... hineingeschmökert


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Luxus bis zum Abwinken
David Foster Wallace -
Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

er Auftrag, den das Harper - Magazin David Forster Wallace erteilt ist denkbar simpel: er soll an einer siebentägigen Kreuzfahrt auf dem Luxusdampfer Nadir teilnehmen und darüber berichten. Mit anderen Worten: "Junge, lass dich feudal durch die Karibik schippern und schreib einfach auf, was du gesehen hast." Es geht los in Fort Lauderdale und dann wird zügig Kurs Richtung Jamaika eingeschlagen.

Beinahe sieben Tage blauer Himmel, die ersten beiden Regentage nicht mitgezählt - leichte, unveränderliche Programmänderungen müssen auch die Gäste eines Luxusliners verkraften. "Ich habe erfahren, dass jenseits von Ultra-ultra-ultramarineblau noch eine Steigerung möglich ist," und "die Sonne selbst schien auf maximale Annehmlichkeit voreingestellt." Doch schon bald merkt Wallace, dass die ganze Luxusmaschinerie, einmal in Gang gesetzt, zu einem richtigen Stress anwachsen kann.

Jede Minute an Bord ist verplant, das Publikum ist mehrheitlich über siebzig Jahre alt und natürlich orientiert sich das Programm-Angebot an diesen Bedürfnissen. Zugegeben, Wallace mit Mitte dreißig passt nicht so recht zur Zielgruppe, und das permanente Bedientwerden hinterlässt bei ihm ein bohrend schlechtes Gewissen.

In einer bunten Collage sammelt dieser bemerkenswerte amerikanische Autor, der bereits mit seinem ersten Roman "Kleines Mädchen mit komischen roten Haaren" in Deutschland für Aufsehen sorgte, seine ätzend scharfen Beobachtungen. Der Übersetzer Marcus Ingendaay trifft den Originalton haarscharf. Ein kleiner Mangel, der den Lesefluss stört und lästig unterbricht, sind die vielen, zum Teil sehr langen Fußnoten.

In der marebibliothek, die von Denis Scheck im neuen marebuchverlag herausgegeben wird und in der Hauptsache neue Texte zeitgenössischer internationaler Autoren präsentiert, legt David Foster Wallace von Anfang an die Messlatte ziemlich hoch. Die Leser schätzen Qualität, denn von den Zuschauern der Sendung "aspekte" ist David Foster Wallace jedenfalls bereits mit dem "aspekte-Zuschauerpreis" ausgezeichnet worden.

Also, bevor Sie Ihre erste Kreuzfahrt buchen - unbedingt vorher David Foster Wallace lesen. Vielleicht entscheiden Sie sich ganz spontan für die Alpen.
manuela haselberger

David Foster Wallace -
Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich
Originaltitel: »Shipping Out«, ©1997
Übersetzt von Marcus Ingendaay

© 2002, marebibliothek  , 183 S., 18.00 (HC)


          gebunden
          broschiert



... (re)zitiert nach dem Buch

Heute ist Samstag, der 18. März, und ich sitze im überfüllten Coffee-Shop auf dem Flughafen von Fort Lauderdale und versuche, die vier Stunden Wartezeit zwischen dem Auschecken auf dem Kreuzfahrtschiff und meinem Rückflug nach Chicago totzuschlagen, indem ich all das, was ich im Rahmen der soeben abgeschlossenen Reportage gesehen, gehört und getan habe, noch einmal und in hypnotischer Versenkung Revue passieren lasse.

Ich habe sacharinweiße Strände gesehen, Wasser von hellstem Azur. Ich habe einen knallroten Jogginganzug gesehen, mit extrabreiten Revers. Ich habe erfahren, wie Sonnenmilch riecht, wenn sie auf 21.000 Pfund heißes Menschenfleisch verteilt wird. Ich bin in drei Ländern mit "Mään" angeredet worden. Ich habe 500 amerikanischen Leistungsträgern beim Ententanz zugeschaut. Ich habe Sonnenuntergänge erlebt, die aussahen wie nach einer digitalen Bildbearbeitung, und einen tropischen Mond, der am Himmel hing wie eine fette Zitrone - statt des spröden Gesteinsbrockens unter dem gewohnten US -Sternenzelt.

