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Hindenburgs zweites Ableben
Henning Boëtius - Phönix aus der Asche

Als ob der Englische Patient wiedererstanden wäre, so stapft Per Olsen in Gesicht und Körper durch Feuer versehrt durch den Roman "Phönix aus Asche" von Henning Boëtius.

Olsen, der vor dem Schicksalsschlag Birger hieß, war einer der Überlebenden eines der größten Technologieunfälle des vergangenen Jahrhunderts: Der Absturz der "LZ 129 - Hindenburg" auf dem Flugfeld von Lakehurst in Amerika am 6.Mai 1937.

Die Katastrophe besiegelte das Ende der Ära der gigantischen Luftschiffe und hinterließ nach dem Untergang der Titanic einen neuen Mythos in der Geschichte der Menschheit.

War es nun ein technischer Defekt, eine Verkettung physikalischer Effekte, die zu diesem Unglück geführt haben oder ein Anschlag, Sabotage?

Genau darüber spekuliert Boëtius in seinem Roman und er hat dazu eine erstklassige Quelle: Sein Vater gehörte selbst zur Crew des Zeppelin und überlebte das Unheil. Nun, mehr als 60 Jahre danach, setzt der Sohn dem Vater und seiner Lebensgeschichte damit ein Denkmal - ob gelungen, das muss der Leser selbst beurteilen.

Teilweise hat man den Eindruck, als ob der Sohn dem Vater mit dem Buch etwas schuldet, was ihn gelegentlich doch zu sehr an die Familiengeschichte bindet und ihn an der schriftstellerischen Freiheit hindert. Andererseits gewährt dieser Übervater dem Sohn ein exzellentes Verständnis der komplizierten Großtechnologie: Der Leser bekommt nicht nur einen detaillierten Eindruck in technische Einzelheiten, sondern auch authentische Einblicke in das Leben an Bord dieses gigantischen Zeppelins. Eduard Boëtius war damals der Mann am Höhenruder, der elevatorman, des gasgefüllten Riesen.

Wohl viele Jahre rätselte und zweifelte er im Familienkreis an der offiziellen Darstellung des Unfalls: Nasse Taue, elektrisch leitfähig, sollen die Explosion verursacht haben, als diese bei der Landung den Boden berührten. Nur 40 Sekunden dauerte das Inferno, dann brach der Luftgigant verkohlt in sich zusammen - festgehalten für die Annalen der Menschheit von einer Kamera. Ein unschätzbares Zeitdokument.

Zu banal wäre da die Theorie vom physikalischen Defekt - zu lächerlich die Erklärung für das Ende eines Giganten. Und deswegen spielt Boëtius mit dem Verschwörungsgedanken. Die Nazis wollten aus dem Unfall politisches Kapital ziehen. Ein weiteres Fanal für die Zivilisation. Der Reichstagsbrand - ein deutsches Zeichen, die Explosion der Hindenburg ein internationales Signal: Das Ende der friedfertigen Luftfahrt, die Zerstörung einer völkerverbindenden Brücke.

Dieser Gedanke zieht sich als beherrschendes Grundthema durch das Buch - allerdings bleibt Boëtius dem Leser greifbare Belege schuldig.

Einzig die Spekulationen dreier Personen, die das Desaster damals überlebten, dienen als Stütze für seine Überlegungen in dieser Richtung. Zu unbefriedigend, zu wenig Thriller. Der Bösewicht zu wenig erkennbar - nur ein Mitläufer, ein willfähriger Untertan des Naziregimes in Berlin.

Doch dieses Manko werden die Drehbuchspezialisten in Hollywood sicher ausbügeln. Schließlich schreit der Stoff der Hindenburg seit dem Millionenspektakel der Titanic nach einer baldigen Verfilmung. Wen wundert es da auch, wenn das Buch von Boëtius im Ausland wesentlich stärkere Resonanz hervorgerufen hat als in Deutschland.






Henning Boëtius - Phönix aus der Asche
2000, München, btb, S. 413,


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Leseprobe ...

''Wollen wir nicht noch einmal alle fünf Theorien durchgehen?"

''Du meinst die fünf, die in der Presse diskutiert werden? Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht noch mehr denkbare Theorien gibt. Aber fangen wir an. Erstens, die Gewittertheorie. Ein Blitzeinschlag als Ursache. Was hältst du davon?"

"Unwahrscheinlich bis unmöglich. Ein Luftschiff ist ein perfekter Faradayscher Käflg. Außerdem hätten wir einen Blitz vom Platz aus bemerken müssen."

"Auch einen Kugelblitz?"

"Die treten immer in Verbindung mit Linienblitzen auf." "Ich teile deine Skepsis. Ich habe es in den Kalmen selbst erlebt, dass wir von einem Blitz getroffen wurden. Er hat sich auf der Oberfläche verteilt, ohne Schaden anzurichten. Nein, es war bestimmt kein Blitz."

"Wir können also zur nächsten Theorie übergehen. Die elektrostatische Entladung, auch Bürstenentladung genannt. Nennen wir sie Elsmfeuertheorie."

''Die müssen wir ernst nehmen. Es könnte tatsächlich zu einer Funkenstrecke im Schiff gekommen sein. Dann, wenn es zwischen bestimmten Teilen des Schiffes zu einem Spannungsgefälle von, sagen wir, einigen tausend Volt gekommen wäre. Das wäre niemals möglich zwischen Elementen der tragenden Konstruktion, Aluminium und Stahldrähten, denn die Leitfähigkeit zwischen ihnen würde dies verhindern. Möglich wäre es aber zwischen der Schiffshaut und dem Skelett. Die Schiffshaut ist weniger leitend, obwohl sie einen Anstrich aus metallhaltigem Pulver hat. Beim Durchfahren eines Gewitters könnte sich die Haut aufgeladen haben wie die Folie eines Kondensators . Auf dem Aluminiumskelett würde entsprechend eine Ladung entgegengesetzter Polung entstehen. Dann das Ablassen von Wasser als Erdleiter, oder die nassen Landetaue. Es kommt zu einer plötzlichen Funkenstrecke zwischen Haut und Gerippe. Peng!"

"Das würde aber nur funktionieren, wenn sich vorher die richtige Knallgasmischung gebildet hätte. Mindestens 15 Prozent Wasserstoff muss Luft enthalten, um eine entsprechende Reaktion zu ermöglichen. Was wiederum ein Leck in einer Zelle vor- aussetzt."

"Oder eine ungenügende Ventilation im Gasschacht, was allerdings höchst unwahrscheinlich ist." Eckener leerte sein Bourbonglas in einem Zug. "Die Hecklastigkeit des Schiffes könnte tatsächlich für ein Leck sprechen. Nur ist die Frage, wieso solch penible Leute wie Knorr es nicht bemerkt haben sollen. Eines scheint allerdings möglich. Pruss ist der Aussage eines Zeugen nach die letzte Kurve zu schnell gefahren. Die großen Kräfte, die dies im Schiffsskelett hervorruft, könnten einen der Spanndrähte zum Reißen gebracht haben. Wie eine Peitsche könnte er Zelle vier aufgeschlitzt haben. Doch hat niemand von den Leuten in der Gondel diesen Fahrfehler bestätigt. Alle sagen, die Lage sei völlig normal gewesen. Ich glaubt diesen erfahrenen Leuten. Die meisten von ihnen haben unter mir ihr Handwerk gelernt. Gehen wir zur nächsten Theorie. Ein Funke aus den Motoren. Vielleicht beim plötzlichen Umstellen auf volle Kraft zurück. Die Sache ist höchst unwahrscheinlich. Wie sollte ein solcher Funke ausgerechnet in den Teil des oberen Schiffes gelangen, um dort das Knallgasgemisch zu entzünden. Wir wissen aus den Einsätzen deutscher Luftschiffe im ersten Weltkrieg über England, dass erst sehr hohe und intensive Temperaturen, wie sie Phosphorgeschosse entwickeln, ein Schiff zur Explosion bringen können."

"Dann scheidet für dich wahrscheinlich auch die vierte Theorie aus: Funkenflug und Feuer durch unvorsichtiges Verhalten, zum Beispiel Rauchen eines Passagiers oder eines Besatzungsmitgliedes ."

"Ja. Sie macht keinen Sinn."

"Bleibt die Sabotagetheorie. Da gibt es zwei Möglichkeiten: ein Schuss von außen oder eine Höllenmaschine im Inneren. Wir haben die erste Alternative untersucht. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass auf das Schiff geschossen wurde."

"Es hätten wie gesagt auch schon Phosphorgeschosse sein müssen. Und Alternative zwei hat es ebenfalls schwer. Die Sicherheitskontrollen waren diesmal extrem. Keiner der Passagiere kommt in Frage, auch dieser dubiose Artist nicht, den du verdächtigst. Außerdem gibt es kein Bekennerschreiben. Für die Mannschaft lege ich meine Hand ins Feuer. Kein Luftschiffer würde je seine Kameraden in den Tod schicken, egal zu welcher politischen Couleur er gehört. Nein, das scheidet völlig aus. Du weißt vielleicht nicht, was das deutsche Wort Kameradschaft für einen schwergewichtigen Inhalt hat!"

"Und was bleibt dann noch als Ursache übrig? Welche sechste Theorie?"

Eckener füllte sein Glas erneut, nippte daran und sagte: "Very strange. Very strange."
S. 296-298
Lesezitate nach Henning Boëtius - Phönix aus der Asche


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 21.06.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger