Zitate nach dem Buch


<<   weitere Bücher   >>


... zitiert nach Susan Minot

Sie machte die Augen auf und wusste nicht, wo sie war. Im Zimmer war es dunkel geworden. Der Schmerz stieg in ihr hoch, und da fiel es ihr ein. Hier war sie jetzt also. Fünfundsechzig Jahre lang hatte Ann Lord sich immer zu beschäftigen gewusst und sich nicht viele Gedanken gemacht, aber nun, da sie gezwungen war, Tag um Tag hier zu liegen, stellte sie fest, dass sie von ganz bestimmten Gedanken heimgesucht wurde. Das Leben würde keine Überraschungen mehr für sie bereithalten, dachte sie, jetzt blieb ihr nur noch, diese letzte Sache durchzustehen. Aber ihre Augen waren so scharf wie eh und je, und sie sah alles, was passierte.

Sie kannte das Zimmer. Es war schon seit einiger Zeit ihr Zimmer. Sie hatte andere Zimmer gekannt und in anderen Häusern gewohnt und andere Länder gesehen, aber dies war das letzte Zimmer und sie wusste, was hier auf sie zukommen würde. Es kam langsam auf sie zu und das Zimmer blieb neutral. Die Bettpfosten hatten wie Kiefernzapfen geschnitzte Spitzen, der schmale Sekretär war zugeklappt, der Schlüssel steckte und auf der Kommode standen die Fotos ihrer Kinder, in rechteckigen oder ovalen Silberrahmen aufgereiht. Auf zwei Seiten gab es Fenster, zur Birke und dem hohen Zaun mit Speerspitzen hinaus, der die Grenze zwischen ihrem und dem Nachbargrundstück bildete, und gleich neben ihr das mit Blick auf den hinteren Garten und den Rasen, und die ganze Zeit über fühlte sie, wie die leise tuckernde Maschine unter ihr unablässig Schmerz produzierte. Es ging nicht schnell genug. Sie wollte, dass es schneller ging, aber wann auch immer sie es forcieren wollte, band die Anstrengung nur noch fester ans Leben. Also tat sie, als würde sie es gar nicht versuchen, tat so, als würde sie sich einfach weitertragen lassen, in welchem Tempo die Räder sie eben tragen wollten, heuchelte Gleichgültigkeit. Eigentlich müsste sie gut heucheln können, dachte sie, schließlich hatte sie ein Leben lang Übung darin

Dann sah sie in dem trüben Licht den grabsteinartigen Umriss eines großen Vogels, der auf dem Fenstersims hockte. Er sah aus wie eine Eule oder ein Falke. Der Vogel richtete sich auf, breitete die Flügel aus, schlug einmal damit und glitt dann auf so straff gespannten Flügeln hinaus, als würden sie von einer Schnur gehalten. Sein runder schwerer Leib schwang sich empor und sie sah ihm mit klopfendem Herzen nach, bis der Betthimmel sich ins Blickfeld schob und ihr die Sicht auf den Vogel versperrte. S. 25-26


zitiert nach Susan Minot - Hochzeitsnacht


Hochzeitsnacht
Susan Minot - Hochzeitsnacht

"Hochzeitsnacht" von Susan Minot ist ein leises, melancholisches Buch. Eine Frau, Ann Lord, hält Rückschau auf ihr Leben. Mit fünfundsechzig Jahren ist sie sterbenskrank und kann seit Wochen ihr Bett nicht mehr verlassen.



In Gedanken lässt sie ihr Leben Revue passieren. Im Großen und Ganzen ist sie mit ihrem Dasein nicht unzufrieden. Bilder ihrer Ehemänner drängen sich ihr auf; immerhin war sie dreimal verheiratet und hat aus diesen Ehen Kinder, die sich jetzt um sie versammeln, sie pflegen und auf ihren Tod warten.



Das einschneidendste Ereignis ihres Lebens ist für Ann jedoch, als sie mit fünfundzwanzig Jahren, bei der Hochzeit ihrer Freundin Lila, dem Mann ihrer Träume begegnet. Dieses Zusammentreffen beschäftigt sie bis zu ihrem Tod nachhaltig, denn der junge Arzt Harns Arden, ist schon vergeben. So bleiben den beiden nur wenige intensive Stunden, die von einem tragischen Unfall überschattet werden.



Das Thema, das die Amerikanerin Susan Minot beschreibt, ist nicht neu. Entscheidend ist jedoch das "Wie". Und das meistert sie bravourös. Die Assoziationen , Gedanken und Bilder Anns sind so real, als ob sie direkt aus dem Kopf der Sterbenden stammen würden. Für den Leser ganz sicher keine leicht konsumierbare Lektüre, denn nicht immer sind die zeitlichen Sprünge, die Ann Lord im Morphiumrausch unternimmt, sofort zuordenbar.



Das Hin- und Herpendeln zwischen längst Vergangenem und der Gegenwart, der Schlussstrich unter einem Leben zwischen der großen Liebe und tiefen Trauer, ganz ohne Kitsch präsentiert, und die Gefahr lauert hier auf jeder Seite, das macht diese Geschichte zu etwas ganz Besonderem. © manuela haselberger


Susan Minot - Hochzeitsnacht

Susan Minot wurde 1957 in Manchaster, Massachusetts, geboren. Sie stammt aus einer künstlerisch sehr begabten Familie und begann im Alter von zehn Jahren zu schreiben. Später studierte sie Literatur und promovierte an der Columbia University in New York. Sie arbeitete unter anderem als Redakteurin bei er "New York Review of Books" und als Dozentin an mehreren Universitäten. Heute lebt sie mit ihrem Mann in New York.


Originaltitel: Evening, © 1998
Übersetzt von Sabine Hedinger
2001, Reinbek, Rowohlt Verlag, 288 S., 19.90
Erstverkaufstag der dt. Ausgabe: 16.1.2001
2002, Reinbek, Rowohlt Verlag, 288 S., 8.90

          gebundenes Buch
          Taschenbuch - broschiert


zitiert nach Susan Minot

Also ließ sie den Betthimmel abmontieren. Constance und Margie rollten den weißen Rüschenbezug ein, während sie in ihrem Dior-Nachthemd mit schiefem Kopf, aber aufrecht in dem Sessel am Fenster saß. Constance hatte sich die Haare mit Goldfäden hochgebunden, wie die Kaiserin Josephine, und Margie sah mit ihrem langen Rock und den zotteligen Haaren wie eine Zigeunerin aus. Sie klappten die Holzleisten zusammen wie chinesische Instrumente und zogen die gebogenen Stangen heraus, die über die Pfosten gespannt waren. Als sie wieder im Bett lag, hatte sich das Zimmer geöffnet und sie konnte mehr sehen. Es gab nicht mehr vieles, das ihr offen stand, und das wenige, das noch blieb, wollte sie nicht verpassen. Sie konnte die Oberfenster sehen und den oberen Teil der Wände und die gesamte Decke.

Sie fühlte sich emporgezogen. Sie ließ das Plänemachen und die Fragen über die Zukunft sein und eine seltsame Vorahnung suchte sie heim. Etwas rief sie. Sie hörte etwas auf leisen Pfoten über den Boden des Speichers tapsen. Ein verschwommener Fleck zog am Fenster vorbei, eine Wolke aus herumwuselnden Schmetterlingen. Sie roch Meerwasser, sie roch verbrannten Zucker. Jemand war am Kuchenbacken. Fingernägel kratzten über die Bambusstreben des Bücherregals. Sie besah sich die Streben ihres Lebens. Erst war sie Ann Grant gewesen, dann Phil Katz' Frau, dann Mrs.Ted Stockpole, dann Ann Lord. Bruchstücke von Dingen trieben hoch, aber was ließ sie hochtreiben? Warum erinnerte sie sich etwa an die Terrasse in Versailles, wo sie nur einmal gewesen war, oder an ein Paar grünweiß karierte Handschuhe, ein Foto von Bäumen in der Stadt bei Regen? Damit wurde ihr doch nur vor Augen geführt, was sie vergessen würde. Und wenn sie sich nicht an diese Dinge erinnerte, wer dann? Wenn sie nicht mehr da war, gab es niemanden mehr, der ihr ganzes Leben kannte. Dabei kannte sie es ja selbst nicht ganz! Vielleicht hätte sie einiges davon aufschreiben sollen

... aber welchen Sinn hätte das schon gehabt? Alles ging vorbei, auch sie würde vorbeigehen. Dieser Gedanke gewährte ihr eine unerwartete Klarheit, die sie fast schon genoss, doch selbst die neue Klarheit brachte keine Erklärung für die Existenz der Welt, die ihr nicht schon vorher bekannt gewesen war. S. 26-27

