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Die größte Schatzsuche des Jahrhunderts
Gary Kinder - Das Goldschiff

Eigentlich liest man zwei Bücher, wenn man sich in Gary Kinders Buch "Das Goldschiff" vergräbt.

Zum einen findet sich darin die höchst spannende und ergreifende Geschichte vom letztlich erfolglosen Kampf der 581 Menschen an Bord des Schaufelraddampfers "Central America", der am 12.September 1857, nach Tagen des erbitterten Widerstandes mit über 400 Menschen und ca. 21 Tonnen Gold an Bord rund 200 Meilen vor der Nordküste Amerikas unterging.

Anrührend erfährt man das Leid der Passagiere, ihre körperliche Verausgabung im Versuch das 80 Meter lange Schiff mit Eimern leerzuschöpfen angesichts haushoher Wellen, die sich unermüdlich über die Decks des Schiffes ergießen.

Man bangt mit Kapitän Herndon, seinem Maschinisten George Ashby und vielen namentlich bekannten und anschaulich charakterisierten Passagieren wie beispielsweise dem jungen Flitterwochenpaar Annie und Ansel Easton, dem Richter Manson oder dem Dichter Manlove. Obwohl dem Leser das Endergebnis bewußt ist, sucht er immer wieder gemäß dem Prinzip Hoffnung zwischen den Zeilen und fiebert mit den Überlebenden, die nach dem Untergang an ihr Treibgut geklammert auf Rettung hoffen.

Im anderen Teil des Buches, der kapitelweise in die Geschichte des Untergangs eingeschoben ist, schafft Gary Kinder das Portrait eines jungen Mannes, der von Kindsbeinen an besessen ist, in die ewig dunklen Abgründe der Tiefsee vorzustoßen: Tommy Thompson, kurz Harvey genannt, ein Widdergeborener aus dem Jahr 1952.

Zugegebenermaßen ist dieser zweite Teil des Buches zunächst langweilig. In typisch amerikanischer Autorenmanier präsentiert G. Kinder alle nur erdenklichen Personen und Lebensläufe, die irgendwann einmal in der Kinder-, Teenager oder Studienzeit mit diesem Harvey zu tun hatten. Er entwirft das Bild eines Typen, den nichts mehr beflügelt als die Devise vom amerikanischen Tüftlergeist und vom "Selbermachen". Ein richtiger kleiner Daniel Düsentrieb, der dann folgerichtig auch Maschinenbau studiert und dort sich dem Schwerpunkt der Schiffsmaschinenbau/Tiefseeforschung widmet. Schwänke aus der Jugend und seine ersten beruflichen Gehversuche zeichnen das Bild eines Durchschnittsmenschen, allerdings mit einer willenstarken Zielgerichtetheit und einem außerordentlichen Kommunikationsbedürfnis.

Im Sommer 1976 arbeitet er dann auf dem Schiff des Schatztauchers Mel Fisher. Einer von 100 Jobs und Begegnungen, die ihn in den nächsten Jahren beschäftigen sollten. Harvey kurvt mit seinen selbstgetunten Autos quer durch Amerika. Ist an vielen Entwicklungsprojekten beteiligt und lernt noch mehr Hochschullehrer kennen, zu denen er ständig telefonischen Kontakt hält.

Es ist keine bestimmte Sache, die ihn besonders in Anspruch nimmt, er hat eher einen 18-h-Tag mit lauter lohnenden Projekten und keinem Privatleben.

 

 

1981 wird er dann beruflich so etwas wie seßhaft: Er wird Ingenieur beim berühmten Battelle-Institut. Unterwassermaschinen will er bauen, um einmal in die Tiefsee vorzudringen. Ein Gebiet, das so menschenfeindlich wie der Mond ist. Ungeheuerer Druck, Wasser und Dunkelheit behindern die Ingenieurskunst. Und hunderte von Millionen Dollar der Navy haben kaum vorweisbare Ergebnisse geschaffen, die vermuten lassen, dass der Mensch einmal planvoll in diese Tiefen vordringen sollte, von denen bislang höchstens ein Milliardstel erforscht werden konnte.

Doch Tommy macht sich wie das tapfere Schneiderlein auf, genau das zu tun. Alle seine Kontakte und Verbindungen koordiniert er, gewinnt Techniker, aber - was noch viel wichtiger ist - auch Finanziers. Und er will nicht nur Maschinen bauen, sondern Schätze aus der Tiefsee holen. Rund 2500 Meter unter der Oberfläche ist die "Central America" sein Objekt. Niemand weiß, wo genau das Wrack liegt, und schon gar niemand, nicht einmal die Militärs, haben die Technik, irgendetwas aus so einer Tiefe zu bergen. Doch 21 Tonnen Gold beflügeln die Phantasie.

Man spürt, dass Gary Kinder, der seit 1989 selbst mit an Bord der Schatzsucherschiffe von Tommy Thompson war, nicht nur 10 Jahre an seinem Buch gearbeitet hat, sondern sich auch sehr gut in diesen Tommy einfüllen konnte: Er beschreibt sehr beeindruckend die integrierende Rolle eines Menschen, der mit einer Vision, Talent und Überzeugungskraft Hundertschaften von Wissenschaftlern, Hafenarbeitern, Technikern, Seeleuten, Abenteuerern, Rechtsanwälten, Richtern, Steuerberatern und vor allem Millionären dazu bringt ihm ihre Zeit, 12 Millionen Dollar und Vertrauen zu geben für eine Sache, die Millionen Menschen für aussichtslos halten würden. Über 10 Jahre setzt Thompson Stein auf Stein, wissenschaftlich diszipliniert, von der Historik, über die Heuristik bis zur Mechanik - keines dieser Fachgebiete bleibt ihm fremd.

Es ist die alte Geschichte vom Selfmademan, die Story vom amerikanischen Glück, aber keineswegs die vom hirnlosen Schatzsucher und profitgierigen Kapitalisten. Tommy Thompson hat technisch Unvorstellbares geschaffen, Rechtsgeschichte geschrieben und die unglaubliche Summe von schätzungsweise 1 000 000 000 Dollar geborgen, dabei aber nie den Pfad des Wissenschaftlers verlassen.

So saugt die Dynamik der Schatzsuche, die Aktivität der Konkurrenten und die 100fachen technischen Rückschläge den Leser in ihren Bann, obwohl bereits das Ende der Suche allseits bekannt ist, bleibt man bis zur letzten Seite an jedem Buchstaben kleben, der sich irgendwann endlich zu Gold verwandeln muss.

Als Einstimmung zu diesem Buch sollte man sich unbedingt das Heft 3/1999 der Zeitschrift GEO holen und den hervorragenden Artikel von Harald Martenstein lesen.

Insbesondere das Bildmaterial, das GEO veröffentlichte und dem Werk von G. Kinder schmerzlich abgeht, ist außerordentlich beeindruckend und vermittelt einen treffenden Eindruck auf die spätere Lektüre des Buches.




Gary Kinder - Das Goldschiff
aus dem Amerikanischen von Elke Hosfeld,
Thomas Pfeiffer und Helmut Dierlamm
Originaltitel: © 1998, "Ship of Gold in the Deep Blue Sea"
1999, München, Piper Verlag, 586 S.
2001, München, Piper Verlag, 585 S., 9.90
1999, Hörbuchausgaben


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© by Thomas Haselberger rezensiert am 1999/04/20

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