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GALERIE SCHULSE-EISENSTEIN
SAN FRANCISCO, KALIFORNIEN , U.S.A.
12. November 1932

Herrn Martin Schulse
Schloß Rantzenburg
Mönchen, Deutschland

Mein lieber Martin,

nun bist Du also wieder in Deutschland. Wie sehr ich Dich beneide! Obwohl ich dieses Land seit meinen Studienzeiten nicht mehr gesehen habe, wirkt der Zauber von Unter den Linden noch immer auf mich - die geistige Freiheit, die Diskussionen, die Musik und die freundschaftliche Wärme. Inzwischen ist ja auch Schluß mir dem Junkergehabe, mir der preußischen Arroganz und dem Militarismus. Du findest ein demokratisches Deutschland vor, ein Land mir einer tief verwurzelten Kultur, in dem der Geist einer wunderbaren politischen Freiheit aufzublühen beginnt. ...
Dein wie immer treu ergebener Max ........... weiter....


Lesezitat nach Kressmann Taylor - Adressat unbekannt


Adressat unbekannt
Kressmann Taylor - Adressat unbekannt

"Adressat unbekannt" ist eine kurze Geschichte der auch heute noch völlig unbekannten amerikanischen Autorin Kressmann Taylor, die erstmals 1938 in der New Yorker Zeitschrift "Story" erschienen ist und nun glücklicherweise neu aufgelegt wurde.

Auf nur sechzig Seiten wechseln zwei Freunde und Geschäftspartner in den Jahren 1932 bis 1934 einige Briefe. Mehr geschieht nicht. Doch welche Briefe!

Max, ein Jude, lebt in Amerika und führt dort das gemeinsame Kunsthaus weiter, das er zusammen mit Martin gegründet hat. Martin ist Deutscher und reist mit seiner Familie im Jahre 1932 von Amerika nach Deutschland zurück, um dort seine Söhne zur Schule zu schicken. Bald schon bekleidet er ein öffentliches Amt und Hitlers Politik greift in den Briefwechsel ein. Für Max ist die Situation in Deutschland völlig unverständlich, während Martin immer mehr von Hitlers Ideen in Bann gezogen wird. Am liebsten würde er den Kontakt mit seinem ehemaligen Freund ganz einschlafen lassen. Als Max ihn darum bittet, seiner Schwester, die in Wien als Schauspielerin wegen ihres Judentums verfolgt wird, zu helfen, wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Aus Freunden werden erbitterte Feinde und der Briefwechsel endet tödlich.

Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Diese sechzig Seiten exquisiter Literatur sollten unbedingt in den Schulen gelesen werden, denn selten wurde das Dritte Reich so exakt mit wenigen Seiten getroffen: Die alles durchdringende nationalsozialistische Ideologie, der Hass auf die Juden und die Angst, auch bei Intellektuellen, sich eigene Gedanken zu erlauben.

Und noch ein Tipp: Ein Buch in gleicher Qualität zum Thema Nationalsozialismus ist die kurze Erzählung von Fred Uhlmann: " Der wiedergefundene Freund."

Kressmann Taylor - Adressat unbekannt
aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm
Originaltitel: © 1938, "Address Unknown"
2000, Hamburg, Hoffmann und Campe, 69 S., 10.00 (HC)
2002, Reinbek, Rowohlt, 4.90 EUR (TB)

 


Fortsetzung des Lesezitats ...

SCHLOSS RANTZENBURG
MÜNCHEN, DEUTSCHLAND
                                                        10. Dezember 1932

Mr. Max Eisenstein
Galerie Schulse-Eisenstein
San Francisco, Kalifornien, U.S.A.

Max, mein teurer alter Gefährte,

die Abrechnungen und Kontoauszüge sind prompt bei mir eingetroffen, wofür ich Dir herzlich danke. Aber fühle Dich bitte nicht dazu verpflichtet, mir unsere Geschäfte in aller Ausführlichkeit darzulegen. Du weißt, daß ich mir allem einverstanden bin, was Du tust. ....

Herrn Martin Schulse
Schloß Rantzenburg
München, Deutschland
                                                        21. Januar 1932

Mein lieber Martin,

Du erzählst von der Armut, die um Euch herum herrscht. Die Bedingungen waren diesen Winter auch hier nicht gut, aber das ist natürlich nichts, verglichen mir der Not in Deutschland...... Wer ist dieser Adolf Hitler, der in Deutschland augenscheinlich an die Macht strebt? Was ich über ihn lese, mag ich gar nicht.
Wie immer herzlich Dein Max

25. März 1935
Lieber alter Max,
Du hast bestimmt von den neuen Ereignissen in Deutschland gehört und wirst wissen wollen, wie es sich für uns aus der Innensicht darstellt. Um die Wahrheit zu sagen, Max, ich glaube, daß Hitler in einiger Hinsicht gut für Deutschland ist, aber sicher bin ich mir nicht.

18. Mai 1933
Lieber Martin,
Ich bin in Sorge über die Flut der Presseberichten über Dein Vaterland, die zu uns herüberschwappt. Da wir lauter widersprüchliche Geschichten erfahren, wende ich mich natürlich mit der Bitte um Aufklärung an Dich.


9. Juli 1933
Lieber Max,
wie Du sehen kannst, schreibe ich auf dem Geschäftspapier meiner Bank. Dies ist notwendig, denn ich habe eine Bitte an Dich und möchte dabei die neue Zensur umgehen, die äußerst streng ist. Wir müssen für den Augenblick aufhören, uns zu schreiben.
......
Die jüdische Rasse ist ein Schandfleck für jede Nation, die ihr Unterschlupf gewährt. Ich habe niemals den einzelnen Juden gehaßt - ich habe Dich immer als einen Freund geschätzt, aber Du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich Dir nicht wegen, sondern trotz Deiner Rasse gewogen war.
Der Jude ist überall und zu allen Zeiten der Sündenbock.

Wenn ich sie Dir nur zeigen, wenn ich sie Dir nur vor Augen führen könnte - die Wiedergeburt dieses neuen Deutschland unter unserem gütigen Führer!

Wie immer Dein Martin Schulse
_____________

Mr. Max Eisenstein
Galerie Eisenstein
San Francisco, Kalifornien, U.S.A.
                                                        8. Dezember 1933

Heil Hitler! Ich bedaure sehr, Dir schlechte Nachrichten übermitteln zu müssen. ...


Lesezitate nach Kressmann Taylor - Adressat unbekannt


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 5.10.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger