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Sie erinnerte sich, wie es war, als sie zum ersten Mal das Gefängnis sah. Durch das Drahtgeflecht am Fenster des Polizeitransporters, in dem sie vor so vielen Jahren vom Gericht der Four Courts herübergebracht wurde. Es war Winter. Spätnachmittag, fast schon Abend. Rushhour in Dublin- Es war dunkel. Oder es wäre dunkel gewesen. Aber stattdessen war überaIl Licht. Glänzende weiße Lampen ergossen ihren grellen Schein auf die geteerte Straßenfläche, als der Wagen am Tor anhielt. Jetzt konnte sie hinausschauen, sah das große Kreuz und die Grabsteine im struppigen Gras.
Was ist das?, fragte sie die Vollzuugsbeamtin. Die Frau mit der guten Figur zog die Schultern hoch und sagte:
Kevin Barry. Sein Denkmal.
Sie wissen doch, Keuin Barrg, der Held, der für die Unabhängigkeit gekämpft hat. Er wurde hier gehängt und ein Haufen andere auch. An der Mauer da.
Sie stand auf, um besser sehen zu können, aber die Beamtin zog an der Kette, mit der sie am Handgelenk aneinander gekettet waren.
He, wo willst du denn hin? Setz dich und benimm dich!
Ein Kichern ging durch den Polizeiwagen. Sie sah sie alle an, die anderen Frauen. die die kurze Fahrt vom Gericht zum Gefängnis mit ihr zusammen gemacht hatten. Sie hatte versucht, sich nicht direkt neben sie zu setzen, einen Abstand zwischen den Jogginganzügen und Turnschuhen der anderen und ihrem besten schwarzen Kostüm zu lassen, hatte versucht, den Rauch ihrer Zigaretten, die in ihren Mundwinkeln oder zwischen den tätowierten Fingern hingen, von ihrer Nase und ihren Augen fern zu halten. Aber im Polizeiwagen gab es keinen Abstand, hatte sie keine Möglichkeit, sich mit ihrer Scham von ihnen abzuwenden. S. 7-8

Hofgang an einem öden, windigen Nachmittag. Die Frauen, zwanzig oder dreißig, standen untätig und gelangweilt herum und rauchten. Klatschten, nörgelten, beklagten sich. Rachel saß für sich allein in einer Ecke und las. Dann begann eine Stimme zu singen . Ein Lieblingslied. Ein Trotzlied. Und bald fiel eine andere ein. Und noch eine und wieder eine, bis alle Frauen untergehakt und singend einen Kreis bildeten. Sie ließen ihre Stimmen zu den Fenstern des Männer- gefängnisses über ihnen aufsteigen.

Oh no, not I
I will survive
As long as l know how to love
I know, I'll stay alive
S. 14


Lesezitat nach Julie Parsons - Rache kennt kein Gebot


Rache kennt kein Gebot
Julie Parsons - Rache kennt kein Gebot

s hat Rachel Beckett zwölf Jahre ihres Lebens gekostet, weil das Gericht sie des Mordes an ihrem Ehemann für schuldig sprach. Eine ziemlich lange Zeit, in der sie immer wieder die Ereignisse jenes Tages in Gedanken durchgegangen war, als ihr Ehemann erschossen wurde.

Gut, ihre Ehe war nicht mustergültig und als Martin nach dem Unfall seiner Tochter entdeckt, dass ihre Blutgruppen nicht übereinstimmen und er niemals ihr Vater sein kann, rastet er aus und geht auf Rachel los.

Doch Rachel hat den tödlichen Schuss nicht abgegeben, auch wenn die Fingerabdrücke auf der Waffe eindeutig sie belasten; sie kennt allerdings den Täter. Immerhin war sie Augenzeugin des Mordes, doch niemand schenkte vor Gericht ihrer Aussage Glauben.

In den langen Jahren im Gefängnis hat sie sich einen Plan zurechtgelegt, wie sie den Mörder Ihres Ehemannes zur Strecke bringen wird. Zunächst beschattet sie seine Familie, freundet sich mit den beiden Kindern an und wird die beste Bekannte seiner Ehefrau.

Wie eine Spinne zieht sie die Fäden immer enger um ihr ahnungsloses Opfer, bis es sich schließlich nur noch in den von Rachel vorgegebenen Bahnen bewegen kann. Und die enden tödlich. Das ist zwingend.


Die beiden ersten Kriminalromane von Julie Parsons verkauften sich in Deutschland recht erfolgreich. Mit "Mary, Mary" gelang der heute in Irland lebenden Autorin ein furioser Start in der Krimi-Szene. "Die Insektenforscherin" war, wenn auch von der Handlung etwas vorhersehbar, nicht schlecht, doch "Rache kennt kein Gebot" ist ihr unumstritten bester Thriller. Die Personen sind komplex angeordnet, die Verstrickungen intelligent ineinander verschlungen, ohne dass die Auflösung am Ende allzu platt wird.

Ein Psycho -Thriller, der hervorragende Unterhaltung mit einer guten Portion Nervenkitzel garniert. © manuela haselberger


Julie Parsons - Rache kennt kein Gebot

Übersetzt von: Doris Styron
Originaltitel: "Eager to Please", © 2001
2001, München, Droemer Verlag, 416 S, (HC)
2002, München, dtv Verlag, 416 S., 8.90 (TB)



        gebunden

        Taschenbuch



Fortsetzung des Lesezitats ...

Die Leiche lag da, wo die Flut sie hingetragen hatte. Auf einem Haufen Felsbrocken und Tang zwischen der kleinen Badebucht, die bei den Einheimischen als Forty Foot bekannt ist. undd er kleinen Straße, die am Martello Tower vorbeiführt. Jack Donnelly roch sie, als er sich vorsichtig einen Weg über die schlüpfrigen Steine suchte und unsicher über den Tümpel mit Brackwasser sprang. Er hatte noch nie verstanden, wie man hier schwimmen gehen konnte. Es war eiskaltr, sogar mitten im Sommer, und seiner Meinung nach schmutzig. Zu nah bei der Stadt. Obwohl die Böen oft die Wellen aufrührten, fand er, dass der Wind den Dreck und den Müll nur wieder an die Küste trieb, statt ihn in die trübe, graue frische See hinauszubefördern.
Und genau das war mit dieser Leiche passiert, die jetzt zu seinen Füßen lag. Weiß Gott, wo sie ins Wasser gefallen war, aber wo immer es gewesen war, sie hatte dem Sog zur Küste hin nicht entkommen können. Er zog ein frisches Taschentuch aus der Tasche und hielt es sich vor die Nase, bevor er sich hinunterbeugte, um genauer hinzusehen. Der Geruch stieg vor ihm auf wie dichter nebliger Dunst über der See. Er presste die Nasenflügel fest mit Daumen und Zeigefinger zusammen und versuchte das Erbrechen zu unterdrücken, als er dicht neben dem toten Mann niederkniete. S. 57

Rachel wartete, bis Donnelly sich entfernt hatte und Elizabeth Hill wieder allein war. Dann ging sie auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Elizabeth schaute sie an, ihrem Blick war anzusehen, dass sie sie erkannte.
"Sie sind die Frau auf dem Fotos oder ?"
Rachel nickte
. "Sie waren ihre Freundin, nicht wahr?"
Rachel nickte wieder, sie konnte nichts sagen.
"Danke, ich danke lhnen für alles, was Sie für sie getan haben. Sie hat mir über Sie geschrieben. Sie hat mir alles über Sie erzählt und mir gesagt, wie sehr sie Sie mochte."
Elizabeths Händedruck war fest, ihre Hand warm. Sie legte Rachel einen Arm um die Schulter und küsste sie auf die Wange.
"Seien Sie stark", flüsterte sie ihr ins Ohr. "Seien Sie stark für mich und für Judith." S. 193

"Moment mal." Er richtete sich auf' und sah sie an. "Eine Affäre mit wem? "
Sie lachte laut über den Ausdruck der Überraschung auf seinem Gesicht.
"Sie sind schockiert", sagte sie. "Sie. der alles gesehen hat. Hat Ihnen das niemand gesagt? Ich hätte eher gedacht, dass sie es alle kaum erwarten können, das wahre Ausmaß meiner Schande zu enthüllen."
Und dann war er mit dem Lachen an der Reihe, als er sie sich das vorstellte. Wie alle einfach nur von einer Beziehung mit jemandem aus einer befreundeten Familie gesprochen und er und alle anderen automatisch angenommen hatten, es ginge um einen Mann.
"Ich habe nicht nur die Ehe gebrochen, verstehen Sie, Ich bin auch noch Lesbe. Ein doppelter Schock. Und mein Mann musste das Wissen darum erdulden, von einer Frau Hörner aufgesetzt bekommen zu haben, und noch dazu von einer Frau, die erkannte und mochte. Von der lieben Jenny Bradley. Sie war verheiratet. Sie und ihr Mann waren Nachbarn von uns. Wir liefen zusammen weg. Wir verließen beide unsere Familien. unsere Männer und unsere Kinder. Aber sie kehrte zu ihnen zurück. Sie konnte es nicht ertragen und stellte dann fest, dass sie sie alle mehr liebte als mich. Aber was mich anging, war es nicht so. Und Mark hat mir nie die Anstößigkeit, die Demütigung vor der Öffentlichkeit und die Schande vergeben. Deshalb war unser Kampf um das Sorgerecht so erbittert und zog sich so lange hin. Deshalb habe ich auch die Kinder entführt und hierher gebracht. lch weiß, dass es schändlich war."
"Schändlich? War es das? Ich würde meinen, es war ziemlich töricht. Sie mussten doch wissen, dass die britische Polizei sie finden und zurückbringen würde." Sie nickte. "Wahrscheinlich wusste ich das. Ich erinnere mich nicht recht an das, was ich dachte oder wusste." S. 238

Und darunter standen in kaum leserlicher Handschrift das Datum und der Text.

Ich habe meine Tochter Judith nicht umgebracht( oder sie in irgendeine Weise verletzt. Ich weiß nicht, wer es getan hat. Aber ich kann den Gedanken weiterer Schande und Demütigung nicht ertragen. Ich weiß, dass man mich des Mordes beschuldigen wird. Dann wird man mich vor Gericht stellen und für schuldig befinden. Ich könnte nicht ins Gefängnis gehen. Es ist für alle besser so. Keine Unterschrift. S. 284

Lesezitate nach Julie Parsons - Rache kennt kein Gebot

















Mary, Mary

vergriffen


Mary, Mary
Taschenbuch





Die Insektenforscherin

vergriffen



Die Insektenforscherin
Taschenbuch


© 2.1.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de