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Scherbentanz
Chris Kraus - Scherbentanz

hris Kraus, Jahrgang 1963, lebt in Berlin und er bietet mit seinem Debüt "Scherbentanz" einen glanzvollen Einstieg als Autor.

Mit einer enormen Furiosität und Sprachgewalt beschreibt er das Leben einer Familie, die schon lange keine mehr ist. Erst durch die Leukämie - Erkrankung von Sohn Lesko, mitte dreißig, werden die verschiedenen Mitglieder der Familie wieder zusammen geführt. Am peinlichsten ist die Begegnung Lesko selbst, der als Modedesigner am liebsten verrückte Röcke trägt und überhaupt keine Lust dazu verspürt, während des Aufenthalts in der heimischen Villa wieder zum "Sohn aus dem Fisher - Price - Baukasten" zu mutieren.

Zweifelnd fragt er sich, ob dies tatsächlich sein Zuhause ist, als er vor der noblen Tür steht. "Ich glaube, Heimat kann eine ziemlich endlose Fläche sein, eine bösartige Wüste, durch die du stapfst, ohne jemals anzukommen. Heimat kann überall aufplatzen, egal wo du dich aufhältst. An den Schmerzen erkennst du, ob du zu Hause bist. Nicht am Türschild."

Doch schließlich sucht er so schnell wie möglich einen Knochenmark-Spender. In Frage kommt in erster Linie seine Mutter, eine Frau, die nicht ganz einfach ist. Auch der Ort des Wiedersehens ist reichlich ungewöhnlich: Lesko trifft sie in der Garage wieder. Nach mehreren Flaschen Schnaps liegt sie auf der Tischtennis-Platte im Alkohol-Koma. Sie lebt seit vielen Jahren als Obdachlose und ist in psychiatrischer Behandlung. Diese Frau soll ausgerechnet seine Lebensretterin sein?

Zusammen mit seinem Bruder hängt Lesko gut verdrängten Kindheitserinnerungen nach. Was hat Mutter zu diesem Wrack werden lassen. Denn da sind sich die beiden sicher: Immer war ihre Mutter nicht so.

Dass sich am Ende ein ganz anderer Spender findet, liest sich sehr flüssig, doch am schönsten an diesem bemerkenswerten Debüt ist die ungewöhnliche Sprache, in der Chris Kraus erzählt. Er findet neue Sprachbilder, wunderbare Vergleiche und das alles in einer Tonart, die nicht aufgesetzt oder bemüht klingt.

Eine solche Vorlage schreit buchstäblich nach Verfilmung und die läuft bereits mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Regie führt Chris Kraus selbst und man darf sicherlich gespannt sein, ob er auf diesem Gebiet ebenso brilliert wie als Autor. © manuela haselberger


Chris Kraus - Scherbentanz

© 2002, Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt, 200 S., 17.90 (HC)
© 2003, München, Btb Bei Goldmann , 199 S.,   8,00 (TBbr>


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          Taschenbuch - broschiert




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Sie hatten mich angerufen. Und wie. Fünf Stunden später kam ich in Mannheim an.
Mitten in der Nacht.
Mein Bruder holte mich am Bahnhof ab. Wer ihn nicht kennt, hätte ihn kaum für nervös gehalten.
Wir begrüßten uns, ohne viel zu reden. Ich hatte nur den Aluminiumkoffer dabei. Medikamente. Spritzbesteck. Alles drin. Mein Bruder trug ihn für mich hinüber zum Wagen, den der Chauffeur, ein kleiner, schweißnasser Kerl, Tür für Tür öffnete. Er starrte mich an, als hätte er noch nie einen Mann im Rock gesehen.
Der Jaguar gehörte meinem Vater. Innen war es zu kühl für mich. Wir schalteten die Klimaanlage aus, nahmen die Ritze der Nacht mit auf die Rückbank und saßen warm und weich wie auf Eingeweiden. Die Lichter der Stadt huschten an den getönten Scheiben vorbei.
Mein Bruder rutschte in seiner Ecke herum und marterte Erdnüsse. Ich hatte mir die Leseleuchte angeknipst und hing über dem blauen Buch von Seneca, das ich immer bei mir trage.
Ich war gerade in dem Kapitel über die Gemütsruhe und dachte über die Stelle nach, in der die Ursachen der Traurigkeit untersucht werden.
"Wie lange haben wir Mama nicht gesehen? ", fragte Ansgar.
"Was?" sagte ich.
"Zwanzig Jahre?" fuhr er fort, und erst dann warf er mir einen Blick zu.
"Ziemlich", nickte ich.
"Irgendwann mußte das ja passieren."
Eine Erdnuß zersplitterte zwischen seinen Kiefern.
"Wenn du...", fing er an, aber dann sagte er eine Weile nichts mehr, sondern konzentrierte sich aufs Kauen.
"Was?" wollte ich wissen.
"Naja, ich bin fri>h, daß du da bist!"
Er bot mir sein Erdnußtütchen an, aber ich hatte keinen Appetit.
Seneca behauptet, die Ursachen der Traurigkeit lägen in uns selber.
Wir bogen Richtung Ludwigshafen ab und rollten über den Rhein, in dem sich die Sterne kräuselten, denen wir so unausdenkbar gleichgültig sind und deren listiges KräuseIn mit uns nichts zu tun hat. Ein paar schaukelnde Schiffsbojen schnitten sich ins Bild, und mir fiel ein, daß ich früher mal Pirat werden wollte.
"Hör mal, Jesko", sagte Ansgar. "Papa ist ziemlich durch den Wind. Wenn er mit dir spricht, versuch nett zu sein. Sag nichts, was ihn irgendwie ärgern könnte.
Leg dich mit niemand an. Tu es mir zuliebe."
Ich war einverstanden.
"Und komm nicht wieder mit irgendeinem abstrusen Scheißthema, das allen den Nerv raubt! Was war das neulich?"
"Die arktischen Eisschelfe?"
"Genau. Auf keinen Fall arktische Eisschelfe erwähnen!" "Ich versuch drumrumzureden!"
Ich kurbelte das Fenster herunter, um dem Rhein den Bronzeton zu nehmen. Gleich wurde er silbern und hart, und ich kniff die Augen zusammen, wegen des Fahrtwindes.
Ein Containerschiff glitt unter dem Mond durch. Als wir auf gleicher Höhe waren, erkannte ich am Bug die Silhouette einer dicken Frau, die ihr Baby am Oberdeck entlang-balancierte, indem sie sich mit der freien Hand an einer Art Laufleine voranhangelte. Sie blieb plötzlich stehen, zwei Meter über der Gischt, hob den Kopf und lächelte der Limousine zu, aus der ich herausschaute. Die dicke Frau ließ die Laufleine los und deutete auf den Jaguar, und an ihrem wie ein Sekundenzeiger vorrückenden ausgestreckten Arm konnten sowohl ich als auch das Baby sehen, mit welcher Geschwindigkeit wir uns voneinander entfernten.
Dann erst erkannte ich, daß Mutter und Kind an einem Container lehnten, auf dem der Name meiner Familie stand. SeIm Zement AG stand da. In weißen Druckbuchstaben. Ich konnte es gerade noch entziffern. Die Nacht war hell, aber so hell auch wieder nicht, und schon knickte die Straße weg, und die Frau und der Säugling und das Schiff und der Fluß waren verschwunden. Für einen Herzschlag dröhnte die Selm Zement AG durch die vergangnen dreiunddreißig Jahre meines Lebens, die weder mit SeIm noch mit Zement allzuviel zu tun hatten.
Ich leckte den Wind aus meinem Zahnfleisch, schaltete die Leseleuchte aus, schloß das Fenster.S. 7-9

Lesezitate nach Chris Kraus - Scherbentanz



© 3.5.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de