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Masserberg
Else Buschheuer - Masserberg

ür Mel ist Masserberg gleich bedeutend mit einem Albtraum, in den sie nach den vergangenen Jahren nicht mehr zurückkehren möchte. Doch sie hat ihrem Sohn versprochen, mit ihm zusammen in dieses verhasste Kaff zu fahren.

1984, Mel ist siebzehn Jahre alt und leidet an einer schweren Augenkrankheit. In der DDR gibt es nur eine "Augenheilstätte. Wer hier nicht gesund wurde, wurde nie mehr gesund." So landet der Paradiesvogel Mel mit ihren kurzen Minis und Netzstrümpfen, jung, frech und ganz ohne Respekt vor Autoritäten in dieser Klinik. Angefüllt mit Zynismus versucht sie, die Tortur zu ertragen. "Masserberg wurde ein Zustand."

Wenn da nicht der aus Kuba stammende Arzt Dr. Sanchez wäre, in den sich Mel Hals über Kopf verliebt. Er verschweigt ihr, dass er bereits verheiratet ist. Und so entwickelt sich neben einer schweren Krankheit eine schwere Liebe.

Else Buschheuer, geboren 1965 in der Nähe von Leipzig, die heute den "Kulturweltspiegel" der ARD moderiert und als Wetterfee bei Pro 7 bekannt wurde, liest ihren zweiten Roman in einer bearbeiteten Hörfassung. Auf 3 CDs gibt sie einen scharfen Abriss über das Leben in der ehemaligen DDR. Aus kleinen Alltagsszenen entwickelt sie ein schillerndes gesellschaftliches Panorama. manuela haselberger



Else Buschheuer - Masserberg
© 2001, München, Heyne Hörbuch, 211 min, 20.00 (2 Cassetten)
© 2001, München, Heyne Hörbuch, 211 min, 20.00 (3 CDs)
© 2001, München, Diana, 231 S., 18.00 (gebunden)
© 2002, München, Heyne, 231 S., 8.00 (Taaschenbuch)



  ungekürzte Fassung





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»21. Juni 2000... der heißeste Sommertag in Thüringen seit 1948... über 38 Grad im Schatten.« Der Radiosender verwischt sich, rauscht, verschwindet. »Super Ausflugswetter«, sagt Pit und seine Stimme kippt um. Ei räuspert sich. Er hasst es, wenn seine Stimme umkippt. »Sie können wieder ausmachen, Ludwig.«

Der Chauffeur mit dem semmelblonden Schnurrbart schaltet das Radio aus.
Sie sind seit fünf Stunden unterwegs. Seit einer Stunde stehen sie im Stau. Pit schimpft. »Schei[A9!« Mel legt die Hand auf seinen Arm, aber er schüttelt sie ab, mit einer eckigen, trotzigen Bewegung. An seinem linken Handgelenk trägt er eine klobige Billiguhr mit Taschenrechner. Schwarzes Zottelhaar verdeckt sein Gesicht.

Der Chauffeur fährt die Scheibe runter. Die Klimaanlage faucht. Auf der Gegenfahrhahn pfeifen Autos vorbei.

Seit fünf Stunden versucht Mel, ihre Nervosität zu bekämpfen. Was für eine Schnapsidee! »Wem ich den Filmpreis gewinne«, hatte sie vor einem Monat zu ihrem Sohn gesagt, »dann kannst du dir was wünschen« Sie hatte den Filmpreis gewonnen. Er hatte sich etwas gewünscht. Keine Turnschuhe, keine CD, kein Handy. Sein Wunsch: »Erzähl mir alles. Zeig mir alles. Lass uns hinfahren.«

Pit kaut an den Nägeln. »Idiotisch« fand Martin die Reise bis zum letzten Moment. Martin, der plötzlich nicht mehr sein Vater war. Immer war Martin sein Vater gewesen. Kommst ganz nach deinem Vater, sagten die Leute oft. Den fremdartigen Schimmer der Haut, die klugen Augen, die künstlerische Ader hatten sie beide. Zu seinem Geburtstag hatte Mel Pit die Uhr geschenkt und ihm gesagt, dass er der Sohn eines anderen sei.

Pit würde am liebsten umdrehen, hier mitten auf der Autobahn, Ludwig, dieses semmelblonde Walross, vom Steuer schubsen, durchrasen bis nach Hause. Pit mag Ludwig nicht. Fs ist etwas in der Verbundenheit zwischen Ludwig und seiner Mutter, das ihn ausschließt, etwas nicht Standesgemäf3es, das sich in der Art ausdrückt, wie Ludwig seine Mutter manchmal ansieht durch die große Hornbrille.

Mels Handy klingelt. »Ja? Nein, wir sind noch nicht da, Tom. Wir stehen im Stau. Ja, ich rufe dich nachher an. Nein, keine Termine morgen. Bis später.«

»Wo müssen wir runter?«, fragt Pit.
»Ilmenau.«
»Na toll. llmenau fünfundsechzig Kilometer, steht da hinten.« Pit trommelt an die Fensterscheibe. »Und wie heißt dieses Kaff noch mal, wo wir hinwollen?«
»Masserberg. Dieses Kaff heißt Masserberg.«


Ein siamesischer Zwilling hätte kaum mehr Aufmerksamkeit erregt: links Augenklappe, rechts falsche Wimpern, links Ohrenverband, rechts Kreole, Wangen und Kinn voller Teersalbe. Der Arm im Verband, aber an den Fingern grüne Krallen. Mel war eine Erscheinung. Das Produkt eines modernen Doktor Frankenstein. Den Morgenrock kombinierte sie mit schillernd bunten Strümpfen. Moschusschwaden aus dem lntershop umzüngelten sie, mischten sich in den aseptischen Geruch von Haus IV, betörend und abstoßend zugleich. Ihr Lachen hallte durch die Gänge, mal bollernd, mal schrill, immer unpassend und in jedem Fall zu laut.

Auf ihrem Nachttisch ein Bücherstapel. Daneben ein gerahmtes Schwarzweißfoto. Es zeigte eine Blondine vor einer üppigen Mulattin. Die Hände der Mulattin hielten die Brüste der Blondine von hinten umschlossen, (las Gesicht hatte den Ausdruck eines Sumo-Ringers, der sich anschickt, einen tonnenschweren Gegner auszustemmen. Die samtbraunen, stramm sich abzeichnenden Oberarme rahmten das Blondinengesicht. Unten stand mit enger, steiler Mädchenschrift: Alles Muskeln und Samenstränge -Viktoria.

Die Oberarztvisite, Weiße Wolke genannt, fand nie so recht Zugang zu Mel. Es galt, Knüllbälle aus Papier wegzutreten, Skizzen, Notizen, Abfälle aller Art: Mels ganz private Mauer, ihr antimedizinischer Schutzwall. Meist saß die sonderbare Patientin, das Hohlkreuz durchgedrückt wie eine Weidengerte, vertieft in das Modellieren primärer und sekundärer menschlicher Geschlechtsorgane aus geschmeidig geknetetem Brotteig. Sie hielt ihre halbfertigen Skulpturen hoch konzentriert vors gesunde Auge und schwieg. Wenn sie aber gestört wurde, machte sie eine steile Stirnfalte und antwortete vorlaut.

Chefarzt: »Hatten wir Stuhlgang?«
Mel: »Gemeinsam bedauerlicherweise noch nie.«
Der stiernackige Chefarzt, Leiter der Augenheilstätte Masserberg und Kopf der Weißen Wolke, räusperte sich angewidert. Er mochte Mel nicht. Von Anfang an nicht. Sie war ein Störfaktor. Das ließ er sie spüren, in jeder Geste, mit jedem Wort. Bei sich nannte er sie nur: die schwarze Mahuh.

Mel mochte ihn auch nicht. Diese ungute Mischung aus Dieter-Thomas-Heck-Physiognomie und Parteisächseln, wie es sich kalt und schneidend durch alle sozialen Schichten, durch alle Landstriche zog. Sie nannte ihn bei sich nur: der Marxist-Leninist. Warum kam er und nicht Frau Doktor Sommer? Die Sommer, die eher nach Winter aussah: klein, leicht, anämisch, mit einem schnurgeraden Mittelscheitel und einem lädierten Schneidezahn a la Isabella Rossellini. Die Sommer fand Mel apart. Ihr hatte sie einmal eine ihrer lesbischen Knetplastiken geschenkt. Keine gute Idee. Die Beschenkte errötete tief, dankte artig, fand aber kein Lächeln mehr für Mel, und nie mehr war ihr spitzer kleiner Raubtierzahn zu sehen.

Mels Tag musste früh beginnen, wenn er lang sein sollte. Und er sollte lang sein. Um fünf Uhr morgens, wenn die anderen im Zimmer noch schliefen, begannen Mels Rituale. Um diese Zeit war das Gemeinschaftsbad noch frei. Man konnte in Ruhe duschen, je nach Gusto singend, schnaufend oder gurgelnd. Danach nebelte sie sich mit Moschus ein und studierte, Zentimeter für Zentimeter, ihren sehnigen, fast dünnen Körper, an dem die schweren Brüste wie Geschosse hingen. Sie klebte mit Kittifix die täglich anders lackierten falschen Fingernägel an, die sie schon am Abend zuvor in anatomisch korrekter Reihenfolge auf dem Nachttisch zurechtgelegt hatte. Bunten Fingernagellack gab es nicht zu kaufen. Den mischte sie selber. Aus Nitrolack, Ofenrohrlack, Terpentin, Verdünnung. Stank das Zimmer wie ein Chemielabor in Bitterfeld, dann hagelte es Beschwerden. Der Marxist-Leninist hatte ihr bereits die gelbe Karte gezeigt.

Nun streifte Mel Dessous über, puderte ihr geschundenes Gesicht, schloss mit einem Klick den Strapsgürtel, sah auf den Ruhla-Wecker und stellte sich schlafend.
Wenige Augenblicke später betrat der Nachtdienst das Zimmer, ein Student, der kurz vor Feierabend um sechs Uhr morgens die letzte Amtshandlung in Haus IV zu verrichten hatte. Für ihn der Höhepunkt des Dienstes: eine intramuskuläre Injektion in Mels prallen, in schwarze Spitze gehüllten Arsch.

Er schlug also mit pochendem Herzen die Bettdecke zurück. Der Arsch hob und senkte sich im Rhythmus glaubhaft vorgetäuschten Tiefschlafs. Er schüttelte MeIs Schulter, aber sie knurrte und murrte nur: »Mach schon! Mach mir's endlich, Tiger, aber weck mich nicht!« Also hob er die Kanüle und penetrierte das schon vielfach geschundene Fleisch. Mel erlaubte sich ein leises, fast wohliges Stöhnen und schmiegte sich mit der Unschuld einer Schlafenden an seinen Oberschenkel.

Ihm wurde schwindelig. Nie würde er diesen Körper mit Küssen bedecken dürfen. Nie würde er eine Frau kriegen, die auch nur annähernd war wie diese. Er verschwand hastig. S. 7-11


Lesezitat nach Else Buschheuer - Masserberg










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by Manuela Haselberger

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