaft als verrückt abgestempelt, nur weil die anderen ihre Form der Intelligenz einfach nicht verstehen könnten. Etwas Schönes werde erst m Verbindung mit dem Tod, mit Verzweiflung oder Verbrechen wirklich schön. S. 20

"Im Leben ist es wie mit verschiedenen Keimlingen, du weißt nie, welche angehen. " Die kleine alte Dame mit dem weißen Haar saß tagein, tagaus wie ein weißes Wollknäuel in ihrem Schaukelstuhl. Viele glaubten, sie habe übersinnliche Fähigkeiten. So sagte sie im Jahr 1987 das Shanghaier Erdbeben der Stärke 3 voraus, und sie benannte drei Tage, bevor es so weit war, ihre genaue Todesstunde. Ihr Foto hängt bis heute bei meinen Eltern an der Wand, weil sie glauben, dass sie uns weiterhin beschützt. Meine Urgroßmutter war es auch, die voraussagte, dass ich einmal eine begabte Schriftstellerin werde, die mit ihren Veröffentlichungen Unheil stiftet; der Stern von Wort und Musik leuchte über mir, mein Herz sei gefüllt mit Tinte. Und sie sagte, ich werde besser sein als alle anderen.

Bereits an der Universität waren meine Briefe an heimlich Angebetete so leidenschaftlich formuliert, dass mir der Sieg praktisch sicher war. Und in der Zeitschriftenredaktion änderte ich Charakterdarstellungen in komplexe und sprachlich so vollendete Romanhandlungen, dass die Realität häufig zur Fiktion wurde und die Fiktion zur Realität.
Als mir irgendwann bewusst wurde, dass ich dort mein schriftstellerisches Talent vergeudete, kündigte ich die gut bezahlte Stellung und stürzte meine Eltern damit in tiefe Verzweiflung, denn mein Vater hatte sie mir ursprünglich unter großen Mühen besorgt.

"Und so etwas habe ich zur Welt gebracht? Jemanden mit Hörnern am Kopf und Dornen an den Füßen? Was denkst du dir eigentlich dabei?", fragte meine Mutter. Sie ist eine zarte, verbrauchte Frau, die ihr Leben damit verbracht hat, ihrem Mann die Hemden zu bügeln und für ihre Tochter das Glück zu suchen. Sie ist gegen Sex vor der Ehe und hält nichts von hautengen T-Shirts, deren einziger Sinn und Zweck es sei, die Brustwarzen zur Schau zu stellen.

"Eines Tages wirst du begreifen, dass es das Wichtigste ist, ein ruhiges Leben zu führen. Wie Zhang Ailing gesagt hat: Ruhe ist die Grundlage des menschlichen Lebens" sagte mein Vater, der genau wusste, wie sehr ich die Schriftstellerin mag.

Vater ist ein kleiner, rundlicher, Zigarre rauchender Professor für Geschichte, der mit seinen Studenten gern über persönliche Dinge diskutiert, ein stattlicher Mann, der mich von klein auf verwöhnte und mir, als ich drei Jahre alt war, Opern wie La Boheme nahe brachte. Er hatte immer Angst, ich könnte auf einen Wüstling hereinfallen und betrogen werden, daher sagte er, ich sei der größte Schatz in seinem Leben, ich solle im Umgang mit den Männern vorsichtig sein und ihretwegen keine Tränen vergießen.
"Unsere Auffassungen sind einfach zu verschieden. Uns trennen Abgründe. Wir sollten uns besser gegenseitig respektieren statt uns überzeugen zu wollen, das führ zu nichts. Ich bin fünfundzwanzig und möchte Schriftstellerin werden, auch wenn dieser Beruf etwas aus de Mode gekommen ist. Durch mich wird das Schreiben wieder cool und modern", sagte ich.

Auch als ich Tiantian traf und zu ihm ziehen wollte, löste das zu Hause einen Riesenwirbel aus, wie ein Springflut im Pazifik.
"Bei dir bin ich mit meiner Weisheit am Ende! Dan geh halt, du bist nicht mehr meine Tochter!", kreischt Mama mit einem Gesichtsausdruck, als hätte jemand sie geschlagen.
"Du tust deiner Mutter sehr weh", sagte Vater. "Und auch mir machst du Kummer. Das kann nicht gut ausgehen mit Mädchen wie dir. Du hast merkwürdige Dinge über die Familie dieses Jungen erzählt. Sein Vater sei unter ungeklärten Umständen gestorben - bist du dir denn sicher, ob er selbst ganz normal ist, ob du dich auf ihn verlassen kannst?" S. 25-26

16 Doch der Gedanke verschwindet sofort wieder, als ich mir klar mache, dass er nicht die Kraft dazu hätte. Überwältigende Gewissensbisse quälen mich plötzlich, und ich öffne den Mund, um ihm alles zu erzählen. Doch Tiantian verschließt ihn mit einem Kuss auf meine Lippen. Seine Zunge schmeckt ein wenig bitter, und ein berauschender Duft wie nach einem Regenguss im Tropenwald erfüllt das Zimmer. Dann sind da wieder die Hände, die wie eine Schneelawine jeden Zentimeter meiner Haut entlang gleiten. Diese Liebe erschöpft mich, und ich habe das Gefühl, dass er alles weiß. Ich meine, seine Finger könnten es auf meiner Haut spüren. Denn dort haftet noch der Hauch des Fremden, und Tiantian ist empfindlich wie ein Wahnsinniger, der beim kleinsten Anlass explodieren kann.

"Ich muss wohl mal zum Arzt", sagt er nach längerem Schweigen.
"Wie bitte? " Ich sehe ihn betroffen an. Nichts von dem, was geschehen ist und noch geschehen wird, habe ich gewollt. In diesem Augenblick sind wir ganz allein im Raum, weder er noch ich können fliehen.
"Ich liebe dich", ich umarme ihn, schließe die Augen. Es klingt wie ein Satz im Film und ist immer etwas peinlich, selbst wenn man traurig ist, daher schließe ich die Augen, und in meinem Kopf geistern düstere Schatten herum wie von einer Kerze an die Wand geworfen. Plötzlich zündet ein Feuerwerk. Mein Roman, nur mein Roman kann mich jetzt wie bunte Raketen mitreißen und mein Leben vollkommen machen.

Schreiben, Rauchen, mitreißende Musik, nicht zu wenig Geld (die Summe auf meinem Konto reicht, bis der Roman fertig ist, tatsächlich wirtschaften Tiantian und ich in eine gemeinsame Kasse, und wenn er kann, zahlt er mehr), mehrere Stunden am Stück arbeiten, ohne etwas sagen zu müssen - das ist Glück. S. 80

Lesezitate nach Wei Hui - Shanghai Baby



© 15.10.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de