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BESCHWINGT STIEG SARAH die Subwaystufen hinauf, den Blick auf ihre schwarzen Wildlederstiefeletten geheftet. Sie lächelte. Sooft sie als Staatsanwältin im Gerichtssaal auch auf die Urteilsverkündung der Geschworenen gewartet hatte, es blieb doch stets ein banger Moment. Jetzt, wo der Fall abgeschlossen war, spürte sie die Erleichterung fast körperlich. Als sie oben an der 79th Street stand, strahlte sie. Nicht nur der Prozeßerfolg gab ihr Auftrieb; an solchen Tagen empfand sie es erneut als großes Glück, in New York zu leben.

Sie ging rechts den Broadway hinab. Als sie den Schutz des Apthorp-Blocks verließ, fiel sie ein schneidender Wind an. Es kümmerte sie nicht. Sie liebte diese klaren, kalten Februartage mit eis-blauem Himmel, an denen sich die Konturen der Stadt noch schärfer abzeichneten als sonst. Sie ging rasch, in Gedanken bereits bei dem Malt-Whisky, den sie sich daheim einschenken würde. Wie breit doch der Broadway war, und wie kompakt mit seinem ausnahmsweise fließenden Verkehr, den Geschäften, die mit Schlußverkaufsangeboten lockten, dem Obst und Gemüse unter den Markisen der Delis. Vor einem blieb sie stehen und bewunderte die blanken Früchte und das Gemüse, das im Schein der Lampen so knackig und frisch aussah. Trotz der Jahreszeit gab es alle Sorten. Alles war hier so üppig und so anders als in dem öden, trockenen Land ihrer Geburt.

Der Gedanke ließ sie stutzen Eigentlich diente ihr die Heimat schon lange nicht mehr als Vergleichsmaßstab. Inzwischen war ihr die scharfkantige Skyline der Stadt so vertraut, daß es ihr bei den seltenen Gelegenheiten, wenn Bilder ihres Heimatorts in ihr aufstiegen, so vorkam, als würden sie eine Welt beschwören, die jede Bedeutung verloren hatte. Sarah griff sich einen Einkaufskorb. S. 7


Lesezitat nach Gillian Slovo - Roter Staub


Der Kampf um die Wahrheit
Gillian Slovo - Roter Staub

s gibt neben Nadine Gordimer und J. M. Coetzee nur wenige Autoren von Rang, die es mit ihren Büchern schaffen, die politisch sehr interessante Lage in Südafrika einer breiten Leserschaft zu vermitteln. Gillian Slovo, die zwölf Jahre ihrer Kindheit dort verbracht hat, ist auf dem besten Weg, sich mit ihrem Roman "Roter Staub" an der Spitze miteinzureihen.

Im Mittelpunkt ihres Buches steht das heutige Südafrika. Das Ende der Apartheid ist vollzogen und es werden Wahrheitskommissionen gebildet, die den Auftrag haben, geständigen Tätern, die bereit sind, sich mit ihren ehemaligen Opfern auseinander zu setzen, Amnestie zu gewähren. Nach den vergangenen hasserfüllten Jahren soll eine Aussöhnung zwischen Opfern und Tätern herbeigeführt werden.

Um ihren kranken, väterlichen Freund und Mentor bei einer solchen heiklen Verhandlung auf der Suche nach der Wahrheit zu unterstützen, fliegt die junge Anwältin Sarah Barcant von New York in das südafrikanische Städtchen Smitsrivier.

Auch der ehemalige Polizist Dirk Hendricks ist unterwegs nach Smitsrivier, denn er hat den Amnestie - Antrag gestellt. Sarah soll im anstehenden Prozess klären, inwieweit Hendricks zur Folter, die er dem schwarzen Parlamentsabgeordneten Alex Mpondo zugefügt hat, bereit ist Stellung, zu beziehen und seine Schuld anzuerkennen. So reist gezwungenermaßen auch Alex an. Er hat sich eigentlich geschworen, seinem ehemaligen Peiniger nie mehr zu begegnen.

Seine "Erinnerungen hatten keine Ordnung - dann wären sie leichter zu verkraften gewesen -, sondern kehrten bruchstückhaft wieder."

Und zusätzlich soll Sarah für das alte Lehrer - Ehepaar klären, was mit ihrem Sohn, der seit fünfzehn Jahren vermisst wird, geschehen ist. Hatte Hendricks auch hier als Polizist seine Finger im Spiel?

Es sind nur eine Hand voll Personen, die Gillian Slovo benötigt, um in einer unglaublichen atmosphärischen Dichte die Psychologie der Folterer und Opfer zu erzählen. Glänzend schildert sie diese intime Beziehung, die zwischen den beiden Seiten besteht und auch die Verletzungen, die sie gegenseitig, jeder auf seine eigene Weise, von diesen ungeheuren Vorkommnissen davontragen. "Die neue Geschichte ihres Landes passte nicht mehr auf die alten Wahrheiten."

Mit einer enormen Plastizität beschreibt sie südafrikanische Gegebenheiten heute. Es sind Menschen, die, unabhängig davon, ob sie im Gefängnis ihre Schuld verbüßen oder in politischer Verantwortung stehen, mit ihrer eigenen Vergangenheit klar kommen müssen. Und weil Gillian Slovo auf eine einfache schwarz - weiß Darstellung verzichtet, nicht nur bei der Hautfarbe, birgt ihr Roman einen Reiz, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Die Folterknechte der Apartheid haben Schuld auf sich geladen, die sie bis in ihre Träume verfolgt. Doch wie wird ein Opfer mit dem Verrat fertig, den es unter großen Schmerzen an den besten Freunden begangen hat?

Ein vielschichtiger Roman, der in großer Klarheit über die heutigen Probleme in Südafrika berichtet. "Denn das letzte, was vor der Wahrheitskommission zur Sprache kommt, ist die Wahrheit." © manuela haselberger


Gillian Slovo - Roter Staub
Originaltitel "Red Dust"; © 2000
übersetzt von Uda Strätling
2001, München, Kunstmann, 333 S., 21.90 (HC)
2003, Frankfturt, Fischer, 333 S., 10.90 (HC)

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Fortsetzung des Lesezitats ...

Der hatte keine Ahnung! Nichts lag Alex ferner; er wollte mit Hendricks nichts mehr zu tun haben. Hätte der sich nicht selbst der Folter bezichtigt, er, Alex, hätte die Sache bestimmt nicht an die große Glocke gehängt. Ihm lag weder etwas an einer Bloßstellung Hendricks'. Noch an Erniedrigung. Noch an Absolution. Ihm lag nichts an Wiedergutmachung und ganz sicher nicht daran, dasitzen und Hendricks sagen hören zu müssen, es tue ihm leid. Was geschehen war, hatte Alex auf seine Weise verarbeitet. Er wollte bloß noch in Ruhe gelassen werden.

Und jetzt blieb ihm keine Wahl. Hendricks hatte für Alex' Folterung Amnestie beantragt, und Alex mußte sich diesem Ansinnen widersetzen. Nicht um seinetwillen, nein, um James' willen. Das Ganze glich einem sternförmig ausgelegten Netz von Stolperdrähten: Pieter Muller würde nur stürzen, wenn Hendricks ihn mitriß, Hendricks würde Muller nur mit hineinziehen, wenn Alex ihm Druck machte, und Alex war nur deshalb bereit, Hendricks entgegenzutreten, weil James es wünschte.

Vor ihm beschrieb die Straße eine Linkskurve. Dahinter lagen, wie er sehr genau wußte, die kleine Brücke und die ersten Häuser von Smitsrivier. Er nahm erneut den Fuß vom Gaspedal, und der Wagen führ noch langsamer. S. 36

"Sie haben es auch in Ihrem Antrag unterlassen, eine Farm zu erwähnen", warf der Richter ein.
Mann, der stellte sich an, dieses zimperliche Weib von einem Richter, hängte sich an solchen Kleinigkeiten auf Konnte der sich nicht denken, daß es viele Details gab, die Dirk zu erwähnen "unterlassen" hatte? - etwa daß Dirk, ganz allein auf sich gestellt, einmal hilflos zusehen mußte, wie einem durchreisenden Fremden, den eine rasende Menge zum Verräter erklärt hatte, in der Township eine Halskrause umgelegt wurde.
"Mr. Hendricks?"
"Tut mir leid, Herr Vorsitzender", sagte Dirk ruhig, ganz der kooperative Gefangene.
Der Richter bedachte das Eingeständnis mit einem knappen Kopfnicken, und Dirk saß da, gestrandet auf dieser Bühne, von allen Menschen abgeschnitten, denen er je etwas bedeutet haben mochte, und dachte an die vielen, vielen Vorkommnisse wie die Halslkrause, die ebenso wahr und von ebensolcher Bedeutung für diesen Fall waren, die er in seinen Antrag deshalb ausgespart hatte, weil er wußte, man würde ihm schlicht nicht glauben. Darauf wies Dirk den Richter nicht hin. Denn eines stand fest: Die neue Geschichte ihres Landes paßte nicht mehr auf die alten Wahrheiten. Niemand würde seine Darstellung des Halskrausenvorfalls hören wollen - wie es war, zwar notgedrungen die Augen zu verschließen (denn was hätte er schon tun können?), nicht aber die Ohren zusperren zu können und deshalb mitanhören zu müssen, wie der Reifen angesteckt wurde und das arme Schwein bei lebendigem Leibe verbrannte, seine Schreie noch lange hören zu müssen, nachdem sich der Mob verlaufen hatte, Schreie, die ihn bis nach Hause verfolgt hatten, bis in den Schlaf. Niemand würde sich für die Nacht interessieren, in der er davon aufgewacht war, daß er seine Frau würgte, weil er sich einbildete, er hätte einen der johlenden schwarzen Gaffer vor sich, dem vor Staunen angesichts verklebter schwarzer Haut und verschmolzenem schwarzen Gummi der Mund offenstand, oder daß er den Gestank nicht mehr aus der Nase bekam, so sehr er auch schrubbte, bis aufs Blut...

"Sie waren sonst der kleineren Station in der Main Street zugeteilt?" fragte der Richter.
Dirk blinzelte. "Das ist richtig, Herr Vorsitzender."
"Es gibt außerdem den größeren Polizeikomplex am Ortsrand?"
"Das ist richtig."
"Wozu mußten Sie dann Verdächtige auf eine Farm bringen?"
Wozu hatten sie die Farm gebraucht? Dirk brachte nur eine hilflose Geste zustande. Was sollte er dazu sagen? Daß alle damals unternommenen Schritte als Ausdruck einer eskalierenden Taktik von Schlag und Gegenschlag angesehen, alle Entscheidungen, wie fragwürdig auch immer (das wollte Dirk gar nicht bestreiten), unter den Bedingungen des Ausnahmezustands getroffen worden waren? Wollte er das zu erklären versuchen, die Wahrheit von damals, in ihrer ganzen Komplexität, dann würden die Anwesenden doch nur wieder glauben, er lüge, wie vorhin, als Mpondo ihn bei der Geschichte von den nassen Säcken, die sie daheim im Bad bereitgehalten hatten, scheinbar der Lüge überführt hatte.

Dirk hatte nicht gelogen. Halskrause, Säcke, Schmerz - das alles war wahr.

Sie hielten sich alle bloß für was Besseres. Sie blickten zurück und verurteilten ihn. Hinterher war man immer klüger, da warfen sich selbst Soziologen und Journalisten zu Richtern auf. Und doch würden diese selbsternannten Experten - so clever ihre Erklärungsansätze auch waren - nie begreifen können, was es geheißen hatte, vom Wirbelsturm der Ereignisse fortgerissen zu werden, von der Geschichte selbst, die man schrieb, während andere sie bereits umschrieben, und unter einem Höllendruck Entscheidungen fällen zu müssen wie: wohin mit den vielen Festgenommenen und wie ihnen Geständnisse abzwingen, ehe noch mehr Opfer zu beklagen wären, und wie den eigenen Kindern erklären, weshalb man von der Arbeit heimkam und ihnen nicht in die Augen sehen konnte. S. 193-194

Lesezitate nach Gillian Slovo - Roter Staub













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© 4.9.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de