... reinlesen


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... reinlesen

Im ersten Augenblick des Tages, noch bevor ich weiß, ob es kalt oder warm ist, gut oder schlecht, sehe ich die Arava vor mir, die Wüste zwischen dem Toten Meer und Eilat, mit ihren blassen Staubsträuchern, krumm wie verlassene Zelte. Nicht daß ich in der letzten Zeit dort gewesen wäre, aber er war es, erst gestern abend ist er von dort zurückgekommen, und jetzt macht er ein schmales, sandfarbenes Auge auf und sagt, sogar im Schlafsack in der Arava habe ich besser geschlafen als hier, mit dir.

Sein Atem riecht wie ein alter Schuh, und ich drehe den Kopf zur anderen Seite, zu dem platten Gesicht des Weckers, der gerade anfängt zu rasseln, und er faucht, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst den Wecker in Nogas Zimmer stellen, und ich richte mich mit einem Ruck auf, Sonnenflecken tanzen mir vor den Augen, wieso denn, Udi, sie ist doch noch ein Kind, wir müssen sie wecken, nicht sie uns. Wieso bist du dir immer so sicher, daß du weißt, wie etwas gemacht werden soll, sagt er gereizt, wann verstehst du endlich, daß keiner immer alles wissen kann, und da ist auch schon ihre Stimme zu hören, zögernd, sie springt über die Hefte, die auf dem Teppich liegen, über die Bücherstapel, Papa?

Er beugt sich über mich, bringt wild den Wecker zum Schweigen, und ich flüstere zu seiner Schulter, sie ruft dich, Udi, steh auf, sie hat dich fast eine Woche lang nicht gesehen. In diesem Haus kann man noch nicht mal richtig ausschlafen, er reibt sieh widerwillig die Augen, eine Zehnjährige, die man verhätschelt wie ein Baby, gut, daß du sie nicht noch wickelst. S. 7


Lesezitat nach Zeruya Shalev - Mann und Frau


Szenen einer Ehe
Zeruya Shalev - Mann und Frau

ährend sich Zeruya Shalevs erster Roman "Liebesleben", der weltweit die Bestsellerlisten stürmte, um die Geschichte eines Seitensprungs mit allen sexuellen Obsessionen dreht, steht in ihrem zweiten Buch die Ehe im Mittelpunkt der Handlung. Und da die israelische Autorin eine Meisterin der Sprache und des Stils ist, startet auch "Mann und Frau", mit mehr als 100.000 verkauften Exemplaren direkt in die Reihe der Topseller.

Udi und Na'ama kennen sich seit ihrem zwölften Lebensjahr. Für beide ist seit ihrer Kindheit klar, dass es nur den einen Partner für sie gibt. Ihrer Ehe fehlt allerdings seit geraumer Zeit Drive und Spannung. Ihr Alltag verläuft zermürbend zwischen nichtigen Auseinandersetzungen und Mißverständnissen, daran ändert auch die zehnjährige Tochter Noga wenig, die sich ständig um den Ausgleich zwischen Vater und Mutter bemüht.

Eine Wendung kommt mit der plötzlichen Krankheit Udis. Eines Morgens ist er unfähig sich zu bewegen. Die Ärzte im Krankenhaus sind ratlos und vermuten psychische Ursachen. Na'ama nimmt ihren Mann wieder mit nach Hause und Udi beginnt eine nervtötende Tyrannei vom Krankenbett aus. Nichts kann Na'ama ihm recht machen, unwichtige Fragen führen zu aufreibenden Meinungsverschiedenheiten. Noch immer steht unausgesprochen zwischen ihnen, dass Udi seine Tochter an ihrem zweiten Geburtstag auf dem Balkon aus den Händen glitt. Glücklicherweise überlebte Noga den Sturz ohne bleibenden Schäden, doch ausgerechnet an diesem Tag war Na'ama bei ihrem Freund, einem Maler. Um ein Haar hätte sie ihren Mann betrogen. Noch immer quält sie der Gedanke an Udis und ihre eigene Schuld.

Es sind die kleinen Zänkereien und Böswilligkeiten, die ihrer Ehe den Atem abschnüren. Der entscheidende Einschnitt kommt an dem Tag als Udi Frau und Kind verlässt. Na'ama fällt in eine rasende, bodenlose Wut, abgrundtiefe Trauer, unbändigen Hass - und das alles in ziemlich kurzer Zeit.

"Erschrocken vor der Freiheit, die mich zwischen den Farben heraus anschaute, zog ich es vor, den Preis des Terrors zu bezahlen, statt den Preis der Freiheit, und deshalb lähmte ich ihn mit meinem unendlichen Zorn. Wie gut wir eigentlich zusammengepasst haben, wer hätte es besser als er geschafft, mich einzusperren, wer hätte es besser als ich geschafft, seine Schwäche zu ertragen, mit vier fleißigen Händen haben wir uns unser Leben zerstört, in erstaunlicher Harmonie, während Noga uns verwirrt von der Seite aus zusah und jede unserer Handlungen mit ihren taubengrünen Augen verfolgte."

Diese wechselnden Gefühle, die Frage nach Schuld und richtigem Verhalten, das beobachtet und beschreibt Zeruya Shalev mit einer ungeheuren atmosphärischen Dichte und leidenschaftlichen Präzision. Sehr differenziert, temporeich und sprachlich ungeheuer gewandt geht sie den enttäuschten Erwartungen Na'amas nach und lotet die Ursachen ihres Scheiterns aus. Ebenso überzeugend wie in "Liebesleben" schildert sie auch in "Mann und Frau" das bewegte Innenleben einer Frau, ihre ständigen Überlegungen, welche Handlung richtig ist, ihre unterdrückten Gefühle, nicht eingestandenen Hoffnungen und gescheiterten Träume. Ein grandioser, nicht alltäglicher Roman. © manuela haselberger


Zeruya Shalev - Mann und Frau
Originaltitel: Ba'al we-ischa, © 2000
Übersetzt von Mirjam Pressler
2001, Berlin, Berlin Verlag, 399 S., 19.90 (HC)
2002, Gütersloh, Chronik Verlag, 399 S., 10.90 (TB)
2001, Berlin, Berlin Verlag, 399 S., 25.90 (4 MCass)




Fortsetzung des Lesezitats ...

Als traurige Karawane verlassen wir das Haus, Udi lang und schwach auf seiner Trage, einen Ausdruck vollkommenen Zutrauens im Gesicht, wie ein Baby, das von seinen Eltern im Wagen die Treppe hinuntergetragen wird, ich schließe aufgeregt die Tür und lehne mich zum Abschied an sie, wer weiß, wann ich sie wiedersehen werde. Um den Krankenwagen versammeln sich ein paar neugierige Nachbarn, was ist passiert, fragen sie erstaunt, und er, der sich normalerweise kaum die Mühe macht, auch nur zu grüßen, antwortet ihnen freundlich und beteiligt sie an den Ereignissen des Vormittags, und die Tochter der Nachbarn unter uns, eine Frau, die gerade erst aus Indien zurückgekommen ist, erzählt ihm von erstaunlichen natürlichen Heilkünsten. Wenn sie dir im Krankenhaus nicht helfen können, sagt sie, dann gib mir Bescheid, und er nickt dankbar, er sieht aus, als würde er gerne weitere Einzelheiten hören, aber die Männer in ihren strahlenden weißen Jacken unterbrechen ungeduldig diese neue Intimität und schieben ihn hinten in den Wagen, mit geübten Bewegungen wie Müllmänner, und ich schließe mich ihm an, setze mich auf die Bank, die für erschrockene Angehörige reserviert ist, von denen man durch die Vorhänge nur das Profil sieht, wenn das Auto mit eingeschalteter Sirene an einem vorbeifährt, man hebt den Blick, sieht das Profil und weiß, daß das Leben der Leute im Auto zerbrochen ist, ihr Schicksal durchschnitten. S. 24

... und ein Hauch von Spott zeigt sich auf ihrem Gesicht bei diesem Anblick, ihr glaubt wohl, das hilft was, sagt ihr schönes Gesicht, ihr glaubt wohl, zu zweit ist man stark, aber Krankheiten lassen sich von solchen Gesten nicht beeindrucken, Krankheiten lieben es, Paare zu trennen. Wann hat das angefangen, fragt sie gleichmütig, und er sagt, heute morgen, ich bin heute morgen aufgewacht und konnte nicht aufstehen, das Erstaunen in seiner Stimme ist noch frisch, er ist bereit, jeden daran teilhaben zu lassen, sogar die stöhnende Bettnachbarin ist für einen Moment still und schaut ihn mit roten Augen an, macht seiner vollkommenen Verwunderung über die Kapriolen der Schöpfung Platz, und es scheint, als füllte sich das ganze Weltall mit der Verwunderung des Neuman, Ehud, Sohn Israels, wie bald auf dem Schild an seinem Bett geschrieben sein wird, beliebter Reiseleiter, fast vierzig Jahre alt, verheiratet, eine Tochter, dessen Glieder ihm nicht mehr gehorchen.

Als gäbe sie eine Art unpassender Antwort, die nichts mit der Frage zu tun hat, wühlt sie in der Tasche ihres Kittels, zieht ein Fieberthermometer hervor und hält es ihm hin, ich nehme es ihr schnell aus der Hand, um zu vermeiden, daß seine Finger wieder so seltsam anfangen zu flattern, und sie fragt, was ist mit den Papieren, und ich schaue mich um, mit welchen Papieren? Sie müssen ihn anmelden, sagt sie und verzieht das Gesicht, als hätte sie uns dabei erwischt, daß wir uns ins Kino eingeschmuggelt haben, ich verlasse sie widerwillig und schließe mich ungeordneten Reihen an, Kopf an Kopf und Schulter an Schulter, und über allen schwebt dieses naive erste Staunen von Menschen, die sich plötzlich in einem anderen Land wiederfinden, einem häßlichen Land, und die nicht wissen, ob sie je wieder den Weg nach draußen finden werden. In ein paar Tagen werden sie sich daran gewöhnt haben, sie werden in bitterer Ergebenheit neben ihren Lieben in den verschiedenen Abteilungen sitzen, und das Erstaunen wird ihnen wie eine Erinnerung an ein verschwommenes Bild aus der Kindheit vorkommen, ohne große Bedeutung und grundlos geliebt.

Als ich ohne ihn bin, weit weg von seinen bewegungslosen Beinen, von seinen geschlossenen Augen, jenen Augen, die mich betrachtet haben, seit ich zwölf war, weit weg von seiner Existenz, die mich mehr definiert als sich selbst, einen Moment, bevor ich an der Reihe bin und ich mich vor dem Schalter aufstelle, einen Moment bevor ich ihn anmelde und dafür die leeren Formulare bekomme, die sich bald mit besorgniserregenden Details füllen werden, trifft mich schlagartig die Erkenntnis, daß sich die Bewegungsfähigkeit von ihm entfernt hat, so wie sich die Gegenwart Gottes aus dem Tempel entfernt hat, bevor er zerstört wurde, und die Wucht der Erkenntnis macht mich klein, so daß mir alle Menschen um mich herum wie Riesen vorkommen und ich mich darüber wundere, daß mich überhaupt jemand zur Kenntnis nimmt, wie diese Angestellte mit den Sommersprossen, die ungeduldig zu mir sagt, nun, was kann ich für Sie tun? Schließlich existiere ich nicht mehr, das Leid dieses Morgens hat meine Existenz ausradiert, du beendest deine Schicht und gehst nach Hause und glaubst, du weißt, was du dort vor-findest, während bei mir alles Selbstverständliche, alles Vertraute an einem einzigen Morgen zerrissen worden ist, denn mein Udi ist krank, mein Udi ist gelähmt, er wird nicht mehr von mir weggehen und nicht mehr zu mir zurückkehren. S. 32-33

... er sieht ein bißchen heruntergekommen aus, das ist alles, und ich fühlte mich ermutigt und versank sofort in angenehmen Vorstellungen von seiner baldigen Genesung, doch er war schon zurückgegangen ins Bett, erschöpft von der Anstrengung, und eine Woche lang weigerte er sich zu sprechen, er weigerte sich zu essen, und morgens fand ich den Küchenschrank offen vor und entdeckte, daß der Brotlaib kleiner geworden war, und so suche ich die Spuren seines Lebens, wie man die Spuren einer Maus sucht.

Manchmal frage ich ihn mit der Stimme einer Kindergärtnerin, was hast du denn den ganzen Tag so getan, und er antwortet, nichts, angriffslustig, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts für ihn zu tun. Seit dem Verschwinden seines geliebten Tanach weigert er sich, ein Buch in die Hand zu nehmen, mir hat es schon am Tag danach leid getan, ich rief das Hotel an und flehte, man möge das Buch für mich suchen und es mir bitte schicken, aber vergeblich, und nun betrachtete ich mit schlechtem Gewissen den leeren Nachttisch neben seinem Bett, wie konnte so etwas geklaut worden sein, wer hat sich für einen alten, abgenutzten Tanach interessiert, mit Sandkörnern zwischen den Blättern. Den neuen Tanach, den ich ihm kaufte, schob er sofort in die Schublade, ohne ihn auch nur aufzuschlagen, dasselbe tut er auch mit den anderen Büchern, die ich ihm ab und zu mitbringe, er wirft keinen Blick hinein, die ganze Zeit liegt er mit offenen Augen da, auch nachts, seine Leselampe erwärmt die Luft um ihn herum, brennt wie die kleinen Lichter auf den Grabstätten in der Stadt der Toten, Lichter, deren Helligkeit die Dunkelheit nur noch anschaulicher macht. Jeden Abend, wenn ich Noga ins Bett gebracht habe, klappe ich mir das Sofa im Wohnzimmer auf, breite ein Laken darüber und lege mich schlafen wie eine Besucherin, weit weg vom Schlafzimmer, das zu seinem Krankenzimmer geworden ist, und es gibt in diesem Meer der nächtlichen Einsamkeit eine gewisse Erleichterung, allein zu schlafen, keine Rücksicht auf ihn zu nehmen, nicht darauf zu warten, daß das Licht ausgemacht wird, nur ich selbst, im Wohnzimmer, das sogar nachts glühend heiß ist, ich rutsche mit dem Rücken in die Vertiefung zwischen den beiden Teilen des Sofas, und erst gegen Morgen wache ich erschrocken auf, was ist mit meinem Leben passiert, erschrocken erinnere ich mich an ihn, was tut er den ganzen Tag lang, an was denkt er, was will er, welche Pläne hat er, was kann er tun, aber wenn ich in sein Zimmer komme, sein düsteres Gesicht sehe und den abstoßenden Geruch wahrnehme, sage ich mir, ebenso aggressiv wie er, nichts, er tut nichts, er denkt nichts, er will nichts, und dann packt mich das Entsetzen, was soll aus mir werden, wie wird der Rest meines Lebens sein, ich bin schon fast wie eine verlassene Frau, und dann versuche ich herauszufinden, was von meiner Liebe zu ihm noch übrig ist, dieser Liebe, die fast so alt ist wie ich selbst, was ist geblieben von dem, was wir in all diesen Jahren getan, gelernt, gesammelt haben, und wieder hallt mir dieses Wort in den Ohren, nichts, es ist nichts geblieben. S. 147

... ich schiebe zwei Finger in den Mund, glaube, wenn alles herauskommt, werde ich wieder rein sein, aber nichts kommt heraus, ich stoße meine Finger tiefer und tiefer hinein, bis meine Kehle aufreißt und anfängt zu bluten, was habe ich getan, was habe ich getan, ein rotes Weinen rinnt in die Kloschüssel, und ich stehe auf und wasche mir das Gesicht, kaum erkenne ich die schmutzigen Züge, das bin ich nicht, was hat er aus mir gemacht, er hat mich in ein Tier verwandelt, in eine verwundete Bärin, so kann es nicht weitergehen.

Ich werde nicht mehr in sein Zimmer gehen, das schwöre ich, ich werde all meine Kleidungsstücke ins Wohnzimmer bringen, und damit basta, ich habe dort nichts verloren, soll er doch selbst für sich sorgen, soll er sich doch selbst hassen, statt daß er mich haßt, und am Abend kommt er aus seinem Zimmer, an die Wand gestützt, mager und zitternd, ich sehe wieder nichts, sagt er, wo bist du? Und ich flüstere, ich fühle mich nicht gut, Udi, ich kann dir nicht helfen, und er sagt heiser, du zerbrichst so schnell, es gibt Frauen, die sorgen jahrelang für ihre Ehemänner, und du bist schon nach einem Monat am Ende, plötzlich bist du auch krank, jetzt versuchst du noch, mit mir zu konkurrieren, nachdem du mich krank gemacht hast, und ich gebe keine Antwort, meine Sinne sind stumpf, ich höre seine Worte kaum, lose Silben, die irgendwo im Haus zerplatzen, nur nicht mit nackten Füßen auf die Scherben treten, und auch bei ihm läßt der Ausbruch nach, es war, als hätte eine Katze, die auf der Straße überfahren wird, noch ein paar geschmeidige Sprünge gemacht, aber eigentlich ist sie schon ganz tot, und auch ich, unter ihm begraben, erwarte nichts, nur die Angst haucht manchmal noch den Atem des Lebens in meinen Körper, was wird sein, wenn ich entlassen werde, was wird sein, wenn Noga etwas passiert? S. 156

.... ist sein Schicksal entschieden, und ich denke an Noga in ihrem durchsichtigen Bett, was wäre aus dir geworden, wenn andere Eltern dich mitgenommen hätten, vielleicht hättest du einen Vater bekommen, der dich nicht streitlustig und rachsüchtig hätte fallen lassen, vielleicht eine andere Mütter, d angesteckt hätte, Udi hat recht, das Wissen ist eine lächerliche Illusion, undurchlässige Schleier bedecken die Augen des Menschen. Ich streichle zum Abschied die winzige Hand, da schließen sich plötzlich kleine Finger um meinen großen, unerwartet kräftig, und ein Weinen kommt aus seinem Mund, was möchte er mir sagen, daß er trotzdem bei seiner Mutter bleiben will, die ihn haßt, in kurzer Zeit werde ich die Formulare aus der Tasche ziehen, doch jetzt geht die Schwester mit einer Flasche zu ihm, er hat Hunger, der Arme, sagt sie und hebt ihn hoch, er läßt meinen Finger los, seine Augen sind geschlossen, überhaupt noch nicht aufgegangen, warum habe ich dann das Gefühl, daß er mich anschaut, ich fliehe wie eine Verbrecherin zu Eti, die mich mit geschlossenen Augen erwartet, die Ähnlichkeit zwischen beiden ist wirklich erstaunlich, niemand wird sie übersehen können, wenn sie sich an denselben Plätzen herumtreiben, aber warum sollten sie sich an denselben Plätzen herumtreiben?

Etale, er ist wirklich süß, sage ich, er sieht dir sehr ähnlich, und sie macht eine verächtliche Handbewegung, das interessiert mich nicht, von mir aus kann er dir ähnlich sehen, und ich halte ihr die Formulare hin, ich möchte, daß du sie liest, und sie murrt, laß mich endlich in Ruhe, es ist mir egal, was da drauf steht, ich will ihn nicht, das habe ich dir ja gesagt. Ich bleibe stur, du mußt das lesen, Eti, es ist keine Kleinigkeit, daß du auf ihn verzichtest, du mußt verstehen, was das bedeutet, und sie räsoniert, ich weiß, was das bedeutet, nämlich daß ich euch morgen um diese Zeit los bin. S. 196

Aber du mußt verstehen, daß du keinen Grund hast, zornig auf ihn zu sein, im Gegenteil, du solltest ihm dankbar sein, sagt sie, durch sein Leiden weckt er bei dir Erbarmen und macht dir damit das größte Geschenk, weißt du, in Tibet sagt man, daß der Bettler, der um eine milde Gabe bittet, oder die kranke alte Frau, die Hilfe benötigt, vielleicht nur eine Reinkarnation Buddhas sind und dir in den Weg treten, um dein Erbarmen zu wecken und dir geistigen Wandel zu bringen.

Ich betrachte ihn zweifelnd, ein knochiger Buddha in einem roten Frotteerock, ein Buddha ohne Erleuchtung, der versucht, meinen Blicken auszuweichen, früher haben wir heimliche Blicke des Einverständnisses getauscht und uns zugelächelt, doch nun sind wir einander fremd, als hätten wir uns nie gesehen, zwei Schüler, die sich zufällig bei der gleichen Nachhilfelehrerin treffen und nur durch deren Anwesenheit verbunden werden.

Wie weckt man denn Erbarmen, frage ich, und sie antwortet sofort, auf jede Frage hat sie eine Antwort parat, ohne auch nur einen Moment zu zögern, du solltest versuchen, ihn so zu sehen, wie du dich selbst siehst, nicht in seiner Funktion als Ehemann oder Vater, sondern als freien Menschen, nimm ihn ganz wahr, mit seiner Sehnsucht nach Glück und mit seiner Angst vor Leid. Versuche dir jemanden, den du sehr liebst, in dieser Situation vorzustellen, vielleicht deine Tochter, und überlege, was du ihr gegenüber empfinden würdest, und dann nimm dieses Gefühl und übertrage es auf ihn, aber ich höre schon nicht mehr zu, Gott bewahre, ich möchte mir auf gar keinen Fall Noga in solch einer Situation vorstellen, und Sohara sagt beruhigend, du irrst dich, Na'ama, ein solcher Gedanke kann sie nur befreien und ihr helfen, du verstehst noch immer nicht, wie die Krankheit funktioniert, wie gewaltig und wunderbar sie ist, sie segnet jeden, der an ihr Teil hat, den Menschen, der sie hat, denjenigen, durch dessen Hilfe er sie bekommen hat, und auch denjenigen, gegen den sie gerichtet ist.

Wieder betrachte ich sie erstaunt und mißtrauisch, sie sitzt aufrecht vor uns, reckt den Hals, weil wir beide stehen, ihre eine Hand liegt auf dem Rücken des Babys, ihre Haare bewegen sich im heißen Nachmittagswind, der durch die Balkontür hereindringt, ihre Stimme kommt weich und zitternd aus ihrem Hals, mir ist, als könne ich ihr bis in alle Ewigkeit zuhören. So hatten sicher die besorgten Bewohner Judas den tröstenden und ermutigenden Offenbarungen gelauscht, war es ein Wunder, daß sie den düsteren Propheten zum Schweigen bringen wollten, der ihr Glück mit seinen Drohungen störte, Tochter meines Volkes, hülle dich in Sack und Asche, klage und trauere, denn der Tod dringt durch die Fenster in unsere Schlösser, und mir scheint, als müsse ich es für sie tun, als müsse ich mich mit der Krankheit strafen, und ich versuche mir Noga vorzustellen, wie sie gelähmt im Bett liegt, geschlagen von einer geheimnisvollen Krankheit. Nein, es ist nicht Erbarmen, das in mir aufsteigt, sondern Angst, große Angst, und schon schaue ich auf die Uhr, heute kommt sie früher nach Hause, es ist besser, wenn sie Udi nicht so sieht, weil sie dann sofort kapiert, daß wieder etwas schiefgegangen ist, sie war heute morgen so erleichtert, als sie sah, daß unser verhaßter Alltag zurückgekehrt war, ich muß sie erwischen, bevor sie in die Wohnung kommt, ich kann einen kleinen Spaziergang mit ihr machen, und plötzlich flackert Zweifel in mir auf, wie die Sonne, die im Winter zwischen Wolken aufblitzt und die Landschaft abwechselnd verdunkelt und erhellt, genau so taucht der Zweifel in mir auf und ändert meine Farben, und ich betrachte mißtrauisch die Säckchen, die sie in den Händen hält, sehe, wie sie braune Kügelchen herausnimmt, wie Kotkugeln von winzigen Lebewesen, der Dalai Lama hat diese Kügelchen gesegnet, erzählt sie, und Udi betrachtet sie neugierig. S. 226-228

weiß genau, daß du dich irrst, probiere meinen Weg aus, die Veränderung muß innerhalb der Familie geschehen, gib uns ein paar Monate Zeit, weggehen kannst du immer noch, und er nimmt meine Hand und schiebt sie von sich weg, seine Kaltblütigkeit verläßt ihn, siehst du, warum ich nicht mehr mit dir leben kann, bricht es aus ihm heraus, ich halte deine Herrschsucht nicht aus, nur du weißt, was zu tun ist, du glaubst, daß du immer recht hast und alle anderen sich irren, jetzt fängt er an zu schreien, ja, vielleicht irre ich mich, aber dann ist es wenigstens mein eigener Fehler, und ich werde dafür bezahlen.

Du wirst dafür bezahlen?, schreie ich, ich wünschte, es wäre so, was ist mit mir, was ist mit Noga, du hast doch gar nicht kapiert, was das bedeutet, eine Familie, alle bezahlen den Preis, alle gehören zusammen, du glaubst, man kann das einfach ignorieren? Und er sagt, hör endlich auf, mich zu erziehen, und hör endlich auf, Noga zu mißbrauchen, um mich zu bestrafen, du kannst mich nicht durch Schuldgefühle an dich ketten wie mit Handschellen, ich bin nicht bereit, mein ganzes Leben dieser hungrigen Göttin zu opfern, die Familie heißt, niemand hat was davon, wenn ich leide, ganz bestimmt habt ihr nichts davon, du und Noga. Ich fühle, daß mein Leben in Gefahr ist, fährt er fort, ich muß es retten, woher, glaubst du, kommt diese Krankheit, nichts passiert einfach so, ich bin vor lauter Wut auf dich krank geworden. Weil ich nicht wagte, wütend auf dich zu werden, wurde ich wütend auf mich, ich habe mich bestraft, denn wie ist es möglich, auf eine Heilige, wie du eine bist, wütend zu werden? Ich traue meinen Ohren nicht, auf mich bist du wütend? Du hast noch die Frechheit, wütend auf mich zu sein? Ich habe mein Leben für dich und Noga hingegeben, seit Jahren decke ich deine Versäumnisse, wenn es wahr wäre, daß man aus unterdrückter Wut krank wird, wäre ich längst unter der Erde. S. 254

Über dem dampfenden Topf versuche ich zu erraten, wie lange es wohl noch dauert, bis ich mich von diesem Leben verabschieden kann, das so schwer geworden ist, drückend wie eine Strafe, mit der ich mich abfinden muß, mindestens zehn Jahre, denke ich enttäuscht, bis Noga zwanzig ist, und dann werde ich wieder zornig auf sie, weil ich ihretwegen weiterleben muß, noch eine Nacht und noch eine Nacht ohne Schlaf, ohne sie hätte ich meinen Magen schon mit Tabletten füllen und dieser Qual ein Ende bereiten können, wie kann man leben, wenn einem die Liebe weggenommen wird, das ist es doch, was er tut, er schält mir die Haut seiner Liebe vom Körper, und auch wenn sie nicht immer fühlbar war, so war ihre Existenz doch lebenswichtig, schließlich spüren wir auch nicht die Erdumdrehungen.

Wieder dringt mir der Geruch verbrannter Streichhölzer in die Nase, vielleicht habe ich eines in Nogas Zimmer vergessen, und es geht jetzt in Flammen auf, aber nein, es ist der Brei, der im Topf schon anbrennt, sogar Brei kann ich nicht kochen, ich versuche ihn, er schmeckt ekelhaft schwarz, als wäre er aus Kohle zubereitet, aber es ist mir egal, Hauptsache, mein Bauch füllt sich, ich esse direkt aus dem Topf, ich atme die bitteren Dämpfe, mein ganzer Mund ist eine große Brandwunde, vor lauter Schmerz kann ich den Schmerz nicht fühlen, erst wenn ich aufhöre, werde ich ihn fühlen, aber ich höre nicht auf, ich kratze den Boden sauber, bis schon nichts mehr zum Kratzen da ist, dann gehe ich ins Bett, vielleicht läßt mich das Sättigungsgefühl einschlafen, ich muß schlafen, zögernd tasten meine Hände zwischen meine Beine, vielleicht beruhigt mich das, und ich kann schlafen, aber eine Welle von Übelkeit steigt in mir auf, als ich in das Gewirr meiner Schamhaare greife, eine Art gelocktes Bärtchen, ein haariges, verborgenes Tier, das gekränkt die Lippen verzieht, das gehört ihm, es erinnert mich an ihn, seine Finger, seine Zunge, was habe ich damit zu tun, ich renne zur Toilette, beuge mich über die Kloschüssel und eine heiße Breiwelle bricht aus mir hervor, als spuckte ein Drache demjenigen, der ihn töten will, das Feuer seines Hasses entgegen. S. 264.265

Er wird hier nicht mehr stinken, erzähle ich mit schriller Stimme dem aufgerissenen Mund der Kloschüssel, die sein Wasser immer verschluckt hat, Tag für Tag, Jahr für Jahr, die ihn demütig betrachtet hat, wenn er mit herausgezogenem Glied vor ihr stand und ihren Porzellanrand mit gelblicher Flüssigkeit bespritzte, er wird eine andere Kloschüssel haben, in die er pinkelt, und schon vermischt sich die Kränkung der Kloschüssel mit meiner eigenen, sie lassen sich nicht mehr trennen, die Kränkung des Porzellans, das den Abfluß umgibt, der Scheibe in der Tür, die bei einer der Streitereien zerbrochen ist, des notdürftig mit einem Klebestreifen reparierten Sprungs, der Handtücher, die an den Haken mit den gereckten Hälsen hängen, die Kränkung dieser ganzen verlassenen Wohnung, der Möbel, die ich seit Jahren auswechseln will, der staubigen Teppiche, der zahllosen Gegenstände, nützlichen und überflüssigen, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, und weit, weit über allem ragt die Kränkung Nogas. Wie ein Orchester, das die leiseste Bewegung eines fordernden Dirigenten beobachtet, so schauen wir alle hinüber zu dem dunklen Zimmer, aus dem Brandgeruch kommt, als krümmte sich dort ein sterbender Bär und drohte damit, sich in seinem Schmerz zur vollen Höhe aufzurichten und alles zu zerstören.

Mit fast geschlossenen Augen schiele ich zur Uhr, es ist gerade mal eine Stunde vergangen, seit er das Haus verlassen hat, wenn diese Stunde sich so lange hinzieht, wie lange wird dann die ganze Nacht dauern, die kommenden Nächte, das ganze Leben, ich richte mich mühsam auf, wie werde ich diese Nacht verkürzen, wie werde ich den Schlaf finden, der mich trösten kann, vielleicht hilft eine heiße Dusche, aber der heiße Wasserstrahl erschlägt mich, ich kann kaum auf den Beinen stehen, ich lehne mich schwankend an den Plastikvorhang, wie habe ich es immer genossen, hier im Dunkeln zu duschen, wenn wir miteinander geschlafen hatten, wenn er dann hereinkam, schenkte er mir ein Lächeln, das ich im Dunkeln nicht sehen konnte, ich fühlte es nur mit meiner nackten Haut, und jetzt wasche ich angewidert meinen Körper, diesen Körper, der abgelehnt worden ist, was habe ich mit ihm zu tun, es war Udi, der immer zwischen mir und ihm vermittelt hat, er war es, der ihn geliebt hat, und jetzt, ohne seine Vermittlung, ist er mir fremd geworden, ich weiche sogar davor zurück, ihn einzuseifen, die stachelige Achselhöhle, die sich zur schweren Brust hinuntersenkt, den Bauch, der einmal straff war und jetzt weich geworden ist, die vollen Oberschenkel und das große Grauen zwischen ihnen, und schließlich die platten Füße, breit wie die einer Ente, Füße, die immer zum Streit zwischen ihm und mir geführt haben, weil ich langsam ging und er vorwärts stürmte, ich richte den fast kochendheißen Wasserstrahl auf sie, und sie zucken in die Höhe, wie sie es auf heißem Sand tun, aber das ist mir egal, ihr Schmerz ist nicht meiner, und auch das Brennen gehört zur Kehle, nicht zu mir, und zwischen dem Schmerz ganz unten am Körper und dem oben gibt es nur ein wackliges Gerüst mit rostigen Nägeln, der Schmutz der Erniedrigung, den keine Seife abwaschen kann, wie konnte das passieren, er ist einfach aufgestanden und mit seinem Rucksack weggegangen, als wäre er frei, als wäre ich ein Ort auf einer verstaubten Landkarte, von dem man einfach weggehen kann, ein trockener Wadi, den man besser hinter sich läßt, und er hat alles mitgenommen, was einmal mir gehört hat, alles, von dem ich annahm, es gehöre mir. S. 267-268

Er hat mich damals nicht gesehen, alles hätte ganz anders verlaufen können, alles habe ich selbst verursacht, blind vor Schuldgefühlen, wieso habe ich das Offensichtliche nicht gesehen, ich war sicher, wenn ich ihn erkenne, erkennt er mich auch, ich verstand nicht, daß wir zwei getrennte Geschöpfe waren, daß mein Erleben völlig anders war als seines, obwohl wir Mann und Frau waren. Erschrocken vor der Freiheit, die mich zwischen den Farben heraus anschaute, zog ich es vor, unter dem Terror zu leben, ich zog es vor, den Preis des Terrors zu bezahlen statt den Preis der Freiheit, und deshalb lähmte ich ihn mit meinem unendlichen Zorn. Wie gut wir eigentlich zusammengepaßt haben, wer hätte es besser als er geschafft, mich einzusperren, wer hätte es besser als ich geschafft, seine Schwäche zu ertragen, mit vier fleißigen Händen haben wir uns unser Leben zerstört, in erstaunlicher Harmonie, wahrend Noga uns verwirrt von der Seite aus zusah und jede unserer Handlungen mit ihren traubengrünen Augen verfolgte. Wie habe ich es die ganzen Jahre über genossen, das Unrecht auszubreiten, das er mir antat, ich ermunterte ihn sogar dazu, mich zu verletzen, nur um die volle Intensität seiner reinigenden Kraft zu erleben, ich benutzte Noga, um sein Leben zu verbittern, ich verurteilte ihn, vergrößerte seine Schuld, vergalt seinen Terror mit meinem, versteckt hinter guten Absichten, hör auf, mir Moralpredigten zu halten, sagte er, du bist keine Heilige. Wenn es nur möglich wäre, das Leben von Schuldgefühlen zu befreien, den geheimen, schlauen Beratern aller bösartigen Motive, wenn es nur möglich wäre, nicht unter der Last des Nächsten zusammenzubrechen, sondern jeder für sich aus einer anderen Ecke das Bild zu betrachten! Ich tauche mit dem Kopf unter Wasser, mit offenen Augen, in den Tiefen der Wanne verstecken sich Korallenfelsen, ein unendliches Glück, man braucht den Kopf nicht zu heben, man kann die Lungen boykottieren, die Begierde des Körpers nach dem nächsten Atemzug, das ist die oberste Begierde, stärker als nach einem Mann, nach der Frucht des Leibes, die Begierde zu atmen, ohne etwas anderes dafür zu bekommen, zu leben, um zu atmen, nicht um zu lieben, nicht um Kinder aufzuziehen, nicht um Erfolge zu haben, nicht um hehre Ziele zu verwirklichen. S. 376-377

So also lebt ihr alle, das ist das große Geheimnis des Lebens, das, was Sohara mir zu zeigen versucht hat, so versuchte Udi, sich zu retten, ungerührt lauft ihr alle auf der Überholspur, und nur ich war so stur, alles empfinden zu wollen, mit meinen Plattfüßen den nackten Königsweg zu nehmen, keine Nuance zu mißachten, mich an der infizierten Wurzel des Gefühls aufzureiben, und ich frage mich, was Udi dazu sagen würde, zu meiner neuen, verschlafenen Existenz, zu dieser stillen Rebellion im Reich des Gefühls, ich denke an alles, was ich ihm erzählen könnte, wenn er jetzt bei mir wäre, von dem Baby, das durch meine Schuld weg-gegeben wurde, von dem Tor zum Heim, das hinter mir zugefallen ist, aber natürlich hätte er gar nicht zugehört, denn zwischen uns mündete alles in einen Streit, jeder Fehler von mir bewies, daß er besser war als ich, jede Leistung wurde zum Instrument des Kampfs, nie haben wir uns gegenseitig als selbständige Personen gesehen, mit dem Recht auf ein eigenständiges Leben, alles wurde sofort zurechtgebogen, um in den engen Kreis unserer Verbindung zu passen, wir waren so dicht beieinander, daß wir einander nicht sehen konnten, und trotzdem waren wir auch wieder weit voneinander, er mußte bis Tibet fahren, damit ich das Gefühl hatte, ihm nahe zu sein, und wenn Noga fragt, woran denkst du, Mama, sage ich, ich denke einfach vor mich hin, an nichts Besonderes. S. 383-384

Lesezitate nach Zeruya Shalev - Mann und Frau













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Manuela Haselberger
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