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Das reinigende Ritual

Zwei Beerdigungen.
Zuerst Faunias, auf dem Friedhof oben auf dem Battle Mountain, den ich, wenn ich dort vorbeifuhr, schon immer beunruhigend fand mit seinen Geheimnissen aus uralter Grabsteinstille und regloser Zeit und der durch den Staatswald, der an den ehemaligen indianischen Begräbnisplatz grenzt, um so düsterer wirkte - eine riesige, dichtbewaldete, mit Feisblöcken übersäte Wildnis, durchzogen von glasklaren Bächen, die von Stufe zu Stufe sprangen, und bewohnt von Kojoten, Wildkatzen und sogar Schwarzbären sowie von Hirschrudeln, die hier angeblich in so gewaltigen Zahlen wie vor der Ankunft der Siedler nach Futter suchten. Die Frauen von der Milchfarm hatten für Faunia einen Platz am Rand des dunklen Waldes gekauft und die unschuldige, nichtssagende Zeremonie am Grab organisiert. Die lebhaftere der beiden, die sich Sally nannte, hielt die erste Rede, in der sie ihre Geschäftspartnerin und die Kinder vorstellte und dann fortfuhr: "Wir haben mit Faunia auf der Farm gelebt, und der Grund, warum wir heute morgen hier sind, ist derselbe, warum Sie sich eingefunden haben: um ein Leben zu feiern."

Sie sprach mit heller, klarer Stimme, eine eher kleine, handfeste Frau mit einem runden Gesicht und einem langen Sackkleid, die schwungvoll entschlossen war, eine Perspektive beizubehalten, die den sechs auf der Farm aufwachsenden Kindern am wenigsten Schmerz bereiten würde. Diese standen adrett in ihren Sonntagskleidern da und hielten Blumensträuße in den Händen, die sie auf den Sarg werfen sollte, wenn er ins Grab hinabgelassen werden sollte.S. 318


Lesezitat nach Philip Roth - Der menschliche Makel


Der menschliche Makel
Philip Roth - Der menschliche Makel

unächst wollte der Autor Nathan Zuckerman, das seit vielen Bücher bekannte alter ego Philip Roths, dem wütenden Drängen seines Nachbarn Coleman Silk nicht nachkommen und ein Buch über dessen Leben schreiben. Doch je länger er sich im Sommer 1998, als sich die ganze Welt über Bill Clinton und seine Affäre mit Monica Lewinsky amüsiert, mit dem Ruheständler beschäftigt, je mehr beginnt ihn die Geschichte zu interessieren.

Coleman Silk, seit mehreren Jahren Witwer und Vater von vier erwachsenen Kindern, wurde unehrenhaft aus dem Athena College entlassen. Damit wird der ehemalige angesehene Dekan und Professor für klassische Literatur nur mühsam fertig. Der Grund für seinen Rausschmiss ist mehr als dürftig, dafür wiegt er umso schwerer. Es wird Coleman Rassismus vorgeworfen. Durch eine kleine Nebenbemerkung, er hat zwei Studenten als "dunkle Gestalten" bezeichnet, soll er die abwesenden, farbigen Schüler wegen ihrer Hautfarbe beleidigt haben.

Coleman weist alle Vorwürfe weit von sich, ist wütend und verbittert. Doch noch nicht einmal seine Frau oder seine Kinder kennen sein streng gehütetes Geheimnis: Coleman selbst ist ein hellhäutiger Schwarzer, der sich seit seiner Zeit bei der Navy als Weißer ausgibt.

»Um dem Leben dies abzuringen - ein anderes, von ihm selbst bestimmtes Schicksal -, muss er tun, was getan werden muss. Wollen nicht die meisten Menschen das beschissene Leben, das ihnen auferlegt ist, einfach hinter sich lassen? Aber sie tun es nicht, und dadurch, dass sie es nicht tun, sind sie sie, während er dadurch, dass er es tut, er selbst ist.«

Als Zuckerman diesen Identitätswechsel begreift, den wahr gewordenen Traum der Freiheit, wendet sich die Geschichte seines Protagonisten grundlegend. Und der Leser hält den Atem an, denn so fesselnd wurde über die "richtige" Hautfarbe, die sich zu einer Lebenslüge entwickelt, noch nicht geschrieben. Aber gibt es das wirklich? Ist eine solche Täuschung möglich? Die Vorlage für die Figur Colemans ist in der Realität der Essayist und Literaturkritiker der "New York Times", Anatole Broyard.

Philip Roth konzentriert sich in diesem Roman über das gesellschaftliche Leben Amerikas auf sehr wenige Personen, doch diese schildert er mit unglaublicher Tiefenschärfe. Zum Beispiel die Familie Colemans, von der er sich letztlich lossagt oder Colemans Freundin und Geliebte Faunia, die mit vierunddreißig Jahren gerade halb so alt ist wie er. Sie, die einfache Putzfrau, wird von ihrem Ex-Ehemann, einem Vietnam - Veteranen, brutal misshandelt und verfolgt. Um den schrecklichen Erinnerungen an ihre eigene Kindheit zu entfliehen, gibt sie bei Coleman vor, weder Lesen noch Schreiben zu können. Ihre klugen Sätze beweisen jedoch das Gegenteil.

»Der menschliche Makel«, mit diesem Roman beendet Philip Roth seine Trilogie über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu der auch die Bände Mein Mann, der Kommunist sowie Amerikanisches Idyll gehört, ist ein Buch, bei dem es gilt genau hinzusehen, nicht jede Geschichte stimmt so, wie sie zunächst erzählt wird. Es ist unabdingbar die Motive der jeweiligen Handlungen und Sätze im Hintergrund zu beachten. Also keine schnelle Lektüre, doch der Roman in seiner Reichhaltigkeit, wird in den Gedanken des Lesers haften bleiben und Spuren hinterlassen. - Eines der besten Bücher seit langem!
© manuela haselberger


Philip Roth - Der menschliche Makel
Originaltitel: The Human Stain, © 2000
Übersetzt von Dirk van Gunsteren
© 2002, München, Hanser Verlag, 398 S., 24.90 (HC)
© 2003, rowohlt Verlag, 400 S., 9.90 (TB)
© 2003, DhV Hörverlag, Cass oder CD., ca. 16.00 (MC CD)


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Jeder weiß

Im Sommer 1998 gestand mir mein Nachbar Coleman Silk - der, bevor er zwei Jahre zuvor in gegangen war, über zwanzig Jahre Professor für klassische Literatur am nahe gelegenen Athena College und darüber hinaus sechzehn Jahre Dekan gewesen war -, daß er, im Alter von einundsiebzig Jahren, eine Affäre mit einer vierunddreißigjährigen Putzfrau hatte, die in der Universität arbeitete. Zweimal pro Woche putzte sie auch das ländliche Postamt, eine kleine, graue, mit Schindeln verkleidete Hütte, die aussieht, als könnte sie in den dreißiger Jahren einer armen Farmersfamilie Schutz vor den Sandstürmen Oklahomas geboten haben, und allein und verloren auf dem Grundstück gegenüber der Tankstelle und dem Haushaltswarenladen ihre amerikanische Fahne wehen läßt, an der Kreuzung der beiden Straßen, die das wirtschaftliche Zentrum dieser kleinen Stadt in den Hügeln Neuenglands bilden.

Coleman hatte die Frau zum erstenmal gesehen, als er eines Tages ein paar Minuten vor Schalterschluß dort erschien, um seine Post abzuholen, während sie dort den Boden wischte: eine dünne, große, kantige Frau mit ergrauendem blondem, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar und jener Art von herben Gesichtszügen, wie man sie gewöhnlich mit kirchenfrommen, hart arbeitenden Familienmüttern aus Neuenglands entbehrungsreicher Frühzeit verbindet, mit jenen strengen Frauen der Kolonialzeit, die in der herrschenden Moral gefangen waren und ihr gehorchten. Sie hieß Faunia Farley, und die Nöte, die sie in ihrem Leben erduldet haben mochte, hielt sie hinter einem jener ausdruckslosen, knochigen Gesichter versteckt, die nichts verbergen und von einer immensen Einsamkeit zeugen. Faunia hatte ein Zimmer in einer auf Milchwirtschaft spezialisierten Farm, wo sie als Gegenleistung beim Melken half. Sie hatte die Highschool nur zwei Jahre lang besucht.

Der Sommer, in dem Coleman mich über Faunia Farley und ihr gemeinsames Geheimnis ins Vertrauen zog, war passenderweise der Sommer, in dem Bill Clintons Geheimnis in allen demütigenden Einzelheiten enthüllt wurde, in allen lebensechten Einzelheiten, wobei sich die Lebensechtheit wie die Demütigung aus den pikanten Einzelheiten ergab. Eine Saison wie diese hatten wir nicht erlebt, seit jemand in einer alten Ausgabe von Penthouse über Nacktfotos der neuen Miss America gestolpert war, die sie elegant kniend und auf dem Rücken liegend zeigten und die junge Frau mit einer solchen Scham erfüllten, daß sie gezwungen war, ihren Titel zurückzugeben und ein internationaler Popstar zu werden. In Neuengland war der Sommer des Jahres 1998 herrlich warm und sonnig, im Baseball war es der Sommer des mythischen Kampfes zwischen einem weißen und einem braunen Home-Run-Gott, und in Amerika war es der Sommer eines gewaltigen Frömmigkeitsanfalls, eines Reinheitsanfalls, denn der internationale Terrorismus, der den Kommunismus als größte Bedrohung der nationalen Sicherheit ersetzt hatte, wurde seinerseits durch Schwanzlutschen ersetzt, und ein viriler, jugendlicher Präsident in mittleren Jahren und eine verknallte, draufgängerische einundzwanzigjährige Angestellte führten sich im Oval Office auf wie zwei Teenager auf einem Parkplatz und belebten so die älteste gemeinsame Leidenschaft der Amerikaner wieder, die historisch betrachtet vielleicht auch ihre trügerischste und subversivste Lust ist: die Ekstase der Scheinheiligkeit. Im Kongreß, in der Presse und im Fernsehen moralisierten die selbstgerechten Heuchler auf den Haupttribünenplätzen um die Wette, erpicht darauf zu beschuldigen, zu beklagen und zu bestrafen, allesamt besessen von dem Geist, den Hawthome (der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts hier in den Berkshires, nicht weit von meinem Haus entfernt gelebt hatte) in jenem jungen Land aus längst vergangener Zeit als »Geist der Brandmarkung« bezeichnet hatte; S. 9-10 Doch an jenem Nachmittag vor zwei Jahren tauchte Coleman, der geradewegs von dem Bestattungsunternehmen kam, wo er die Einzelheiten von Iris' Beerdigung besprochen hatte, vor meinem Haus auf, klopfte an die Tür und bat um Einlaß. Obgleich er eine dringende Bitte an mich hatte, konnte er keine halbe Minute stillsitzen und darlegen, um was es sich handelte. Er stand auf, setzte sich wieder, stand abermals auf, ging in meinem Arbeitszimmer auf und ab, sprach laut und hastig und schüttelte sogar drohend die Faust, wenn er - irrtümlich - glaubte, einen Punkt besonders unterstreichen zu müssen. Ich sollte etwas für ihn schreiben - es fehlte nicht viel und er hätte es mir befohlen. Wenn er selbst diese Geschichte in ihrer ganzen Absurdität aufschriebe, ohne irgend etwas zu ändern, würde sie niemand glauben, würde sie niemand ernst nehmen. Man würde sagen, es sei eine lächerliche Lüge, eine zweckdienliche Übertreibung, man würde sagen, hinter seinem tiefen Sturz müsse etwas anderes stecken als die Erwähnung von »dunklen Gestalten« in einer Seminarsitzung. Wenn dagegen ich, ein anerkannter Schriftsteller, mich der Sache annähme...

Er hatte alle Zurückhaltung aufgegeben, und während ich ihm - einem mir unbekannten, jedoch offenbar kultivierten und einflußreichen Mann, der sein inneres Gleichgewicht vollkommen verloren hatte - zusah und zuhörte, hatte ich das Gefühl, Zeuge eines schrecklichen Autounfalls, eines Brandes oder einer gewaltigen Explosion zu sein, Zeuge einer Katastrophe, die den Betrachter bannt, weil sie ebenso unwahrscheinlich wie grotesk ist. Die Art, wie er durch den Raum taumelte, erinnerte mich an ein Huhn, das weiter herumlief, nachdem man es geköpft hatte. Man hatte ihm den Kopf abgeschlagen, den Kopf, der das gebildete Gehirn des einst unantastbaren Dekans und Professors für klassische Literatur enthalten hatte, und was ich hier sah, war der unbeherrscht wütende amputierte Rest.

Ich, dessen Haus er nie zuvor betreten und dessen Stimme er jemals gehört hatte, sollte alles stehen- und liegenlassen und darüber schreiben, wie seine Feinde im Athena College ihn hatten stürzen wollen ... S. 20 »Faunia Farley stammt nicht aus Ihrer Welt. Gestern nacht haben Sie die Welt sehen können, die sie zu dem gemacht hat, was sie ist, die sie zu Boden gedrückt hat und der sie, aus Gründen, die Sie ebensogut kennen wie ich, niemals entkommen wird. Aus dieser Sache kann etwas Schlimmeres entstehen als gestern nacht, etwas viel Schlimmeres. Sie kämpfen jetzt nicht mehr in einer Welt, wo man darauf aus ist, Sie fertigzumachen und von Ihrem Posten zu vertreiben, damit einer Ihrer Gegner ihn einnehmen kann. Sie kämpfen nicht mehr gegen eine Bande von wohlerzogenen, elitären Egalitaristen, die ihren Ehrgeiz hinter hehren Idealen verbergen. Sie kämpfen jetzt in einer Welt, in der sich Rücksichtslosigkeit nicht die Mühe macht, sich mit menschen-reundlicher Rhetorik zu tarnen. Das sind Leute, deren grundsätzliche Einstellung dem Leben gegenüber die ist, daß sie von A bis Z beschissen worden sind. Was Sie durch die Art und Weise wie das College mit Ihrem Fall umgegangen ist, mitgemacht haben, ist - so schlimm das auch war - das, was diese Leute in jeder Minute eines jeden Tages ...«

