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Paare
Krieg auf schwierigem Gelände

Malcolm Knox - Sommerland

och gehört Malcolm Knox, geboren 1971, zu den Geheimtipps unter den Autoren. Er lebt in Sydney und hat mit seinem Romandebüt "Sommerland" einen Hochkaräter geschrieben, der spannender ist als ein Psychothriller und in seiner literarischen Qualität besticht.

Die beiden Paare Richard und Puppa, sowie Hugh und Helen, kennen sich schon seit ihrer Jugendzeit. Sie sind in Sydney beruflich erfolgreich, klettern mit ihren Anwaltjobs mühelos die Karriereleiter nach oben und von Geld spricht in ihren Kreisen niemand. Darüber wird schlicht verfügt. In jeder benötigten Summe. Sie verbringen alljährlich um Weihnachten zwei Wochen im Ferienhaus von Hugh, hin und wieder gehen sie zusammen essen oder Hugh und Richard treffen sich auf einen Drink in einer Bar. Eine lockere Freundschaft - wenn nicht in Richard eines Tages ein Verdacht keimen würde und er beginnt, seine Frau Puppa und seine besten Freund Hugh genauer zu beobachten. Haben die beiden etwas miteinander? Kann es sein, dass ihre langjährige Freundschaft nicht so harmlos scheint, wie Richard das immer angenommen hat? Weiß Helen auch Bescheid?

"Sommerland" wird aus Richards Perspektive erzählt. Malcolm Knox lässt ihn die Zeit der Freundschaft als eine glatte, makellose Schicht beschreiben, doch plötzlich stellt sich ein Satz quer. Gleich einem Pfeil, der die glatte Oberfläche durchdringt und den Blick auf eine andere Wahrheit lenkt. Ereignisse erscheinen in einem ganz anderen Licht. So entblättert Knox das Leben vier junger, wohlhabender Menschen, die trotz ihres Reichtums und Erfolgs zutiefst unglücklich sind. "Wenn die Geburtslotterie einem das Recht auf Elend verweigert, ist das Elend, das einem zuteil wird, wegen seiner unerträglichen Selbstsucht nur umso größer."

In diesem australischen Kammerspiel wahrt jeder der vier Protagonisten seine Geheimnisse, keiner vertraut dem anderen. Es gilt das Motto: "Wir ... zerstörten unser Leben selbst, ohne die Hilfe anderer." Das Besondere daran ist, mit welcher Kunst Malcolm Knox seine Geschichte mit tödlichem Ausgang erzählt, die Fakten immer wieder neu anordnet, durcheinander wirbelt und zu überraschenden Bildern kombiniert. Malcolm Knox - ein Autor, dessen Name man sich merken sollte. © manuela haselberger


Malcolm Knox - Sommerland
Originaltitel: Summerland, © 2000
Übersetzt von Eva Fensch

© 2002, Berlin, Berlin Verlag, 329 S., 19.90 (HC)





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Hugh Bowman jr.:
Eine eilige Biographie

Unsere Geschichte ist nur so traurig, wie andere es ihr zugestehen, unser Anspruch auf Mitleid eingeschränkt durch die Gesellschaftsschicht, zu der wir gehörten, und durch die Art und Weise, wie unser gemeinsames Leben zu Ende gehen sollte. Wenn unsere Geschichte mit der Erkenntnis endete, dass wir in Wahrheit nichts voneinander wussten, so ist das ein weiterer Grund, uns das Recht auf Trauer abzusprechen, es sogar zu verspotten. Wir waren selbstgefällig, reich und träge, und daran scheitert jedes Mitgefühl. »Leute wie wir können niemandem Leid tun«, beschwerte Puppa sich oft. »Uns ist ein heiliges Menschenrecht genommen worden - das Recht zu jammern.«

Es entsprach allerdings dem Wesen meiner Frau, mit ihren Menschenrechten umzugehen wie mit Wertpapieren in einem Portfolio: Wenn sie an einen Teil von ihnen nicht herankam, nahm sie einen Kredit darauf auf, um von den anderen umso mehr kaufen zu können. Rechte konnte Puppa nie genug haben.

Wir kannten die Bowmans seit siebzehn Jahren, oder besser gesagt, denn das ist die richtige Reihenfolge, Hugh Bowman und ich kannten die Frauen, die wir heiraten sollten, seit siebzehn Jahren. Hugh und ich waren siebzehn, als wir Puppa und Helen kennen lernten. Wir waren vierunddreißig, als unsere Ehen endeten. Hughs und mein Leben - sauber geteilt durch den Auftritt der Frauen.

Die letzten zehn Jahre wohnten die Bowmans und wir auf gegenüberliegenden Seiten des Hafens. Puppa und ich waren in den östlichen Teil der Stadt gezogen, auf die Southside, die Bowmans waren im Norden geblieben. Obwohl wir alle vier in der Stadt arbeiteten, nahmen wir nach und nach die Eigenschaften an, die typisch für die Menschen in unseren jeweiligen Wohnvierteln waren. Eine Zeit lang glaubten Puppa und ich, wir seien diejenigen, die sich nicht veränderten, während Hugh und Helen Bowman drüben in Balmoral Opfer einer immer rascher fortschreitenden Auszehrung wurden und sich in blasse, verkalkte North Shore-Gewächse verwandelten. Aber vermutlich waren die Dinge, die Puppa und mich auf die andere Seite gelockt hatten - das Multikulturelle, die stattliche Architektur, das Brodelnde und Geheimnisvolle, das angeblich Kosmopolitische, die Geringschätzung der Spießer aus dem Norden -, inzwischen keine Kleider mehr, die wir anprobierten wie Kinder, die »erwachsen« spielen, sondern das, wonach wir uns sehnten und wozu wir letztlich schon geworden waren.

Als Puppa und ich weggezogen waren, begannen die Bowmans und wir ein alljährliches Ritual gemeinsamer Ferien im herrschaftlichen Bowman-Schuppen in Palm Beach. Dort waren wir aufgewachsen und hatten uns verliebt: erst ich mich in Hugh und Hugh sich in mich, später dann Hugh und Helen und schließlich Puppa und ich. Palm Beach war unsere Heimat. Zehn Jahre lang zogen wir vier uns in den zwei Wochen nach Weihnachten dorthin zurück. Den Rest des Jahres über sahen wir uns selten - Hugh und ich trafen uns gelegentlich zum Lunch, Helen und Puppa sahen sich etwas öfter, und alle paar Monate gab es ein gemeinsames Dinner -, diese Treffen waren aber durch die ungewohnt förmliche Umgebung irgendwie steifer als sonst, wahrscheinlich auch deshalb, weil ein Aufenthalt in Palm Beach hinter und ein neuer vor uns lag.

Unsere Trauer wird weiter dadurch eingeschränkt - ich plädiere gegen Mitleid -, dass wir ein beneidenswertes Bild abgaben. Wir ruhten in diesen Sommern entspannt in unseren Liegestühlen auf der Terrasse des Pacific Club, tranken ein Glas weichen Semillon oder Vermouth und ließen den Blick über das Land schweifen, über die nach Harz riechenden Kiefern und den terrakottafarbenen Sand. Unser Anblick hätte Sie beeindruckt. Da stehen wir im Dämmerlicht im Garten des Cabbage Tree Club, die Hände in den Hosentaschen, wippen auf unseren Absätzen und bringen Murray Steyns zum Lachen. Der reichste Industrielle des Landes liebte Helen und Puppa. Die Mädchen flirteten mit ihm. Helen setzte ein gespielt ernstes Gesicht auf und fragte ihn, ob es stimme, dass ihm nur die Teile Australiens gehörten, die Kerry Packer und Rupert Murdoch übrig gelassen hatten. Steyns verachtete Packer, der ebenfalls Mitglied im Cabbage Tree Club war, und liebte es, mit diesen schönen jungen Dingern Witze auf seine Kosten zu machen. Helen und Puppa versüßten Murrays Tage und ließen ihn über Hughs und meine Bemerkungen lachen. Sie lenkten ihn von den Schaulustigen auf der Straße ab, auf der anderen Seite des Zauns, die auf ihn und uns zeigten und sich vielleicht zuflüsterten, dass junge, schöne Menschen wie wir an einem Nachmittag wie diesem für den großen Murray die wahre, unerwartete Trophäe seines Erfolges waren. Die Touristen, die durch die Hecke lugten, konnten uns betrachten und etwas mit nach Hause nehmen. Da sitzen wir ganz in Weiß unter unserem cremefarbenen Sonnenschirm auf dem abschüssigen Rasen des Bowman-Grundstücks, verleben den Tag als nette kleine Eistee-Party und essen abends an der Beach Road oder im Jonah's, wo wir einen Tisch auf den Namen Gatsby reserviert haben. Puppas wundervolle lange, schokoladenbraune Korkenzieherlocken neben meinen blonden Haaren, Helens goldene Haare, die ihr wie schöne Tressen auf die Schultern fallen und deren bernsteinfarbenes Schimmern perfekt zu ihrer Haut, ihren dunklen Augenbrauen und ihren grünen Augen passt. Und zu Hugh: spanisch-keltisch rabenschwarz, stark und sommersprossig. Der dunkle Junge mit dem blonden Mädchen, das dunkle Mädchen mit dem blonden Jungen. Von nahem betrachtet, rief meine Erscheinung den einzigen Missklang hervor - die Nasenspitze ein bisschen zu fleischig, die Augen ein wenig vorstehend, die Zähne eine Spur zu weit nach Steuerbord, das Kinn kaum mehr als ein Knubbel in einem verfrühten Doppelkinn -, aber ich beherrschte korrektes Auftreten, und zumindest aus der Entfernung passte ich ins Bild.

Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn Touristen kommen und Sie anstarren, um dann zu Hause von Ihnen zu erzählen? Wenn Ihre perfekte Erscheinung wie eine Sehenswürdigkeit behandelt wird, wenn Sie zu einer Geschichte werden, die andere von diesem sagenhaften Strand in der Nachmittagssonne erzählen? Von diesem »Tummelplatz der Reichen«? Natürlich taten wir so, als bemerkten wir es nicht. Ich bin sicher, dass Hugh die Beobachter tatsächlich nicht bemerkte. Ich sah sie, hätte das aber nie zugegeben. Ich fühlte mich wie eine Sehenswürdigkeit, aber ich schämte mich, mir dessen bewusst zu sein. Diese Scham und Schüchternheit und das Gefühl, nicht ganz echt zu sein, waren es, die mich dazu trieben, ihn nachzuahmen und mich wie ein Bowman zu benehmen.

Hugh war Hugh Bowman junior, der Erbe von Mackie Agribusiness. Er war Hugh Mackie Renwick Bowman, Sohn von Hugh Lang Drumaibyn Bowman, Sohn von einem anderen und wieder einem anderen Bowman, deren Namen alle von Hughs und Bowmans eingefasst waren wie von Buchstützen. Der Familienname hatte inzwischen seinen Platz in Straßenkarten gefunden und wurde bei Taxischeinprüfungen abgefragt - auch ein Weg zur Unsterblichkeit. Der Familiensitz der Bowmans war ein Pologestüt in der Nähe von Scone, das Mr. Bowman, ein großer, steifer Mann mit einem Schädel so kahl wie der Knauf eines guten Spazierstocks, nach seiner Rückkehr aus Oxford zwei Legislaturperioden lang im Parlament vertreten hatte. Das Familienunternehmen kontrollierte den größten Teil des oberen Hartweizengürtels, hielt im Northem Territory Vieh auf einem Landbesitz von der Größe Belgiens und besaß Pachtverträge für Gebiete mit Bauxitvorkommen in Queensland und mit Hämatit im Westen. Das Haus in Palm Beach war schon im Familienbesitz gewesen, als es erst das dritte oder vierte Haus nördlich von Newport war. Hugh war im Internat, obwohl seine Mutter oft für längere Zeit in das Haus in Balmoral oder in die Wohnung in Kirribilli kam. Hughs Mutter war eine kastilische Prinzessin, die Mr. Bowman auf einer Handelsmission nach Madrid kennen gelernt hatte. Sie nannte ihren Sohn »Junior«, was bei ihrem Akzent wie »Hughnior« klang. Das war sein Spitzname in der Schule: »Hughnior«. In sanftem Spott ahmten wir Manuels Akzent aus »Fawity Towers« nach - »Hey, Hughnior!« - und brachten Hughniors sternenklare kastilische Augen zum Funkeln.

Der Urlaub in Palm Beach bedeutete für Hugh immer, die Seele aufzutanken. Er brauchte diese zwei Wochen, um abzuschalten, bevor er wieder loslegen und erfrischt in die Stadt zurückkehren konnte. Er wäre überrascht gewesen zu erfahren, dass wir es nicht alle so empfanden. Je tiefer Reichtum verwurzelt ist, desto egalitärer sind seine Ansichten: S. 11-15

Lesezitate nach Malcolm Knox - Sommerland



© 7.4.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de