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Literaturförderpreis der Jürgen Ponto Stiftung 2001

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Seine Augen sehen verquollen aus. Arne nimmt etwas abseits, am Kopfende des Tisches, Platz. Titus setzt sich direkt neben mich. Ich habe mir die ganze Zeit vorgestellt, dass ich Lipinski alles erkläre, aber dann ist es Titus, der diesen Part übernimmt. Die Praktikantin, von der ich mir vorstelle, dass sie Unterleibsschmerzen hat, ist geradezu entzückt. Es ist für mich überraschend, wie Titus sich verhält. Er beugt sich über den Tisch, macht Zeichnungen, und Lipinski verfällt in ein andächtiges Schweigen. »Wir wollen keine Luftblasen aufsteigen lassen«, sagt er. Er zeichnet in einer schnellen Bewegung einen Kreis. Es ist erstaunlich, wie respektlos Titus ist, wie er mit Lipinski umgeht. »Hoppla«, sagt er, »das war jetzt nicht gerade Leonardo da Vinci.« Lipinski grinst. Titus strahlt ein großes Vertrauen aus. Mit seinem Filzstift bildet er ein langsam auf Lipinski vorrückendes Konstrukt, ein kompliziertes mechanisches Gebilde mit Greifarmen, Lichtschranken und Tastinstrumenten. Die Zeichnungen bilden ein verwirrendes Filzstiftgemälde, auf dem die einzelnen Worte, je nachdem wie man sie sieht, Bildunterschriften oder Signaturen sind. Kryptische Kommentare, die Lipinski, da alles auf dem Kopf steht, von seiner Seite aus gar nicht erkennt. Ihn scheint allein die Leidenschaft und Begeisterung, die von Titus ausgehen, zu beruhigen. Er sinkt wohlig in seinem Stuhl nach unten. Seine Krawatte beschreibt einen wellenförmigen Bogen, während Titus schon das nächste Blatt nimmt, mit der nächsten Zeichnung beginnt und immer wieder nach links und rechts abzweigende Pfeile an den Scheitelpunkt eines Kreises oder an das Ende seiner keilschriftartigen Worte setzt. Lipinski schaut manchmal fast ehrfürchtig herüber. Titus gibt ihm das Gefühl, dass alles, was ich mir ausgedacht habe, mit ihm, Titus, abgesprochen und hunderttausendmal durchgekaut worden ist, dass es im Grunde schon von Anfang an existiert. »Ich will gar nicht in Details gehen«, sagt Titus. Er zeichnet mehrere Kreise, auf die er aber nicht weiter eingeht. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind überdimensional. Ich verstehe selbst nicht, worauf er hinauswill. Ich habe das Gefühl, dass er mein Exposé nicht versteht, es aber auf so unnachahmliche Weise vermittelt, dass ich am Ende selbst das Gefühl habe, es könne gar nicht anders sein. Titus beugt sich zu Lipinski herüber, einige Male sieht es fast so aus, als würde er auf den Tisch steigen. »Hier«, sagt er, »nehmen sie den Stift. Jetzt ziehen Sie selbst einen Kreis. Hier. Das ist ungefähr der Mittelpunkt.« Titus steht auf, läuft zu einer am Fenster aufgestellten Tafel, einem Flipchart, macht erneut Zeichnungen, kehrt zu seinem Platz zurück. »Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie sind ich. Ist das zu viel verlangt?« Oder er fragt: »Hab ich zu viel versprochen? Na?« Lipinski zieht interessiert die Augenbrauen hoch.

Im Grunde müsste er bei jedem Termin dabei sein, sagt Wosch später, aber das geht natürlich nicht. »Ich weiß auch nicht, wie er es macht. Er macht es eben einfach.« Nach einer Stunde ist er wieder weg, verabschiedet sich, Beatrice hat ihn ans Telefon gerufen, er hat Termine, und der Eindruck entsteht, er habe sich jetzt eigens für diesen Termin freigemacht. S. 89


Lesezitat nach Rainer Merkel - Das Jahr der Wunder


Moderne Arbeitswelt
Rainer Merkel - Das Jahr der Wunder

GFPD - so heißt die neue Agentur, in der sich Christian bewirbt. Nach dem versiebten Physikum ist dies sein Rettungsanker, den er in der Not ergreift. Schließlich arbeitet Titus, sein Freund aus vergangenen Zivildiensttagen, auch hier mit. Niemand weiß genau, was sich hinter der ominösen Abkürzung GFPD verbirgt und auch das Bewerbungsgespräch ist ein einziger Eiertanz, bei dem mit Worthülsen um sich geschmissen wird. Als Christian die Zusage für einen Job hat, ist er glücklich.

Die Gehaltsfrage muss er noch klären, das ist etwas heikel, doch sein Arbeitsauftrag ist klar, er hat ein multimediales Konzept für eine Bausparkasse zu erstellen. Die Arbeitsatmosphäre ist scheinbar locker, jeder kommt und geht wie es ihm passt, selbst sonntags ist das Team meist vollständig anwesend, auch wenn es dazu keine besondere Anweisung braucht. In einer kreativen Umgebung gibt es natürlich keine Hierarchien, und die Präsentation zusammen mit Titus vor dem Kunden läuft völlig cool.

»Ich will gar nicht in Details gehen«, sagt Titus. »Er zeichnet mehrere Kreise, auf die er aber nicht weiter eingeht. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind überdimensional. Ich verstehe selbst nicht, worauf er hinauswill. Ich habe das Gefühl, dass er mein Exposé nicht versteht, es aber auf so unnachahmliche Weise vermittelt, dass ich am Ende selbst das Gefühl habe, es könne gar nicht anders sein.«

»Das Jahr der Wunder«, so erlebt Christian sein erstes Jahr in der Arbeitswelt, die allerdings häufig für ihn kafkaeske Züge annimmt, wurde mit dem Literaturförderpreis der Jürgen - Ponto - Stiftung 2001 ausgezeichnet. Das Neue an Rainer Merkels erstem Roman ist der Einblick in ein junges, dynamisches Unternehmen am Neuen Markt. Die Stimmung ist rosarot, das Geld wird verdient, ohne dass einer der Mitarbeiter sich sehr dafür anstrengen muss. Hauptsache alle sind glücklich - und das sind sie selbstverständlich mit ihrer Arbeit. Freizeit? Ein Fremdwort, schließlich hat jeder seine Arbeit, die alles für ihn ist. Am Schluss wird der Auftrieb abgebremst. Die Globalisierung schlägt zu.
© manuela haselberger

Rainer Merkel - Das Jahr der Wunder
© 2001, Frankfurt, S. Fischer Verlag, 283 S., 19.90




... reinlesen       Am Meer

1

Das ist es, was vom Sommer übrig geblieben ist. Ein überhitztes, pulverisiertes Leuchten in der Luft, die Ausläufer einer Staubfontäne, die vom Innenhof allmählich ins Treppenhaus hineingewandert sind. Eine großzügig ausgebreitete Schleppe, die jederzeit zum Leben erwachen kann, wenn man nur hustet oder niest. Ich schaue aus den schmalen, schießschartenartigen Fenstern nach unten in den Hof Ich weiß nicht, ob Titus sich noch an alle Einzelheiten erinnert, ob er noch die Details im Kopf hat. Als wir damals nach Wien gefahren sind, um One thousand aeroplanes on the roof zu sehen, hat er alles organisiert, ich musste mich um nichts kümmern. Titus hat ein schlafwandlerisches Orientierungsvermögen. Jetzt weiß ich noch nicht einmal, ob ich überhaupt angemeldet bin. Ich gehe Stufe für Stufe, auf einen langsamen Rhythmus bedacht, über den feinen, auf dem Sichtbeton wie Puder verteilten Staub, den ich, wenn ich oben angekommen bin, unbedingt wieder loswerden muss. Es kann sein, dass sie noch nicht einmal einen Fußabtreter haben. Ein Fußabtreter passt nicht zu GFPD. In Wien hatte ich zum ersten Mal das Hemd an, das Titus mir aus Bali mitgebracht hatte. Das changierende Rostbraun ist über die Jahre schon etwas verblichen, aber es ist noch immer das schönste und vornehmste Hemd, das ich besitze.

Ich habe es bis oben hin zugeknöpft und noch nicht einmal die Hemdsärmel hochgekrempelt, obwohl das vielleicht ein bisschen übertrieben ist. Wenn ich oft genug stehen bleibe, lässt die Hitze vielleicht nach und man sieht mir die Aufregung nicht mehr an. Ich schaue aus dem Fenster. Der Innenhof ist in eine Licht- und Schattenzone unterteilt, und obwohl es früher Nachmittag ist, sieht man dort unten niemanden. Der Innenhof ist ganz leer und ich schaue eine Weile nach unten, wie das Licht auf die Steinplatten fällt und eine Atmosphäre der Ruhe ausstrahlt. Titus wartet auf mich. Zwei Stockwerke höher, im Foyer oder schon an seinem Platz, zu dem er zurückgekehrt ist, um die Zeit zu nutzen, in seiner typischen, in sich gekehrten Haltung, mit seinem nervös wippenden Knie, und ich muss mich beeilen, ich muss rechtzeitig da sein. Sein Knie, das den Takt vorgibt, den Rhythmus, mit dem er in seine Selbstvergessenheit versinkt. Steinzeitmenschen, Jäger und Sammler müssen so gewesen sein, immer auf dem Sprung und trotzdem so mit ihrem Ziel verbunden, als befänden sie sich in einem luftleeren Raum. »Du kommst einfach mal vorbei und schaust es dir an«, hat Titus gesagt. Er hätte sagen können: »Du schaust dir GFPD an, und GFPD schaut dich an.« Ich spüre den Schweiß in den Achselhöhlen, wie er langsam hervorkriecht, und dann geht draußen die Sonne weg, und alles wird auf einmal ganz grau. Das Gefühl der Hitze und Enge nimmt zu. Ich versuche den obersten Hemdknopf zu öffnen. Jemand ist im Treppenhaus, jemand, der es sehr eilig hat. Die Schritte sind deudich zu hören und ich versuche etwas schneller zu gehen. Der oberste Hemdknopf lässt sich nur schwer öffnen. Ich könnte die Ärmel hochkrempeln, aber das würde unpassend aussehen. Titus hat es schon ein paar Mal zu erklären versucht. Was GFPD genau ist, wie GFPD funktioniert, dass es keine Agentur ist, bei der man sich einfach bewirbt. Schon beim Betreten des Treppenhauses ist es mir so vorgekommen, als würde ich in einen Turm hochsteigen, als wären alle diese Stahltüren Sackgassen und Scheineingänge, lediglich Erinnerungen an Türen, die zu Räumen führen, die gar nicht mehr existieren. Und man kann sich überhaupt nicht bewerben. Titus hat ein paar Kommilitonen aus der Hochschule der Künste eingeschleust. »Willst du mir etwa sagen, du wärst nicht kreativ?«, hat er triumphierend gefragt, nachdem er meine Notizbuchgeschichten gelesen hatte, die ich beim Taxifahren probeweise verfasst habe und die er dann gleich Molberger, dem Geschäftsführer, gezeigt hat. Ich gehe etwas schneller, vielleicht bin ich die ganze Zeit zu langsam gegangen. Der Verfolger atmet in einem irritierenden Rhythmus, und obwohl ich jetzt zwei Stufen auf einmal nehme, kommt er immer näher, ohne dass ich ihn sehen kann. Vielleicht bewirbt er sich gar nicht, sondern ist im Gegenteil jemand, der etwas bringt, ein Bote, jemand aus einer anderen Welt, für den GFPD etwas ganz Natürliches ist, ein Dienstleistungsunternehmen wie jedes andere auch. In diesem Moment kommt die Sonne wieder heraus. Das Nachmittagslicht steigt wie ein nach oben schnellender Wasserpegel in den Fenstern hoch, und jetzt, wo ich schon fast angekommen bin und nicht mehr umkehren kann, im zweiten oder dritten Stock, werde ich auf einmal nervös und spüre, wie mein Herz klopft und alle Geräusche um mich herum verdrängt. Ich sehe das Plastikschild mit der Aufschrift GFPD, und ich sage mir noch, das ist wirklich nichts Besonderes. Das Schild sieht geradezu billig aus. S. 7-9

Lesezitate nach Rainer Merkel - Das Jahr der Wunder



© 14.2.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de