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In San Francisco, wo Vergehen selten geahndet und manchmal gar befürwortet wurden, betrug die Strafe für wildes Plakatieren an Hauswänden abschreckende dreißig Dollar. So viel konnte ein jugendlicher Plakatkleber niemals aufbringen, und seine Auftraggeber würden es ebenfalls nicht bezahlen. Aber bei acht großen Theatern in der Stadt und dutzenden von kleineren Spielstätten für Bühnenstücke, Filme und Ausstellungen aller Art mussten Ankündigungen geklebt werden, ob legal oder illegal. Und so schwärmten zwischen Mitternacht und Morgendämmerung in der Market Street, in Tenderloin, North Beach und um Tally's Gulch scharenweise Jungen aus, die vor allem schnell und unauffällig vorgehen mussten. Sie arbeiteten in Dreiergruppen: Einer hielt den schweren Leimeimer, ein anderer die Plakate, der dritte klebte und bürstete darüber. So brauchten sie für einen ganzen Häuserblock nur wenige Minuten.

Allerdings war ein Plakat, das um Mitternacht angebracht worden war, spätestens um drei Uhr morgens wieder überklebt. Deshalb galt es, so lange wie möglich abzuwarten - aber auch nicht so lange, dass einen die ersten Strahlen der Morgensonne oder eine der gelegentlich schon in aller Frühe patrouillierenden Polizeistreifen erwischte.

In der ersten Oktoberwoche des Jahres 1923 wurde die Herbstsaison eröffnet, und so waren die Straßen nachts besonders belebt. Tournee-Ensembles brachten Rigoletto und Carmen in die Stadt, der Sells-Brothers-Circus gastierte im Golden Gate Park, im Tower


Lesezitat nach Glen David Gold - Carter - Das Spiel mit dem Teufel


Der große Magier Charles Carter
Glen David Gold - Carter - Das Spiel mit dem Teufel

er Amerikaner Glen David Gold siedelt seinen Debütroman "Carter - Das Spiel mit dem Teufel" in den goldenen Zeiten des Varietés und der Zauberkunst, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, an.

Damals lebte in San Francisco der große Magier Charles Carter. Als eine seiner Vorstellungen vom amerikanischen Präsidenten Harding besucht wird, ist es selbstverständlich, dass der Präsident eine Rolle als Freiwilliger bekommt. Das sind Carter und Harding der Presse schuldig. Doch wenige Stunden nach seinem halsbrecherischen Auftritt in der Zaubershow ist der Präsident tot und Carter wird vom Secret Service verdächtigt, bei diesem Todesfall nicht ganz unschuldig zu sein.

Mit diesem grandiosen Aufhänger bestreitet Glen David Gold einen Roman von mehr als 600 Seiten und bis ans Ende bleibt die Auflösung wahrlich spannend, denn der ominöse Tod von Präsident Harding, der während seiner Amtszeit in mehrere Korruptionsfälle verwickelt war, ist historisch verbürgt. "Carter - Das Spiel mit dem Teufel" liest sich zum einen als spannende Roman - Biografie des Magiers James Carter, die mit sehr detaillierten historischen Fakten über die Roaring Twenties in San Francisco angereichert ist. Zum anderen handelt es sich um einen spannenden Spionagefall mit kriminalistischen Elementen. Und natürlich ist auch eine tragische Liebesgeschichte mit dabei, denn die erste Frau Carters findet bei einer seiner Vorstellungen auf der Bühne den Tod.

Selbstverständlich wird ein Blick hinter die Kulissen geworfen und das Geheimnis einiger Tricks und Zaubereien gelüftet, doch das größte Zauberkunststück gelingt dem Autor am Schluss, wenn er in einem spektakulären Show-down die Auflösung seines Falles präsentiert.

Wer Spaß an einem Buch mit dichter Atmosphäre hat, gerne zu historischen Romanen greift und ein Faible für die Welt des David Copperfield hegt, der wird sich mit der opulenten Geschichte um den Magier Charles Carter bestens unterhalten. © manuela haselberger



Glen David Gold -
Carter - Das Spiel mit dem Teufel
Originaltitel: Carter Beats the Devil, ©2001
Übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß
© 2002, München, Blessing Verlag, 671 S., 24.90 (gebunden)
© 2002, München, BMG Wort, 39.50 (6 CDs)
© 2002, München, BMG Wort, 39.50 (6 MCs)



Fortsetzung des Lesezitats ...

Am Freitag, dem 3. August 1923, dem Morgen nach Präsident Hardings Tod, waren Witwe, Vizepräsident und der Magier Charles Carter von Reportern umlagert.
Zunächst gab Carter einige Erklärungen ab, die ihm notwendig erschienen: »Ein großartiger Mann, den wir schmerzlich vermissen werden«, und: »Sein Tod stürzt das Land in eine tiefe Krise, die wir mit vereinten Kräften überwinden werden. Wir werden der Welt zeigen, aus welchem Holz die Amerikaner geschnitzt sind.« Auf Nachfragen hin bestätigte er verschiedene Einzelheiten seiner Darbietung vom Vorabend, in der sich der Präsident zum letzten Mal in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Doch weil er prinzipiell niemals Details des dritten Aktes preisgab, wollte er sich zum bizarren Finale der Show nicht äußern.

Da die gerichtsmedizinische Untersuchung die Ursache für den Tod des Präsidenten nicht eindeutig hatte klären können und bereits haarsträubende Gerächte kursierten, brannten Hearsts Schreiber darauf zu erfahren, was genau heim Finale, beim Spiel mit dem Teufel, geschehen war. An jenem Nachmittag unterbrach ein als Lieferant verkleideter Reporter den Magier bei seinen Taschenspielerübungen, brachte damit aber nur Carters boshafte Seite zum Vorschein. »Als der Präsident zu seinem Schöpfer gerufen wurde, steckte ich in einer Zwangsjacke und hing mit dem Kopf nach unten über einer Grube mit dampfender Kohlensäure. Um Ihre noch unausgesprochene Frage gleich vorab zu beantworten: Ja, ich habe ein Alibi.«

Doch schon allzu bald sollte der Magier sein unleidliches Verhalten bereuen, nämlich als er am nächsten Tag beim Frühstück im Examiner die Schlagzeile las: »Der Große Carter bestreitet Mitschuld an Hardings Tod.« Im nachfolgenden Artikel kam ein über-eifriger Augenzeuge zu Wort, ein anonymer Theaterbesucher, der die fragliche Vorstellung im Curran gesehen hatte und erstmals die gesamte Show einschließlich des dritten Aktes beschrieb. Ob der Präsident noch gelebt hatte, als der Schlussvorhang fiel, konnte freilich auch er nicht mit Sicherheit sagen. Nach der atemberaubenden Schilderung dessen, was Carter dem Präsidenten angetan hatte, erinnerten die Herausgeber an die Ermordung Präsident Lincolns im Ford Theater vor achtundfünfzig Jahren und schlossen mit dem halbherzigen Appell, man möge sich in Zurückhaltung üben und die Mühlen der Justiz mahlen lassen.

Carter, ein besonnener Mann, wusste, dass man ihn womöglich lynchen würde. Unverzüglich trug er seinen Bediensteten auf, seine Überseekoffer für eine sechsmonatige Reise zu packen. Dann buchte er eine Zugfahrt von San Francisco nach Los Angeles und eine anschließende Schiffspassage auf der Hercules, einem Ozeandampfer mit Kurs von Los Angeles nach Athen. Seinen Pressesprecher wies er an, allen Anrufern zu sagen, dass er sich vom Orakel von Delphi Inspiration erhoffe und gegen Weihnachten zurück sei.

Als sich Carter von seinem Anwesen in Pacific Heights zum Bahnhof in der Innenstadt chauffieren ließ, um den Zug nach Los Angeles zu besteigen, erwartete ihn dort ein Heer von Photographen, die einander auf die Füße traten, weil jeder ein Photo von ihm schießen wollte. Carters einziger Kommentar bestand darin, dass er den Kragen seines pelzgefütterten Mantels hochschlug, den er in der Augusthitze eigentlich nicht benötigte. S. 7-10

»Ach so«, sagte Leon - mit dem letzten Rest logischen Denkens, der ihm in dieser Nacht noch verblieben war, schlussfolgerte Griffin, dass der Anarchist Leon hieß - »dann kommen wir wieder zur Sache. Ein Mann mit einer bandagierten rechten Hand wird sich dem Präsidenten nähern...«

Mit einem erdrutschartigen Rumpeln kippte der Kohlenmann seine Ladung in den Keller. Griffin riss die Hände nach oben, und schon prasselte ein Zentner Kohle die Rutsche hinunter und krachte auf den Agenten wie eine Dampflok mit vierzig Güterwagons samt Dienstwagen.
Den Rest des Plans bekam Griffin nicht mehr mit.

Als er wieder zu Bewusstsein kam, litt er unter unsäglichen Schmerzen. Zusammengerollt wie ein Embryo, drückte er sich gegen die Metalltür des Kohlenschachts; nun musste er sich nur noch ein bisschen mit den Schultern abstoßen, und als er auf dem Boden landete - wieder einmal mit dem gebrochenen Handgelenk zuerst -, sah er draußen Tageslicht.

Schließlich humpelte er aus der Pension, und irgendwie schaffte er es zu Wilkie, um Bericht zu erstatten - in seinen Lumpen, was ihm jetzt aber nicht mehr ganz so heldenhaft erschien. Obwohl er in dieser Nacht viel gelernt hatte, so doch nicht genug, denn er bildete sich immer noch ein, er wüsste, wie die Welt funktionierte. Er dachte in Kategorien von Kampf, Rückschlag und Erfolg, als wären diese so zeitlos gültig wie das Gesetz der Schwerkraft.

Wilkie reagierte nicht so, wie Griffin es erwartet hatte. Da Griffin der jüngste der Agenten war, stieß er mit seiner Geschichte auf ungläubige Skepsis. Doch weil Griffin sich unbedingt bewähren wollte, nahm er sich vor, stets die Augen nach einem Mann mit einer bandagierten rechten Hand offen zu halten.

Weniger als eine Woche später, bei der panamerikanischen Ausstellung in Buffalo, NewYork, wurde Präsident McKinley am Musiktempel von einer großen Menge empfangen. Griffin, sein Bewacher, merkte, wie der Präsident einem dunkelhäutigen Mann die linke Hand schüttelte - denn seine Rechte war verbunden. Sofort stürzte sich Griffin auf den Mann, riss ihn zu Boden und brachte so den Präsidenten direkt ins Schussfeld von Leon Czolgosz, der ihn ermordete.

Bald darauf erhielt der Secret Service den offiziellen Auftrag. das Staatsoberhaupt vor allen in- und ausländischen Feinden zu beschützen. Und Griffin erhielt eine Belobigung, allerdings in aller Stille, weil keiner von den anderen Agenten an der Zeremonie teilnehmen wollte. Für niemanden verändert sich das Antlitz der Welt schneller als für denjenigen, der eben noch als großer Hoffnungsträger gegolten hat. Die alten Geschichten über Griffin gerieten in Vergessenheit; und die neuen erzählte man sich nur hinter vorgehaltener Hand.

Für Griffin begann ein zwanzigjähriger Zyklus von Alkoholproblemen, Bewährungsproben und drittklassigen Aufgaben. Da er an seiner Überzeugung festhielt, dass das Leben aus einer Reihe von Lektionen bestehe, versuchte er noch immer herauszufinden, welche Lektion ihm im Kohlenkeller erteilt worden war. Ehrgeiziger zu sein? Zweifellos hatte er genug Ehrgeiz bewiesen, hatte er sich doch in einer Nacht über Dach und Schornstein bis in den Keller durchgeschlagen. Vorsichtiger zu sein? Auch bei noch so großer Vorsicht hätte er die Kohlenlieferung nicht um eine Stunde verzögern können. Und dass die Lektion etwas mit Frömmigkeit, Intelligenz, Ausdauer, Mut, innerer Stärke oder einer falschen Einstellung zu tun haben könnte, wollte ihm ebenso wenig einleuchten.

Doch auch als er älter wurde, blieb er in den Diensten des Secret Service. Wenn man ihn nach dem Grund dafür fragte - und manche Kollegen taten das sogar - antwortete er: »Warum nicht?«, oder: ,Die müssen mich hier mit den Stiefeln voran raustragen«, was aber tiicht ganz der Wahrheit entsprach. Vielmehr hielt er die Stellung, weil er niemals die Hoffiiung aufgegeben hatte.

In seinem Notizbuch, in das er ansonsten seine Dienstpläne und Spesen eintrug, stellte er auch Mutmaßungen über die Opfer an, die ein engagierter Agent bringen müsse: Es gab Listen von Attentatsmethoden (Gift, Bomben, Schiffssabotagen>, daneben waren die Folgen aufgeführt, mit denen der jeweilige Agent zu rechnen hätte (Koma, Verstümmelung, Ertrinken). Die Aussicht, für eine gerechte Sache zu sterben, gab seinem Leben einen Sinn. Mochte man ihm auch noch so übel mitspielen, diesen kleinen Hoffnungsschimmer wahrte sich Agent Griffin. S. 226

Lesezitate nach Glen David Gold - Carter - Das Spiel mit dem Teufel



© 20.01.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de