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Tage vorher hatte der Gast mit dem Schmuggler zusammengesessen, den Onkel zu nennen ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, obwohl das den Tatsachen entsprach.
»Man muß lange frühstücken, bevor man losgeht.« Der Schmuggler nahm seinen Strohhut vom Kopf und ähnelte nun nicht länger einem Abenteurer, sondern dem, was er war: ein sonderbarer Bewobner des Grenzlandes. »Es hat keinen Sinn, früh loszugehen, weil es den Minen egal ist, wann du kommst. Sie warten nicht. Auf niemand bestimmten, zu keiner Zeit. Es ist besser, wenn du im hellsten Licht zu ihnen kommst.«

Der Neffe war froh, daß der Schmuggler wieder zum Thema zurückgefunden hatte. Seine Erzählumwege schienen eine Bedeutung zu haben. Nach immer in etwa gleich langen Phasen war der Mann wieder beim Ausgangspunkt.


Lesezitat nach Sherko Fatah - Im Grenzland


Universale Fremdheit
Sherko Fatah - Im Grenzland

er Schmuggler ist im Grenzland zwischen Iran, Irak und der Türkei unterwegs. "Dieser Mann war einfach nur identisch mit seiner Tätigkeit, deren Wert sich durch das bestimmte, was er mitbrachte." Lange Zeit hat er Alkohol und Zigaretten transportiert, auch ein kleiner Fernseher war dabei, doch am besten ließen sich heute kleine Computer verkaufen. Das war ein sehr erträgliches Geschäft.

Allerdings ist es lebensnotwendig die Wege genau zu kennen. Früher war er noch mit dem Auto unterwegs, doch nach dem letzten Krieg sind überall Landminen verteilt und so geht er seine Pfade zu Fuß. "Er war die Verbindung dieser Stadt mit dem Land dort draußen. Er kannte den Weg, und kaum jemand ahnte, wie genau er den Weg kannte, dass es auf langen Strecken keinen einzigen Stein gab, den er nicht betrachtet, kein Grasbüschel, das er nicht untersucht hatte."

»Im Grenzland« ist der erste Roman von Sherko Fatah (Jahrgang 1964), der in der DDR aufgewachsen ist und 1975 nach West-Berlin übersiedelte. Sein Vater ist irakischer Kurde, die Mutter Deutsche. Doch es sollte niemand eine folkloristische Beschreibung der Heimat seines Vaters erwarten. Ganz im Gegenteil: Fatah betrachtet seinen Helden, den Schmuggler, sehr distanziert. Auch dem Leser wird der Einstieg in den Roman nicht leicht gemacht. Es ist eine sterile, kalte Landschaft, in der der Schmuggler unterwegs ist. Doch exakt diese Fremde, eine universale Fremde, versteht Fatah, der sein Buch auf deutsch verfasst hat, mit seiner Sprache einzufangen.

Fatah über seinen Roman: "Es wird wohl selbst dem geneigten Leser nicht ganz leicht fallen, in diese fremde und fremd belassene Welt hineinzufinden, fände er aber ebenso schwer heraus, hätte ich mein Ziel erreicht." Es ist ihm gelungen und dafür erhält er den Aspekte - Literaturpreis 2001. © manuela haselberger


Sherko Fatah - Im Grenzland
© 2001, Salzburg, Jung und Jung Verlag, 223 S., 18,80



Fortsetzung des Lesezitats ...

»Es ist schon ein Hohn: Was sie neulich von dem Bauern, der aufs Feld hinausgegangen war, zurückbrachten, war ein komplettes Bein. So sah es aus. Ein großes, geröstetes Bein. Ich dachte: Genau der Teil von ihm war übriggeblieben, mit dem er die Panzermine berührt hatte. So etwas hatte ich noch nie. Sprengfallen auch nicht. Aber wenn ich schon Pech habe, sollte es so eine sein. Die kleineren sind schlimmer. Was tue ich da oben, wenn es mich trifft und ich nicht mehr laufen kann?«

Der junge Mann nickte wie abwesend, aber er war es nicht. Während im Küchenfenster das Morgenlicht spielte, sah er einen Hirten seine Schafe die Straße entlangtreiben. Die Tiere huschten zwischen den Gittern des Hoftores vorbei wie ein einziges aus vielen Beinen, Köpfen und Augen zusammengesetztes Wesen.

Der Schmuggler schenkte ihnen noch Tee ein und tat rätselhafte Handgriffe am Samowar. Sofort war die alte Frau, die im Haus arbeitete und lebte, bei ihm und übernahm. Für den Schmuggler war noch in den frühen Morgenstunden gleich bei seiner Ankunft im Haus ein riesiges Deckenlager aufgeschichtet worden. Alle waren in Aufregung, als hätten sie die Wochen über nur auf ihn gewartet und ganz sicher gewußt, daß, nicht aber wann er kommen würde.

Der Neffe hatte mit dem Erscheinen dieses Mannes im Haus eine wirkliche Ankunft erlebt. Das lag zehn Tage zurück. In der Zwischenzeit hatte er ihn in die Stadt begleitet: Der Schmuggler schritt auf den Straßen weit aus im vollen Gefühl seiner Bedeutung. Ein Nimbus umgab seine Gestalt, etwas aus überstandenen Gefahren, Ferne und nur von ihm zu benennenden Schrecken. Die Leute, die ihm unterwegs begegneten, reagierten ängstlich auf seinen Gruß und stahlen sich aus seiner Bahn. Anscheinend widerwillig gingen sie auf ein Gespräch mit ihm ein. Der Neffe sah Händler, die verlegen in ihrem Kram herumstocherten, während der Schmuggler sie gelassen betrachtete. Er war ein Bote aus dem fast unbetretbar gewordenen Land um die Stadt, von dort, wo nur die Bauern, die keine Wahl hatten, lebten. Sie aber vegetierten am Rande des verminten Gebietes, während der Schmuggler hindurchging.

Der Neffe war immer wieder erstaunt über den Gang des anderen. Dieser flanierte, war dabei aber zielstrebig. Er setzte die Sohlen sicher und fest auf. vielleicht, sagte sich der Neffe, war das eine Folge der Erfahrung mit den Minen. Jedenfalls gab es in der Stadt offensichtlich niemanden, dem das Besondere um diesen Mann nicht auffiel. Je länger man ihm folgte, desto klarer wurde allerdings auch, daß sich die unbestimmte Furcht der Leute nicht eigentlich auf den Boten bezog, sondern auf das, was sie für seine Botschaft hielten. Seit er in seiner Nähe war, hatte der Neffe den Schmuggler im Verdacht, diese Furcht zu genießen. Etwas später aber kam er auf einen anderen Gedanken: Dieser Mann war einfach nur identisch mit seiner Tätigkeit, deren Wert sich durch das bestimmte, was er mitbrachte. Er war die Verbindung dieser Stadt mit dem Land dort draußen. Er kannte den Weg, und kaum jemand ahnte, wie genau er den Weg kannte, daß es auf langen Strecken keinen einzigen Stein gab, den er nicht betrachtet, kein Grasbüschel, das er nicht untersucht hätte.

Der Schmuggler hatte ausgiebig gefrühstückt, und so war es ganz zwanglos zur ersten ihrer Begegnungen gekommen. Der junge Mann trat verschlafen in den Raum und erschrak, als er bemerkte, daß er aufmerksam betrachtet wurde. Er hatte die frühmorgendliche Aufregung zwar registriert, war sogar aufgestanden, hatte die Tür seines Zimmers geöffnet und seiner Tante dabei zugesehen, wie sie die Decken ins Erdgeschoß trug. Aber nachdem er ihr beruhigendes Lächeln aufgefangen hatte und wieder schlafen gegangen war, schienen die Ereignisse aus seinem Gedächtnis gelöscht. Jetzt, beim Anblick des Mannes, der allein im Halbdämmer saß und seine Hände wie zwei kostbare Instrumente genau nebeneinander auf die schrundige Tischplatte gelegt hatte, fragte er sich, was zur Schlafenszeit für eine solche Aufregung hatte sorgen können, daß selbst seine eigene Begrüßung, nach der Überwindung von ein paar tausend Kilometern per Flugzeug und mit geländegängigem Sammeltaxi durchs Gebirge, dagegen wie ein zerstreutes Willkommen wirkte.

Der Schmuggler war, anders als die meisten Leute hier, nicht sofort zugänglich, als er den Gast sah. Sein Gesichtsausdruck wirkte weder intelligent noch dumm, nicht feindselig, nicht neugierig, nicht einmal fragend. Ein einziger Zug in diesem Gesicht, das fiel dem jungen Mann gleich zu Anfang auf, neutralisierte alle anderen: eine tiefe, in sich abgeschlossene Ruhe, die jedoch nichts von Überlegenheit hatte. Es war die Gelassenheit, mit der der Schmuggler auch die Leute auf der Straße einschüchterte, so als würden sie spüren, daß sich in ihr eine Abwesenheit zeigte, die all ihr Treiben so umschloß wie das unbetretbare Land die Stadt. Der Schmuggler nickte dem Gast zu, wandte sich zum Samowar, nahm die Kanne und goß Tee in das für ihn bereitgestellte Glas. Das war Einladung genug, die Anspannung löste sich, und sein Neffe nahm lächelnd Platz. Die alte Frau hatte ihn ebenfalls bemerkt und war lautlos herangekommen. Sie nickte freundlich, tätschelte ihm kurz die Schulter und brachte das Brot.

Sie fanden eine Sprache, in die sie sich sprechend allmählich einüben konnten. Die Fragen des Gastes wurden zum Gerüst aller ihrer Gespräche. Der Schmuggler konnte freundlich sein, aber nur für Augenblicke, nie aus der Fülle des Gutgelauntseins. Daß der Neffe ihn auf seinen Wegen in die Stadt begleiten durfte, war in der Sicherheit des Schmugglers begründet, sich auf eigenem Terrain zu bewegen. S. 9-12

Lesezitate nach Sherko Fatah - Im Grenzland


© 15.1.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de