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Schachmatt
Stephen L. Carter - Schachmatt

er Amerikaner Stephen L. Carter lehrt als Juraprofessor an der Yale University und hat mit seinem Erstling "Schachmatt" schon alle Rekorde gebrochen, bevor auch nur eine Zeile von ihm zu lesen war, denn er erhielt von seinem Verlag für seinen Thriller einen stattlichen Vorschuss von 4,2 Mio. Dollar. Worauf dürfen bei einem solchen Buch die Leser gespannt sein?

Alles beginnt mit dem Tod des Richters Oliver Garland. Doch schon bei seiner Beerdingung äußert Mariah, die Tochter, gegenüber ihrem Bruder Talcott den Verdacht, dass sie davon überzeugt ist, dass ihr Vater umgebracht wurde. In den folgenden Tagen beginnt Talcott seine Umwelt etwas genauer zu beobachten. "Die Leute mochten meinen Vater nicht, und er erwiderte diese Abneigung. Sie verbreiteten Geschichten über seinen Tod und hofften inständig, dass sie der Wahrheit entsprachen."

Es sind Kleinigkeiten, die Talcott stutzig machen. Ihm fällt auf, dass im Arbeitszimmer ein Bauer im Schachspiel seines Vaters fehlt. Eigentlich harmlos, doch auch der Ordner mit Zeitungsausschnitten, die sein Vater akribisch gesammelt hat, taucht nicht mehr auf. Und dann erhält Talcott Besuch von "falschen" FBI- Mitarbeitern, und eine Menge Leute interessieren sich plötzlich für Vorkehrungen, die sein Vater für die Zeit nach seinem Tod getroffen haben soll. Talcott stochert im Nebel.

In einer ungewöhnlichen Tiefe schildert Stephen L. Carter, der selbst afroamerikanischer Herkunft ist, und von der New York Times als "führender Intellektueller der Nation" bezeichnet wurde, eine Familiengeschichte aus der schwarzen Oberschicht. Und dies ist in der derzeitigen amerikanischen Literatur ein absolutes Novum. Schon Talcotts Vater hat es als Richter geschafft, dass sich die Familie nicht um finanzielle Probleme sorgen musste, sich sogar ein Ferienhaus leisten konnte, auch wenn seine Laufbahn und sein Ego durch seine gescheiterte Kandidatur für den Obersten Gerichtshof litt.

Talcott selbst unterrichtet als Juradozent, seine Frau, ebenfalls dunkelhäutig, ist dabei, den entscheidenden Sprung in ihrer Karriere zum begehrten Richteramt zu schaffen.

Gleich einem Schachspiel platziert Carter seine Figuren, erzählt ihre Geschichte, doch er lässt sich zwischen den Zügen eine Menge Zeit. Und das macht es für den Leser nicht immer leicht, seinen Abschweifungen zu folgen, da die Informationen zum Thriller, der den ganzen Roman zusammenhält, sehr spärlich verteilt sind.

Den Beruf des Juristen kann Carter in seinem Roman nicht verschweigen, denn er erzählt in einem sehr nüchternen, sachlichen Stil. Das muss man einfach in Kauf nehmen, wenn man als Leser seinen Roman zur Hand nimmt. Insgesamt ist der Plot der Handlung hervorragend konstruiert.
© manuela haselberger


Stephen L. Carter - Schachmatt
Originaltitel: The Emperor of Ocean Park, © 2002
Übersetzt von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring

© 2002, München, List Verlag, 859 S., 24 (HC)





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Prolog DAS VINEYARD-HAUS Als mein Vater schließlich starb, hinterließ er die Karten zu den Spielen der Redskins meinem Bruder, das Haus in der Shepard Street meiner Schwester und das Haus auf Martha's Vineyard mir. Natürlich waren die Tickets der wertvollste Teil des Nachlasses, aber schließlich war Addison stets sein Liebling und der größte Football-Fan gewesen, der Einzige von uns Kindern, der die Leidenschaft meines Vaters in etwa teilte, und außerdem der Einzige von uns, mit dem mein Vater, als er sein Testament zum letzten Mal änderte, noch häufiger sprach. Addison ist ein Juwel, wenn man seine Frömmelei ertragen kann, während Mariah und ich uns, seit ich zum Feind übergelaufen hin, wie sie es formuliert, nicht mehr besonders nahe stehen, weshalb unser Vater uns ja auch Häuser vermacht hat, die über sechshundert Kilometer voneinander entfernt liegen.

Ich war froh, dass ich das Haus auf Martha's Vineyard bekam. Es ist ein nettes kleines, im viktorianischen Stil erbautes Haus mit viel verschnörkelter Zimmermannsgotik an der leicht durchhängenden Veranda und einem wunderschönen Morgen blick auf den weißen Musikpavillon in dem weiten Meer weichen, grünen Grases, das sich von dem noch weiteren Meer leuchtend blauen Wassers abhebt. Meine Eltern erzählten gerne, wie sie das in dem Städtchen Oak Bluffs am Ocean Park gelegene Haus in den sechziger Jahren für ein Butterbrot gekauft hatten, zu einer Zeit, als Martha's Vineyard, ebenso wie das Häuflein schwarzer Sommergäste aus der Mittelschicht, Niveau und eine gewisse Exklusivität besaß. In jüngster Zeit war es nach der oft wiederholten Ansicht meines Vaters mit Martha's Vineyard bergab gegangen, denn es war voll und laut geworden, und außerdem ließ man jetzt Hinz und Kunz dorthin, wobei er mit »Hinz und Kunz<( jene Schwarzen meinte, die weniger wohlhabend waren als wir. Es würden zu viele neue Häuser gebaut, pflegte er zu klagen, die zum Teil schon die Straßen und Wälder entlang der besten Strände verschandelten. Mittlerweile gab es vor allem bei Edgartown sogar Wohnanlagen, was er nicht begreifen konnte, weil der südliche Teil der Insel doch Kennedy-Land war. So nannte er das Gebiet, wo sich reiche weiße Urlauber und ihre schlecht erzogenen Gören versammeln. Ein Glaubensartikel meines - teils erbosten, teils eifersüchtigen - Vaters besagte nämlich, dass die Weißen den, wie er sich ausdrückte, Angehörigen der dunkelhäutigeren Nation zwar gestatteten, sich irgendwo gegenseitig die Ellbogen in die Rippen zu stoßen, die freien Räume aber für sich beanspruchten.

Und doch, ungeachtet aller Klagen, ist das Haus auf Martha's Vineyard ein kleines Wunder. Ich habe es schon als Kind geliebt und liebe es heute noch mehr. Jedes Zimmer, jede dunkle Treppenstufe, jedes Fenster erzählt raunend seine Geschichte. Als Kind brach ich mir bei einem Sturz vom Giebeldach über dem Fenster des großen Schlafzimmers den Fuß und das Handgelenk; heute, dreißig Jahre später, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, warum ich dachte, es würde Spaß machen, dort herumzuklettern. Zwei Sommer darauf wanderte ich in nachmitternächtlicher Dunkelheit auf der Suche nach einem Glas Wasser durchs Haus, als mich ein seltsames Wimmern veranlasste, mich auf den Treppenabsatz zu kauern und durchs Geländer zu spähen, was mir, eine Woche vor meinem zehnten Geburtstag, zu einem ersten kurzen, aber anregenden Blick auf das Urwunder der Erwachsenenwelt verhalf. Mein Bruder Addison, der vier Jahre älter ist als ich, balgte sich mit unserer Cousine Sally, einer dunklen fünfzehnjährigen Schönheit, auf dem abgewetzten weinroten Sofa, das in einer schummerigen Ecke nahe der Treppe vor dem Fernseher stand. Beide hatten anscheinend nicht mehr sämtliche Kleider am Leib, auch wenn ich nicht auf Anhieb feststellen konnte, welche fehlten. Im ersten Moment wollte ich weglaufen, blieb dann aber hocken und beobachtete, von einer .ausgesprochen anregenden Lethargie befallen, wie sich die beiden auf der Couch wäIzten, Arme und Beine scheinbar willkürlich ineinander verschlungen - »rummachen« nannten wir das damals, in urkomplizierteren Tagen, ein herrlich vielsagender Ausdruck, mit dem Wir uns vielleicht vor der Last allzu großer Deutlichkeit schützen wollten.

Meine eigenen Teenagerjahre verhalfen mir, wie die eintönigen überlangen Jahre des Erwachsenenlebens, leider nicht zu vergleichbaren Abenteuern, schon gar nicht auf Martha's Vineyard; der absolute Höhepunkt ereignete sich wohl als ich dreizehn war, gegen Ende des letzten Sommers, den die Familie vollzählig in Oak Bluffs verbrachte. Mariah, damals eine recht mollige Fünfzehnjährige, war stinksauer auf mich, weil ich mich über ihr Gewicht lustig gemacht hatte. Sie lieh sich deshalb in der Küche eiine Schachtel Streichhölzer, stibitzte mir dann ein heiß geliebtes Topps-Sammelbild des Baseballspielers Willie Mays und kletterte die gefährliche Ausziehleiter mit ihren dünnen, wackligen Sprossen hoch auf den Dachboden. Als ich sie eingeholt hatte, verbrannte sie das Bild vor meinen Augen, während ich in der elenden Nachmittagshitze des staubigen, niedrigen Speichers hilflos weinend auf die Knie sank - schon damals hatte sich die hartnäckige Feindseligkeit zwischen uns herausgebildet. Im selben Sommer schaffte es meine Schwester Abigail, die damals immer noch »Baby« gerufen wurde, obwohl sie nur ein gutes Jahr jünger war als ich, in die Lokalzeitung, die Vineyard Gazette, weil sie an einem schwülen Augustabend bei einem Volksfest mit Dart-Pfeilen auf Luftballons und mit Baseball-Bällen auf Milchflaschen geworfen und acht verschiedene Preise abgeräumt hatte, wodurch sie ihre Stellung als einzige potenzielle Athletin der Familie festigte - wir anderen ließen von vornherein die Finger vom Sport, denn unsere Eltern predigten uns ständig, es sei wichtiger, Köpfchen zu haben als Muskeln.

Vier Sommer später war Abbys jungenhaftes Lachen weder am Ocean Park noch sonst irgendwo mehr zu hören, denn ihre Lebensfreude und unsere Freude an ihr fanden in einem einzigen chaotischen Augenblick ein Ende, als sie, ein unerfahrener Teenager, auf regennassem Asphalt den erfolglosen Versuch unternahm, einem außer Kontrolle geratenen Sportwagen auszuweichen, einem dieser schicken Dinger, das zwar etliche Zeugen gesehen hatten, das aber nie genau beschrieben und folglich auch nie ausfindig gemacht werden konnte; der Fahrer, der meine kleine Schwester in jenem ersten Frühling der kurzen Amtszeit von Jimmy Carter ein paar Blocks nördlich der Washingtoner Kathedrale tötete, hatte sich lange vor Eintreffen der Polizei aus dem Staub gemacht. Dass Abby noch keinen richtigen Führerschein, sondern nur eine vorläufige Fahrerlaubnis besaß, erfuhr die Öffentlichkeit nicht; genauso wenig wurde das Marihuana, das man in ihrem geliehenen Auto fand, erwähnt, schon gar nicht von der Polizei, aber selbst von der Presse nicht, denn mein Vater war schließlich der, der er war, und hatte die Beziehungen, die er hatte, und außerdem war es damals noch kein Volkssport, den Ruf der Großen dieser Welt zu zerstören. Deshalb konnte Abby so unschuldig sterben, wie wir vorgaben, dass sie gelebt hatte. Addison stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor seinem College-Abschluss, und Mariah war in ihrem zweiten College-Jahr, was mich in die nervenaufreibende Rolle zwängte, das »einzige Kind« meiner Mutter zu spielen. So nannte sie mich jedenfalls. Und in diesem Sommer in Oak Bluffs, in dem mein Vater zwischen Martha's Vineyard und dem Gerichtsgebäude in Washington pendelte und meine Mutter im Erdgeschoss ziellos von Zimmer zu Zimmer wanderte, machte ich es mir zur Aufgabe, im ganzen Haus Dinge aufzuspüren, die an Abby erinnerten: unter einem Bücherstapel auf dem schwarzen, metallenen Rollwagen, auf dem der Fernseher stand, ihr Lieblingsspiel Life; ganz hinten in dem Glasschränkchen über der Spüle ein weißer Keramikbecher mit der schwarzen Aufschrift BLACK IS BEAUTIFUL, den sie gekauft hatte, um meinen Vater zu ärgern; und, versteckt in einem Winkel des stickigen Dachbodens, der Plüschpanda George (benannt nach dem militanten, zum Märtyrer gewordenen Schwarzen George Jackson), den sie bei dem besagten Volksfest gewonnen hatte und aus dessen Gelenken inzwischen eine eklige rosa Substanz quoll - Erinnerungen, die, wie ich, der ich die gefahrvollen mittleren Lebensjahre erreicht habe, gestehen muss, im Laufe der Zeit immer mehr verblasst sind.