Es gab nichts, das sie von der Welt trennte. Der schwarze Himmel bedeckte sie nicht, ganz im Gegenteil, er zog sie beide hoch. Der Himmel bewies, wie weit eine Entfernung sein konnte. Ich gehe unendlich weit, verhieß er, nichts ist in sich geschlossen. Sie war genauso, sie ging unendlich weit. Sie fühlte alles in sich. Gut und schlecht waren gar nicht so verschieden, sie fand sich in beidem gleichermaßen. Nie war sie mehr sie selbst und doch nie so verändert gewesen das ist es, wofür du bestimmt bist dass er weggehen würde, lag in jeder Berührung, und sie ging ohne Vorbehalt, ohne Beweise zu brauchen, auf diese Tatsache zu, sie ging ihr regelrecht entgegen. Er zuckte durch jeden Nerv, lud jeden Nerv elektrisch auf. Nur in den Armen eines anderen Menschen konnte das geschehen.

Einen Moment lang lagen sie still da. Sein Gesicht rieb an ihrem, sie fühlte die ersten rauen Bartstoppeln. Seine Zunge glitt in ihren Mund. Er fand ihre Zunge und saugte daran. Ein Stöhnen stieg ihm tief aus der Kehle. Er hob ihr Kleid und fuhr erst mit den Handflächen ihre Beine hinab und dann mit seinen Fingerknöcheln. Seine dunklen, massigen Schultern bewegten sich, wiegten ihre Hüften. Sein Gesicht lag auf ihrem Bauch. Sie presste ihre Knie gegen ihn. Seine Hände glitten unter sie, zogen an ihrem Schlüpfer, zogen ihn ruckweise bis zu ihren Fesseln hinunter. Sein Gesicht neigte sich herab, und dann war da seine Zunge, nass, glitt in die nasse Ofihung, und in ihrem Kopf zuckten lautlose grelle Explosionen, zuckten die Wirbelsäule hinab und rasten hoch durch den Hals bis in die Schädeldecke, zerstoben fächerförmig. Sie klammerte sich an seinen Kragen. Seine Hand schoss hoch, strich ihr über Brustkorb und Kinn und Kehle. Er zwang ihren Mund auf und drückte gegen ihre Zähne. Er sah sie von oben bis unten an, stieg dann wie eine Welle hoch und drehte sie um. Ihr Kleid riss irgendwo, sie verlor die Orientierung, ihr linker Arm flog zur Seite. Er schob ihre Knie auseinander. Ein Schuh hing ihr immer noch am Fuß und seine Spitze bohrte sich in die Erde. Sie hielt ganz still. Er zog ihre Schulter zurück und presste sie flach auf die Erde. Es gab etwas in ihr, das er brauchte, darauf war er aus, danach suchten seine Hände. Sie verbog sich wie schmelzendes Glas. Er drehte sie wieder um und starrte herab, über ihr kniend, etwas stieg von ihrer Haut auf, eine Hitze, die sie nie zuvor gespürt hatte. Sie sah ihn seinen Gürtel lösen. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, den sie nicht deuten konnte, er war entschlossen und konzentriert und ganz bei sich, als er seine Hose herunterzerrte und sich freikämpfte. In der milden Luft sah sie seine Hüfte, seine Flanke, sein Bein und als Umriss die dunkle Wurzel, steif abstehend von der Silhouette, und wagte es nicht, ihn gleich dort zu berühren. Seine Brust sank warm auf ihre warme Brust, und sie griff nach unten, um ihn zu berühren, und umfasste ihn sacht, und er stöhnte auf eine neue Art und sie griff fester zu. Ihr schwoll die Kehle zu, wurde von Wörtern verstopft, aber jedes gesprochene Wort wäre wie Flugsand gewesen. In ihrem Kopf sah sie verschiedene Arten von Licht, viereckiges Fensterlicht und das vorüberhuschende Scheinwerferlicht in einer Einfahrt, Lichtpunkte an schwankenden Masten und das Blütenblätterlicht unter einer Markise, das minzblaue Licht auf einer Veranda, das Butterblumenlicht des Zeltes, Wolken, von Wolkenlicht erleuchtet, seine Zähne im Dunkeln. Seine Finger in ihr waren wie nasse Wolken. Sie weitete sich, seine zerzausten Haare hoben sich gegen den Himmel ab, er schob ihre Hand beiseite und griff selbst nach sich ....
S. 218-219

zitiert nach Susan Minot - Hochzeitsnacht










Bücher von
Susan Minot:

gebunden:

Ein neues Leben
© 1994
Hochzeitsnacht
© 2001


Taschenbuch:

Ein neues Leben
© 2001

 Bookinists
 amazon shop

  hier klicken



© 8.1.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de