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Von den Brennpunkten der Welt
Sebastian Junger - Feuer

ebastian Junger hat sich mit seinem spektakulären Buch "Der Sturm", das ihm in der Verfilmung von Wolfgang Petersen mit George Clooney in der Hauptrolle, Weltruhm einbrachte, in die ersten Reihen der Journalisten geschrieben.

Nun liegen seine Reportagen aus den Krisengebieten der Welt unter dem Titel "Feuer" vor. Und Sebastian Junger begnügt sich nicht mit einer sehr genauen Recherche, die die historischen Ursachen und Gegebenheiten aufs Korn nimmt. Es ist sein persönliches Ziel, wirklich hautnah dabei zu sein. Er spricht mit Kämpfern im Kosovo, begleitet Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz gegen einen Feuersturm in Idaho oder trifft sich mit dem Führer der Nordallianz Massud in Afghanistan.

Lesenswert sind seine Reportagen durch Jungers besondere Verknüpfung menschlicher Schicksale, er nimmt Anteil, doch wahrt er gleichzeitig einen distanzierten Blick, um die Ereignisse richtig bewerten zu können.

Die deutsche Ausgabe des Buches ergänzt das ergreifende "Requiem für einen Krieger". Dies ist Ahmed Schah Massud gewidmet, mit dem Sebastian Junger lange Gespräche führte und der für ihn zu einem Freund wurde. Massud, ein erbitterter Widersacher der Taliban, wurde wenige Tage vor dem Anschlag auf das World Trade Center in New York von Attentätern umgebracht.

Jungers Reportagen von den Brennpunkten der Welt sind mehr als nur schneller Nachrichten - Journalismus, kein Infotainment, sondern fundierte, stilistisch knappe Bestandsaufnahmen, geschrieben mit Sachverstand und Herz. © manuela haselberger


Sebastian Junger - Feuer
Originaltitel: Fire, © 2001
Übersetzt von Wolfgang Müller

© 2002, München, Diana Verlag, 287 S., 20 (HC)




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Einführung
Ich war Ende zwanzig, als ich 1989 in einer Zeitschrift ein Foto von einem Waldbrand sah. Ein halbes Dutzend Feuerwehrmänner, die eine Brandschneise anlegten, machte gerade Pause. Sie trugen feuerresistente Nomex-Hemden, Schutzhelme und Rucksäcke mit ihrer Ausrüstung. Sie standen auf einer kleinen Wiese, stützten sich auf Schaufeln und Hacken und schauten in den brennenden Wald. Vor ihnen ragte eine 90 Meter hohe Flammenwand auf. Die Männer auf dem Foto strahlten etwas aus, das auch ich in meinem Leben wollte - Ehrfurcht, Erschöpfung, Zielstrebigkeit. Ich heftete das Foto an die Wand in meinem Zimmer. Es begleitete mich den ganzen Winter.

Ich machte gerade eine trostlose Zeit durch. Ich lebte in einer düsteren kleinen Wohnung in Somerville, Massachusetts, hatte meinen Job als Kellner geschmissen und hing verschwommenen Vorstellungen von einem Leben als Schriftsteller nach. Das einzig Gute, was ich damals am Laufen hatte, war ein Gelegenheitsjob - eigentlich mehr eine Ausbildung - als Kletterer für eine Baumpflege-Firma. In einer Bar hatte ich einen Typen kennen gelernt, der mir eine riesige Narbe unterhalb seines Knies zeigte. Sie rührte von einem Unfall mit einer Kettensäge her. Er sagte, er würde mir den Job eines Baumkletterers beibringen, wenn ich für ihn arbeitete, wann immer Not am Mann sei. Ich schlug ein. Ich kletterte auf Bäume, die über Häusern, über Garagen, über Telefonleitungen hingen. Ich kletterte auf sechs Meter hohe Bäume, die von meinem Gewicht hin und her schwangen. Ich kletterte auf 150 Jahre alte Bäume, deren Äste so dick waren, dass ich mir vorkam, als hinge ich am Hals eines Elefanten. Manche Bäume musste ich fällen, andere nur beschneiden. Alle jagten mir Angst ein. Ich lernte zu arbeiten, ohne nach unten zu schauen. Ich lernte zu arbeiten, ohne mir allzu viele Gedanken zu machen, was ich da eigentlich tat. Ich lernte, einfach etwas zu tun - ungeachtet dessen, was ich dabei fühlte.

Im Grunde hoffte ich, dass mir die Arbeit einen Job bei der Bekämpfung von Waldbränden bescheren würde. Ich wusste, dass man Kettensägen auch bei Feuern einsetzte - einer der Kerle auf meinem Foto trug so ein Teil über der Schulter. Ich dachte mir, wenn ich mit der Säge im Westen auftauchte, würde ich schon bei einer Crew unterkommen. Bei derart großen Bränden, überlegte ich mir, würden sie bestimmt jeden nehmen, den sie kriegen konnten.