Ach ja, das Vineyard-Haus! Addison hat zweimal dort Hochzeit gefeiert, einmal mehr oder weniger erfolgreich, und ich habe zweimal die bleigefassten Scheiben der Haustür eingeworfen, einmal mehr oder weniger absichtlich. In meiner Kindheit fuhren wir jedes Jahr hin, um den Sommer dort zu verbringen, denn genau dazu ist ein Sommerhaus schließlich da. Im Winter schimpfte mein Vater dann regelmäßig über die Kosten und drohte, das Haus zu verkaufen, denn genau das tut man schließlich, wenn Glück eine fragwürdige Investition ist. Und als dann der Krebs, der meine Mutter sechs Jahre lang verfolgt hatte, den Sieg davontrug, starb sie in diesem Haus, im kleinsten der Schlafzimmer, von dem aus man den schönsten Blick auf den Nantucket Sound hat, denn genau das tut man schließlich, wenn man sein Ende wählen kann.
Mein Vater starb an seinem Schreibtisch. Und anfänglich glaubten nur meine Schwester und ein paar bekiffte Anrufer bei spätabendlichen Radioshows, dass er ermordet worden sei.


Kapitel I

NEUIGKEITEN PER TELEFON

Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens«, sprudelt meine Frau heraus, mit der ich seit fast neun Jahren verheiratet bin, an dem Tag, der in Kürze einer der traurigsten meines Lebens werden soll.
»Aha«, antworte ich, und mein Tonfall verrät, dass ich verletzt bin.
»Ach, Misha, nun werd mal erwachsen! Ich vergleiche das doch nicht mit unserer Hochzeit. Pause. » Oder mit Bentleys Geburt«, setzt sie dann gleichsam als Fußnote hinzu.
» Ich weiß, ist schon klar. «
Wieder eine Pause. Ich hasse Pausen am Telefon, aber ich hasse das Telefon sowieso - und noch vieles andere mehr. Im Hintergrund höre ich einen Mann lachen.
Während es im Osten schon fast elf Uhr vormittags ist, geht es in San Francisco erst auf acht zu. Es besteht jedoch kein Anlass zu Argwohn - sie könnte von einem Restaurant, einem Einkaufszentrum oder einem Konferenzraum aus anrufen.
Oder auch nicht.
»Ich dachte, du freust dich für mich«, sagt Kimmer endlich.
»Ich freue mich ja auch für dich«, versichere ich ihr viel zu spät. »Es ist nur-«
»Ach, Misha, nun komm schon! « Sie wird langsam ungeduldig. »Ich bin nicht dein Vater, okay? Ich weiß, worauf ich mich einlasse. S. 9-18

Lesezitate nach Stephen L. Carter - Schachmatt











© 24.9.2002
by Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de