Ich habe mich sogar (wenn auch nur kurz) in eine Conga-Polonaise eingereiht.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich wohl lediglich durch eine Art Peter-Prinzip an den Job gekommen bin. Weil nämlich eine gewisse Edelgazette von der Ostküste der Meinung war, mein erster Auftrag, ein formal nicht näher festgelegtes "Feature" über die gute alte Stare Fair, sei ganz gut gelaufen, haben sie mir diesmal diese superlaue Kreuzfahrt-Geschichte anvertraut, wiederum ohne jeden Hinweis darauf, was genau von mir erwartet wird. Dennoch hat sich für mich persönlich der Druck erhöht; denn betrugen die Spesen für die State-Fair-Story (die Glücks-spiel-Verluste nicht eingerechnet) noch schlappe 27,00 Dollar, so müssen sie hier gleich 3.000 Dollar hinlegen, bevor auch nur eine einzige - womöglich auch noch "packende" - Zeile auf dem Papier steht. Und wann immer ich mich von Bord aus, über Satellitentelefon, bei ihnen melde, versichern sie mir mit der größten Gelassenheit, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen. Mehr kriegt man von diesen Zeitungsleuten nicht zu hören, schon gar kein ehrliches Wort. Alles, was sie wollen, behaupten sie, sei eine persönliche Doku-Postkarte im Breitwandformat. Mit anderen Worten: Junge, lass dich feudal durch die Karibik schippern und schreib einfach auf, was du gesehen hast.

Ich habe jede Menge weißer Ozeanriesen gesehen. Ich habe Schwarme winziger Fische mit fluoreszierenden Flossen gesehen. Ich habe einen dreizehnjährigen Jungen gesehen, der ein Toupet trug. (Die Fluorenz-Fische hielten sich an jeder Anlegestelle bevorzugt zwischen unserer Schiffswand und dem Beton der Kaimauer auf.) Ich habe die Nordküste von Jamaika gesehen. Ich habe die 145 Katzen im Haus von Ernest Hemingway in Kev West, Florida, gesehen (gerochen übrigens auch). Ich kenne inzwischen den Unterschied zwischen einfachem Bingo und Prize-O und weiß, was ein Bingo Multi-Bonus ist. Ich habe Carncorder gesehen, für die man eigentlich einen Kamerawagen gebraucht härte; ich habe Gepäckstücke, Sonnenbrillen und Kneifer in schreienden Neonfarben gesehen, und ich habe festgestellt, dass es über zwanzig verschiedene Marken von Badelatschen gibt. Ich habe Steeldrums gehört und Meeresschneckenbeignets gegessen und war Zeuge, wie eine Frau in Silberlamee einen gläsernen Aufzug von innen flächendeckend vollgekotzt hat. Ich habe im Zweiviertel-Takt von Siebzigerjahre-Disco-Musik den Arm gen Saaldecke gereckt, was ich seinerzeit (1977) ums Verrecken nicht getan hätte.

Ich habe erfahren, dass jenseits von Ultra-ultra-Ultramarinblau noch eine Steigerung möglich ist. Ich habe während dieser einen Woche mehr und vor allem besser gegessen als jemals zuvor in meinem Leben, und während ich dies tat, habe ich am eigenen Leib den Unterschied zwischen "Rollen" und "Stampfen" eines Schiff~ bei schwerer See erlebt. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Alleinunterhalter vor Publikum allen Ernstes sagte: "Okay, jetzt aber Scherz beiseite..." Ich habe blasslila Hosenanzüge gesehen, Sakkos von menstrualem Rosa, braun-violette Trainingsanzüge und weiße Freizeitschuhe, die ohne Socken getragen wurden. An den Blackjack-Tischen habe ich professionelle Kartengeberinnen erlebt, die so wunderschön waren, dass man dort gern den letzten Dollar verzockt hätte. Ich habe erwachsene US-Bürger aus dem gehobenen Mittelstand gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird, ob Skeetschießen im Freien stattfindet, ob die Crew ebenfalls an Bord schläft oder um welche Uhrzeit das Midnight-Buffet eröffnet wird. Ich kenne die feinen cocktailogischen Unterschiede zwischen einem Slippery Nipple und einem Fuzzy Navel. Ich weiß, was ein Coco Inco ist. In einer einzigen Woche war ich 1500 Mal Zielobjekt des berühmten amerikanischen Service-Lächelns. Ich hatte zweimal Sonnenbrand, und zweimal hat sich die Haut geschält. Ich habe auf See Tontauben geschossen. Reicht das? Damals schien es nämlich nicht zu reichen. Ich habe den subtropischen Himmel wie ein schweres Tuch über mir gespürt. Ein Dutzend Mal bin ich zusammengezuckt bei jenem alles durchbebenden Darmwind der Götter, der da heißt Nebelhorn. Ich habe die Grundlagen von Mah-Jong in mich aufgenommen, ein zweitägiges Bridge-Turnier verfolgt (in Teilen), gelernt, wie man eine Rettungsweste über einem Smoking anlegt, und beim Schach gegen ein neunjähriges Mädchen verloren.

(Vielleicht sollte man korrekterweise sagen: Ich habe auf See nach Tontauben geschossen.)

Ich habe mit unterernährten Kindern um den Preis für Halskettchen gefeilscht. Ich kenne jede denkbare Erklärung und Rechtfertigung eines Menschen, der 3.000 Dollar für eine Karibik-Kreuzfahrt ausgibt. Und ich musste mich schon sehr zusammenreißen, als mir ein echter Jamaikaner original jamaikanisches Gras anbot.

Einmal habe ich vom Oberdeck aus gesehen, wie das niagarahafte Schraubenwasser der Steuerbordschraube die aufällige Rückenflosse eines Hammerhais (nehme ich mal an) umspülte.

Ich habe Raggae als Aufzugsmusik gehört - ein Eindruck, für den mir die Worte fehlen. Ich weiß, was es heißt, wenn man vor der eigenen Toilette Angst hat. Ich habe diesen typischen Seemannsgang bekommen und wäre ihn mittlerweile gern wieder los. Ich habe Kaviar gegessen und war mit dem kleinen Jungen neben mir am Tisch einig: Das Zeug schmeckt voll abgeranzt.

Ich weiß jetzt, was sich hinter dem Begriff "Duty Free" verbirgt.

Ich kenne nun die Höchstgeschwindigkeit eines Kreuzfahrtschiffs in Knoten.1 Ich habe viele leckere Sachen gegessen: escargots, Ente, Baked-Alaska, Lachs an Fenchel, einen Pelikan aus Marzipan und ein Omelette mit forensischen Spuren von echten oberitalienischen Trüffeln. Ich habe Leute im Liegestuhl allen Ernstes behaupten hören, es sei ja weniger die Hitze als die enorme Luftfeuchtigkeit. Ich wurde, ganz wie versprochen, von morgens bis abends und nach allen Regeln der schwimmenden Hotellerje verwöhnt. Und in dunklen Stunden habe ich Buch geführt über alle Arten von persistierenden Erythemen, Keratinosen, prämelanomischen Läsionen, Leberflecken, Ekzemen,

1 (was genau ein Knoten ist, weiß ich allerdings immer noch nicht)

Warzen, Zysten, Bierbäuchen, Cellulite-Fällen, Krampfadern und Besenreisern, Collagenunterspritzungen und Silikonimplantaten, misslungenen Kolorationen und Haartransplantationen, die mir unter die Augen kamen. Kurz, ich habe sehr viele fast nackte Leute gesehen, die ich lieber nicht fast nackt gesehen hätte. Ich war streckenweise so übel drauf wie seit der Pubertät nicht mehr und habe beinahe drei Mead-Kladden vollgeschrieben bei dem Versuch, herauszufinden, am wem es denn nun lag, an ihnen oder bloß an mir. Ich habe Freund- und Feindschaften fürs Leben geschlossen. Dem Hotel-Manager des Schiffes etwa, ein Mr. Dermatis, gehört mein ewiger Zorn, deshalb nenne ich ihn von jetzt an nur noch Mr. Dermatitis.2 Mein Kellner hingegen hat sich bei mir die höchste Achtung erworben. Und dem Kabinen-Steward in meinem Abschnitt von Deek 10lBackbord, einer gewissen Petra, war ich am Ende regelrecht verfallen. Petra mit den Grübchen und dem breiten, offnen Gesicht, Petra, angetan wie eine Krankenschwester in raschelndem Weiß, stets eingehüllt

2 Irgendwie hatte er wohl den Eindruck gewonnen, ich sei investigativer Journalist und wollte mich weder Küche noch Brücke noch die Mannschaftsdecks noch sonst etwas sehen lassen. Offizielle Interviews mit Mannschaft oder Servicepersonal waren gleichfalls nicht gestattet. SeIbst in Innenräumen trug er Sonnenbrille und seine Epauletten sowieso, und er telefonierte mir in seinem Büro endlos und auf Griechisch etwas vor, nachdem ich extra auf das Karaoke-Halbfinale in der Rendez-Vous-Lounge verzichtet hatte, nur um ihn zu sprechen. Ich wünsche ihm alles SchIechte.

In eine Wolke jenes norwegischen Zedernduft-Desinfektionsmittels, mit dem sie die Badezimmer wischte, Petra, die mindestens zehnmal am Tag jeden Quadratzentimeter meiner Kabine putzte, dabei aber nie beim eigentlichen Putzen anzutreffen war - ein zauberhaftes Wesen, das zweifellos eine eigene Doku-Postkarte wert wäre.
S. 5-11


Lesezitat nach David Foster Wallace - Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich










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Titel von
David Foster Wallace
 Taschenbuch



Kleines Mädchen mit komischen Haaren.

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 Hardcover



Kleines Mädchen mit komischen Haaren.

© 2001



Kurze Interviews mit fiesen Männern.

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© 21.11.2002
by Manuela Haselberger

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