Das reicht , stand inzwischen so deutlich in Colemans Gesicht geschrieben, daß sogar Primus merkte, daß es an der Zeit war, den Mund zu halten. Coleman hatte schweigend zugehört, seine Gefühle unterdrückt und versucht, unvoreingenommen zu bleiben und das offensichtliche Vergnügen, mit dem der Anwalt einem beinahe vierzig Jahre älteren, gebildeten Mann eine ausgefeilte Predigt über die Tugend der Besonnenheit hielt, zu ignorieren. Um sich bei Laune zu halten, hatte er gedacht: Es macht alle froh, wütend auf mich zu sein - es befreit sie, mir zu sagen, daß ich unrecht habe. Doch als sie auf der Straße standen, konnte er die Argumente nicht mehr von der Art, wie sie vorgebracht wurden, trennen, ebensowenig wie er Abstand nehmen konnte von dem Mann, der er immer gewesen war: dem Mann, der das Sagen hatte und dem man sich beugte. Um Primus' Mandanten die Sachlage unmißverständlich klarzumachen, hätte es gar nicht so vieler satirischer Elemente bedurft. Wenn der Anwalt ihm lediglich auf überzeugende, fachkundige Weise einen Rat hätte erteilen wollen, wäre eine sehr kleine Menge Spott weit effektiver gewesen.S. 97 In nördlicher Richtung nach Blackwell zu fahren dauerte doppelt so lange wie die Fahrt den Berg hinab nach Athena, doch in Blackwell war die Wahrscheinlichkeit, einem ehemaligen Kollegen zu begegnen, kleiner, und wenn es sich doch einmal ergab, dann fühlte Coleman sich weniger befangen und belastet, wenn er dem anderen, ohne zu lächeln, zunickte und seiner Wege ging, als wenn diese Begegnung auf den hübschen alten Straßen von Athena stattgefunden hätte, wo es kein Straßenschild, keine Parkbank, keinen Baum, kein Denkmal in der Grünanlage gab, die ihn nicht irgendwie an den Coleman Silk erinnerten, der er gewesen war, bevor er zum Collegerassisten geworden war und sich alles geändert hatte. Die Läden gegenüber der Grünanlage waren erst eröffnet worden, nachdem er sein Amt als Dekan angetreten und alle möglichen neuen Leute nach Athena geholt hatte - Dozenten, Studenten, Eltern von Studenten -, und so hatte er im Lauf der Zeit die Entwicklung der Stadt ebenso beeinflußt wie die des Colleges. Das dahinsiechende Antiquitätengeschäft, das schlechte Restaurant, der Gemüseladen, der kaum etwas abwarf, der provinzielle Schnapsladen, der hinterwäldlerische Friseursalon, das altmodische Herrenbekleidungsgeschäft, die Buchhandlung mit der winzigen Auswahl, das auf vornehm gemachte Café, die düstere Apotheke, die deprimierende Kneipe, der zeitungslose Zeitungshändler, das rätselhafte leere Geschäft für Zauberartikel - sie alle waren verschwunden und durch Unternehmen ersetzt worden, wo man eine anständige Mahlzeit bekommen, eine gute Tasse Kaffee trinken, ein Rezept einlösen, einen ordentlichen Wein kaufen, ein Buch über etwas anderes als die Berkshires finden konnte und sich, wenn man etwas Wärmendes für den Winter brauchte, nicht nur mit langer Unterwäsche zufriedengeben mußte. Er hatte hinsichtlich des Lehrkörpers und des Lehrplans des Athena Colleges eine »Revolution der Qualität« durchgesetzt, und diese hatte, obgleich das gar nicht seine Absicht gewesen war, auch die Geschäftsstraße der Stadt erfaßt. Und das vergrößerte nur seinen Schmerz und die Verwunderung darüber, daß er nun ein Fremder war.

Inzwischen waren zwei Jahre vergangen, und ihm machten nicht mehr so sehr die Leute zu schaffen - wer in Athena, abgesehen von Delphine Roux, dachte noch an Coleman Silk und die Sache mit den dunklen Gestalten? - als vielmehr seine eigene Erschöpfung durch die dicht unter der Oberfläche liegende und blitzschnell aufflammende Bitterkeit; in den Straßen von Athena empfand er zumindest eine größere Aversion gegen sich selbst als gegen diejenigen, die aus Gleichgültigkeit, Feigheit oder Ehrgeiz nicht einmal den leisesten Protest zu seinen Gunsten geäußert hatten. Gebildete Menschen mit akademischen Titeln, die er in dem Glauben eingestellt hatte, sie seien zu vernünftigen, selbständigen Gedankengängen imstande, waren offenbar nicht geneigt gewesen, die gegen ihn vorgelegten lachhaften Beweise abzuwägen und zu einem angemessenen Schluß zu kommen. Rassist - am Athena College war das mit einemmal das emotional am meisten aufgeladene Etikett, das einem angehängt werden konnte, und dieser Emotionalisierung (und der damit verbundenen Angst vor Einträgen in Personalakten und der etwaigen Schmälerung der Beförderungsaussichten) hatten sämtliche Dozenten nachgegeben. Man brauchte nur mit offiziell klingendem Unterton »Rassist« zu sagen, und schon ging jeder potentielle Verbündete in Deckung.

Zum Campus gehen? Es war Sommer. Die Ferien hatten begonnen. Warum sollte er nicht dorthin gehen, nachdem er beinahe vierzig Jahre in Athena verbracht hatte, nach allem, was zerstört und verloren war, nach allem, was er auf sich genommen hatte, um hierher zu gelangen? Erst »dunkle Gestalten«, dann »lilienweiß« - wer weiß, welcher abstoßende Defekt durch den nächsten leicht antiquierten Ausdruck enthüllt werden wird, durch das nächste beinahe charmant altmodische Wort, das seinem Mund entflieht? Wie schnell man durch das richtige Wort dekuvriert oder vernichtet wird. Was verbrennt die Tarnung, die Maske, die Deckung? Dies: das richtige Wort, spontan und ohne nachzudenken ausgesprochen. »Zum tausendsten Mal: Ich habe >dunkle Gestalten< gesagt, und das war ironisch gemeint. Mein Vater war Kneipenwirt, aber er legte großen Wert darauf, daß ich mich klar und korrekt ausdrückte, und ich habe mich immer daran gehalten. Worte haben Bedeutungen - und sogar mein Vater, der die Schule nur bis zur siebten Klasse besucht hat, wußte das. .... «S. 101 Seine Fähigkeiten als Läufer (»der schnellste Junge in den Oranges«), ja sogar seine Hautfarbe, die ihn zu einem Menschen machte, den die Leute manchmal nicht recht einzuordnen wußten - all dies trug dazu bei, daß Coleman über Beleidigungen hinwegging, die Walt unerträglich fand. Und außerdem gab es da noch den Wesensunterschied: Walt war Walt, ganz und gar Walt, und das war Coleman ganz und gar nicht. Wahrscheinlich gab es keine bessere Erklärung für ihre verschiedenen Reaktionen. Aber Nigger - und damit meinten sie ihn ? Das machte ihn fuchsteufelswild. Und doch - wenn er nicht in große Schwierigkeiten geraten wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Geschäft zu verlassen. Dies war kein Amateurboxkampf bei den Knights of Pythias, sondern Woolworth in Washington. Weder seine Fäuste noch seine Beinarbeit oder seine Wut konnten ihm hier irgendwie von Nutzen sein. An Walter durfte er gar nicht denken. Wie hatte sein Vater es geschafft, mit dieser Scheiße fertig zu werden? Mit dieser Scheiße, die ihm im Speisewagen tagein, tagaus in irgendeiner Form entgegenschlug? Trotz all seiner frühreifen Klugheit hatte Coleman nie gemerkt, wie behütet sein Leben bisher gewesen war, und ebensowenig hatte er gewußt, wieviel innere Stärke sein Vater besaß, oder ermessen können, welch eine mächtige Kraft dieser Mann war - und mächtig nicht nur, weil er sein Vater war. Nun endlich begriff Coleman, was sein Vater hinzunehmen verdammt war. Und er sah auch die ganze Schutzlosigkeit seines Vaters, während er zuvor naiv genug gewesen war, sich angesichts des stolzen, strengen und manchmal geradezu unerträglichen Gebarens, das Mr. Silk an den Tag legte, vorzustellen, sein Vater sei unverletzlich. Doch nun, da irgend jemand Coleman -spät genug - ins Gesicht gesagt hatte, er sei ein Nigger, erkannte er schließlich, welch ein gewaltiger Schutz vor der großen amerikanischen Bedrohung sein Vater für ihn gewesen war.S. 124

Lesezitate nach Philip Roth - Der menschliche Makel










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