Wie sich herausstellte, eine durch und durch falsche Annahme. Waldbrände waren Naturkatastrophen und sie boten in der Tat Arbeitsmöglichkeiten. Der Konkurrenzkampf um einen Platz in einer Crew war aber hart. Nach ein paar Telefonaten wusste ich, dass ich erst ein paar Jahre in einer Hilfsmannschaft würde arbeiten müssen, um mich sodann für eine Vollzeitstelle als Waldbrandbekämpfer wenigstens bewerben zu können. Und selbst in einer der Hilfsmannschaften kam man sehr schwer unter.
Außerdem brauchte ich eine »fire card«, die man erst bekam, nachdem man einen Lehrgang absolviert hatte, zu dem man jedoch nur zugelassen wurde, wenn man schon für eine der Regierungsbehörden arbeitete, die für Waldbrände zuständig sind. Ich ließ die Idee vom Waldbrandbekämpfer fallen, blieb im Osten und arbeitete weiter in den Bäumen. Mit jedem neuen Auftrag stellte sich heraus, dass der Job als Baumkletterer kaum zu schlagen war. Ich war körperlich topfit. Ich legte meine Höhenangst ab. Ich fing an, gutes Geld zu verdienen. Ich gab meine Angebote ab, vergab die Bodenarbeiten an einen Subunternehmer und besorgte das Klettern selbst. S. 9-10


Feuer
1992

Am Spätnachmittag des 16. Juli 1989 fegte ein trockener Gewittersturm über die Berge nördlich von Boise, Idaho, der die ganze Welt in Brand zu setzen schien. Ein trockener Gewittersturm ist ein Sturm, dessen Regen niemals den Boden erreicht. Aus aufgedunsenen Kumuluswolken fällt das Wasser in langen graziösen, Virga genannten Streifen und verdunstet auf halbem Wege. Die elektrischen Entladungen eines trockenen Gewitters verlieren sich dagegen nicht auf dem Weg zum Boden - sie krachen wie Artilleriefeuer in die Berge. Am 16. Juli 1989 schlugen die Blitze mit einer Frequenz von 100 Einschlägen pro Stunde in die höher gelegenen Kämme des Boise National Forest. Die Blitzdetektoren des Boise Interagency Fire Center registrierten in allen westlichen Bundesstaaten bis zu 1000 Einschläge pro Stunde. Bei Einbruch der Dämmerung loderten nördlich von Boise 110 Brände, kleine, etwa einen halben Hektar große Feuer, die sich schließlich zu einer einzigen unaufhaltsamen, unnahbaren Front zusammenschlossen, die unter dem Namen Lowman Fire bekannt werden sollte.

In den ersten drei Tagen war das Lowman Fire nichts weiter als eins von den hunderten Feuern gewesen, die sich langsam durch die ausgedörrten Wälder Idahos fraßen. Als die Flammen jedoch am 19. Juli gegen 16 Uhr in einem kleinen, östlich der Stadt Lowman gelegenen Ort namens Steep Creek eine Gruppe abgestorbener Bäume erfassten, änderte sich das Feuer dramatisch. Das Holz der zwei Jahre zuvor von einem Sturm entwurzelten Bäume war so trocken, dass es bei der ersten Berührung mit den Flammen explodierte. Das Feuer entwickelte plötzlich eigene Konvektionswinde, die die Hitze blitzartig steigerten, bis das spiralförmig in die Höhe schießende Feuer völlig außer Kontrolle geriet. Die Hitze im Zentrum der Flammen erreichte 1000C. Eine Rauch- und Aschesäule schraubte sich 13 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Die Kraft der Konvektionswinde ließ Bäume der Länge nach aufplatzen.

Das Feuer überquerte den Highway 21 und wälzte sich durch den östlichen Teil der Stadt, wobei es Propangastanks in die Luft jagte und 16 Häuser bis auf die Grundmauern niederbrannte. Die Mannschaft eines Löschzugs, die am Haven Lodge festsaß, kauerte hinter ihrem Fahrzeug, bis sie nach einer Stunde unverletzt, aber halb blind den Flammen entkam. Das Feuer hatte eine kritische Masse erreicht und sog immer neue Nahrung aus der eigenen Hitze, den eigenen Flammen - ein Rückkopplungseffekt, den man als Feuersturm bezeichnet. Angesichts derart gewaltiger Kräfte bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als zu fliehen und auf einen Wetterumschwung zu hoffen.

Genau das taten die Menschen - sie flohen. