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1. KAPITEL


Der Laoban saß mit untergeschlagenen Beinen neben der Erdfeuerstelle und inspizierte im Schein der glimmenden Kohle meine Geige. Es war der einzige Gegenstand im Gepäck der "zwei Grünschnäbel" aus der Stadt - damit waren Luo und ich gemeint -, der etwas Fremdländisches, den Geruch von Zivilisation an sich hatte, was natürlich gleich den Verdacht des Laoban, des Dorfvorstehers, erregt hatte. Ein Bauer brachte eine Petroleumlampe, um die Identifikation des Gegenstandes zu erleichtern."Ho-ho, was haben wir denn da." Der Laoban hielt die Geige senkrecht hoch, um wie ein pingeliger Zollbeamter, der nach Drogen sucht, mißtrauisch durch das Schalloch in den dunklen Resonanzkasten zu spähen. Ich bemerkte drei kirschrote Blutstropfen in seinem linken Auge: zwei kleine und einen größeren.Er hielt die Geige vor die Augen, schüttelte sie kräftig, offenbar felsenfest überzeugt, daß etwas herausfallen mußte. Ich fürchtete, daß die Saiten gleich reißen und die Wirbel in alle Richtungen davonfliegen würde.


Lesezitat nach Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin


Wie Balzac die Welt verändert
Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

ls Autor war der in China 1954 geborene Filmemacher Dai Sijie, der seit 1984 in Paris lebt, völlig unbekannt. Doch als letztes Jahr sein auf französisch geschriebenes Buch "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" erschien, versetzte er die Medien seiner Wahlheimat in einen wahren Freudentaumel.

Frankreichs Literaturpapst Bernard Pivot jubelt im Fernsehen in seiner populären Literatursendung "wenn dieses Buch kein Bestseller wird, ist meine Sendung zu nichts mehr gut." Und Le Figaro empfiehlt: "Wenn Sie nur einen Roman dieses Jahr lesen wollen, lesen Sie diesen: Er wiegt hundert andere auf."

Dai Sijie erzählt eine autobiografische Geschichte: Im Jahre 1971 verschlägt es ihn, gerade siebzehn Jahre alt, zusammen mit seinem ein Jahr älteren Freund in ein abgelegenes Bergdorf. Hier bei den Bauern, die in einer äußerst ärmlichen Umgebung und unter härtesten Arbeitsbedingungen leben, soll die Umerziehung der beiden Jungen geschehen. Ihre Eltern sind vom kommunistischen Regime Maos verfolgte Ärzte und die beiden sollen zu brauchbaren Revolutionären heranwachsen.

Am meisten Aufsehen erregt bei den Dorfbewohnern neben dem Wecker seines Freundes Luo, die Geige des Erzählers. Der Dorfälteste wünscht sich, dass auf diesem absonderlichen Instrument ein Lied gespielt werden soll und kurz entschlossen wird eine Sonate Mozarts (Mozart ist unter Mao als westlicher Komponist strikt verboten) mit einem neuen Titel versehen "Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Vorsitzenden Mao." Wer will ein solch revolutionäres Kunstwerk verbieten, das zudem bei den Dorfbewohnern großen Anklang findet?

Die beiden Freunde arbeiten hart, doch eine willkommene Abwechslung, die ihr karges Dasein überhaupt erträglich macht, sind ihre Besuche bei der kleinen, hübschen chinesischen Schneiderin, im nächsten Dorf. Ihr erzählen sie von ihrer Beute. Es ist eine Kiste voll mit unerlaubten, verbotenen Büchern. Nächtelang schildern sie ihr Romane von Balzac, und die Abenteuer des Grafen von Monte Christo, in den schönsten Farben. Sie ahnen nicht, auf welchen fruchtbaren Boden ihre Geschichten bei dem jungen, naiven Mädchen fallen, die bis dahin nur eine abgeschlossene Grundschulbildung erhalten hat.

"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" ist ein Roman, der im Gedächtnis des Lesers haften bleibt, weil er zum einen ein höchst interessantes Thema, die Umerziehung in Maos China, auf eine leichte, humorvolle Weise umsetzt, ohne die Schrecken der Kulturrevolution zu verschweigen. Doch das ist nur eine Seite dieses wunderbaren Buches. Erzählt wird auch eine der schönsten Liebesgeschichten, kombiniert mit einer Hommage an die Literatur, vor allem die Romane des neunzehnten Jahrhunderts.

"Ich nahm die Bücher eins nach dem andern in die Hand, schlug sie auf, betrachtete die Porträts der Autoren, reichte sie Lou weiter. Sie mit den Fingerspitzen berühren war, als würden Leben einen durchströmen, andere Leben." ... "Kommen dir auch fast die Tränen?" "Nein, ich spüre bloß Hass, Hass, Hass gegenüber allen, die uns diese Bücher verboten haben."

Gut, dass es ein solches Buch wie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" gibt, auch wenn es zu den äußerst raren Schätzen zählt. Gerade darum sollte es unbedingt gelesen werden. Und wenn es auch in Deutschland ein Bestseller wird, umso besser. © manuela haselberger



   Dai Sijie -
   Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
    Originaltitel: »Balzac et la petite tailleuse chinoise«, © 2000
    Übersetzt von Giò Waeckerlin Induni
    © 2001, München, Piper Verlag, 200 S., 17.90 € (HC)
    © 2002, München, Steinbach Sprechende Bücher, 4 Cassetten, 25.00 € (MC)
    © 2002, München, Steinbach Sprechende Bücher, 5 AudioCDs, 25.00 € (CD)
    © 2003, München, Piper Verlag, 200 S.,  7.90 € (TB)
   

          gebundenes Buch
          Taschenbuch - broschiert
          Audiobook CD
          4 Audiobook Cassetten


Fortsetzung des Lesezitats ...

Das Dorf war fast vollzählig vor dem etwas abseits stehenden Haus versammelt. Männer, Frauen und Kinder umringten uns neugierig, hingen in Trauben an der Stiege, streckten die Köpfe aus dem Fenster. Aus meinem Instrument fiel jedoch nichts. Also hielt der Laoban schnüffelnd die Nase ans geheimnisvolle Schalloch; die paar langen, dicken, popeligen Haare in seinen Nasenlöchern zitterten.

Nichts. Keinerlei Indizien.
Er fuhr mit seinem schwieligen Zeigefinger über eine Saite, über eine zweite Saite ... entlockte ihnen einen fremdartigen Ton, der die Menge andächtig erstarren ließ.
"Es handelt sich um ein Spielzeug", erklärte der Laoban feierlich. Seine Schlußfolgerung verschlug uns die Sprache. Wir blickten uns kurz an. Ich fragte mich besorgt, wie das Ganze noch enden würde.

Ein Bauer nahm dem Laoban das "Spielzeug" aus den Händen, hämmerte mit der Faust auf dem Boden des Instruments herum, reichte es dann an seinen Nachbar weiter, und meine Geige ging von Hand zu Hand. Niemand kümmerte sich um uns, die zwei lächerlichen Hänflinge aus der Stadt. Wir waren den ganzen Tag durch Berg und Tal marschiert, unsere Kleider, unsere Gesichter, unsere Haare starrten vor Schmutz. Wir konnten uns kaum mehr auf den Beinen halten. Wir sahen aus wie zwei jämmerliche reaktionäre Soldaten aus einem Propagandafilm, die nach einer verlorenen Schlacht von einer Heerschar kommunistischer Soldaten gefangengenommen worden waren.

"Ein kindisches Spielzeug", kreischte eine Frau.
"Nein", berichtigte der Laoban, "ein typisch bourgeoises Spielzeug aus der Stadt."
Mich fröstelte trotz des flackernden Feuers in der Mitte des festgetrampelten Hofes. "Es muß verbrannt werden", hörte ich den Laoban sagen.
Sein Befehl löste auf der Stelle heftige Reaktionen aus. Alle redeten wild durcheinander, schrien, drängten sich nach vorn; jeder versuchte, sich des "bourgeoisen Spielzeugs" zu bemächtigen, um es eigenhändig ins Feuer zu werfen.
"Laoban", sagte unerwartet Luo freundlich lächelnd, "das ist ein Musikinstrument. Mein Freund ist ein guter Musikant, ehrlich." Die Menge verstummte. Der Laoban griff nach der Geige, inspizierte sie nochmals gründlich von allen Seiten und hielt sie mir dann hin.

"Tut mir leid, Laoban", sagte ich verlegen, "ich spiele nicht besonders gut." In dem Moment sah ich, daß Luo mir zuzwinkerte. Ich nahm also die Geige und begann sie zu stimmen.
"Mein Freund wird eine Sonate von Mozart spielen", verkündete Luo gelassen.
Ich fragte mich erschrocken, ob er vielleicht übergeschnappt war. Seit ein paar Jahren waren in China sämtliche Werke Mozarts oder sonst eines westlichen Komponisten verboten. Meine durchnäßten Füße in den aufgeweichten Schuhen fühlten sich wie Eisklumpen an. Ich bibberte vor Kälte.

"Eine Sonate? Was ist das?" fragte mich der Laoban mißtrauisch.
"Nun ... also ... wie soll ich Ihnen das erklären", stammelte ich.
"Ein Lied?"
"Etwas in der Art . . .", antwortete ich ausweichend. Auf der Stelle flackerte die Wachsamkeit eines echten Kommunisten in den Augen des Laoban auf, und seine Stimme verhieß nichts Gutes: "Und wie nennt sich dieses Lied?"

"Also ... es hört sich an wie ein Lied, aber es ist eine Sonate."
"Ich hab dich gefragt, wie es heißt!" brüllte er mich an. Ich konnte den Blick nicht von den drei gruseligen Blutstropfen in seinem Auge wenden.
"Mozart . . . ", antwortete ich zögernd.
"Mozart was?"
"... Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao", kam mir Luo zu Hilfe.
Mir stockte der Atem. Doch Luos kühne Erklärung wirkte Wunder: Die Gesichtszüge des Laoban entspannten sich. Er kniff die Augen zusammen, und sein Mund verzog sich zu einem breiten, seligen Lächeln. "Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao", wiederholte er andächtig.
"Ja, immer, Tag und Nacht", bekräftigte Luo.
Als ich die Saiten meines Bogens spannte, begann die Menge aufmunternd in die Hände zu klatschen, was mich jedoch nur noch mehr einschüchterte. Meine klammen Finger fuhren über die Saiten - und Mozarts vertraute Sätze stiegen in meiner Erinnerung auf. Die eben noch harten Gesichter der Bauern weichten bei Mozarts klarem Jubel auf wie die vom Regen durchnäßte Erde; dann verschmolzen ihre Umrisse im tanzenden Licht der Petroleumlampe nach und nach mit der Dunkelheit.

Ich spielte eine ganze Weile, während Luo sich ruhig eine Zigarette ansteckte wie ein richtiger Mann.
Das war unser erster Umerziehungstag. Luo war achtzehn, ich siebzehn.S. 5-9 Wenn man mich fragt, wie die Stadt Yong Jing aussieht, antworte ich jedesmal mit einem Satz meines Freundes Luo: Sie ist so klein, daß die ganze Stadt schnuppernd die Nase in die Luft streckt, wenn in der Kantine der Stadtverwaltung Rindfleisch mit Zwiebeln gekocht wird.

In der Tat gab es in der Stadt nur eine einzige Straße, in der sich der Sitz des Stadtkomitees befand, das Postamt, ein Kaufhaus, eine Buchhandlung, das Gymnasium und ein Restaurant, hinter dem sich ein Hotel mit zwölf Zimmern befand. Das Kreiskrankenhaus lag an einem Hügel am Stadtrand.

In jenem Sommer schickte uns der Laoban mehrere Male zu Filmvorstellungen in die Stadt. Ich glaube, wir verdankten diese Großzügigkeit Luos kleinem Wecker mit dem jede Sekunde ein Reiskorn pickenden Gockel und den blaugrün schimmernden Schwanzfedern, den der zum Kommunisten bekehrte Opiumbauer heiß begehrte. Die einzige Möglichkeit, auch nur für kurze Zeit in dessen Besitz zu gelangen, war, uns nach Yong Jing zu schicken. Während der vier Tage der Hin- und Rückreise war er der Herr des Weckers.

Gegen Ende August, einen Monat nach der Rauferei, die unsere diplomatischen Beziehungen zum Brillenschang hatte einfrieren lassen, gingen wir wieder einmal in die Stadt, doch diesmal begleitete uns die Kleine Schneiderin.

Bei dem Film, der auf dem gerammelt vollen Basketballfeld des Gymnasiums vorgeführt wurde, handelte es sich immer noch um den alten nordkoreanischen Film vom Kleinen Blumenmädchen, den Luo und ich bereits gesehen und den Dorfbewohnern erzählt hatten: um jene Geschichte, die die vier alten Hexen heiße Tränen hatte vergießen lassen. Es war ein schlechter Film. Um die Handlung auswendig zu kennen, brauchte man ihn sich nicht zweimal anzuschauen. Wir ließen uns die gute Laune dadurch nicht verderben. Zum einen waren wir glücklich, wieder einmal den Fuß in die Stadt setzen zu können. Stadtluft atmen! Das Stadtleben genießen! Selbst in einer Stadt, die kaum größer war als ein Schneuztuch, duftete Rindfleisch mit Zwiebeln ganz anders als bei uns im Dorf. Und erst das elektrische Licht: Was für eine Helle im Vergleich zum Schummer der Petroleumlampen! Wir waren nicht etwa verrückt nach der Stadt, Luo und ich, doch die uns auferlegte Pflicht, einer Filmvorstellung beizuwohnen, ersparte uns vier Tage Plackerei in den Feldern, vier Tage Schleppen von menschlichem und tierischem Dünger, vier Tage Pflügen in den schlammigen Reisfeldern mit Büffeln, deren langer Schwanz einem ständig übers Gesicht fegt.

Zum andern begleitete uns die Kleine Schneiderin, was erst recht ein Grund für unsere gute Laune war. S. 87-88 Die berühmten Autoren aus dem Westen hießen uns herzlich willkommen, angeführt von fünf oder sechs Romanen unseres alten Freundes Balzac, gefolgt von Victor Hugo, den beiden Dumas, Flaubert, Baudelaire, Romain Rolland, Rousseau, Tolstoi, Gogol, Dostojewski und ein paar Engländern, Dickens, Kipling, Emily Brontė ...

Wir hielten den Atem an. Mir schwindelte. Ich nahm die Bücher eines nach dem andern in die Hand, schlug sie auf, betrachtete die Porträts der Autoren, reichte sie Luo weiter. Sie mit den Fingerspitzen berühren war, als würden Leben einen durchströmen, andere Leben.
"Ich komme mir vor wie im Film", flüsterte Luo, "wenn die Gangster einen Koffer voller Geldscheine öffnen . . . "
"Kommen dir auch fast die Tränen?"
"Nein, ich spüre bloß Haß, Haß, Haß gegenüber allen, die uns diese Bücher verboten haben."
Ich fuhr zusammen und schaute mich erschrocken um: Ein Satz wie dieser konnte viele Jahre Gefängnis kosten.
"Los, hauen wir ab", zischte Luo. "Warte."
"Was ist?"
"Ich weiß nicht recht ... Der Brillenschang wird bestimmt sofort vermuten, daß wir die Kofferdiebe sind. Wenn er uns anzeigt, sind wir erledigt. Vergiß nicht, warum wir hier sind."

"Ich hab dir schon gesagt: seine Mutter wird es verhindern. Sonst weiß alle Welt, daß ihr Sohn verbotene Bücher versteckt hat! Und er wird für alle Ewigkeit auf dem Berg des Phönix-des-Himmels bleiben."
Ich öffnete den Koffer nochmals. "Wenn wir nur ein paar Bücher mitnehmen, wird er vorerst nichts merken."

"Aber ich will alle lesen", sagte Luo wild entschlossen. Er klappte den Koffer zu, legte die Hand darauf und erklärte feierlich wie ein Christ, der einen Eid ablegt: "Mit diesen Büchern werde ich die Kleine Schneiderin verwandeln."
Wir gingen stumm auf den Vorhang zu, der den Schlafraum von der Stube abtrennte. Ich ging mit der Taschenlampe voraus, Luo folgte mir, den schweren Koffer in der Hand; ich hörte, wie er gegen Luos Beine schlug, an Brillenschangs Bett stieß, an das aus zwei Brettern improvisierte zweite Bett stieß, über das wir beinahe gestolpert wären.
Doch der Fensterladen war zugenagelt. Wir hatten in der Aufregung vergessen, nachzusehen, ob er offen war. Wir versuchten, ihn aufzustemmen, aber er knarrte nur leise seufzend, ohne einen Zentimeter nachzugeben.

Nur den Kopf nicht verlieren. Wir kehrten in die Stube zurück. Also würden wir eben das Manöver von vorhin wiederholen: die zwei Türflügel einen Spaltbreit nach außen stoßen, eine Hand durch den Spalt strecken und mit dem Dietrich das kupferne Vorhängeschloß aufschließen.
"Pst!" flüsterte Luo plötzlich. S. 111

Lesezitate nach Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin













© 26.12.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de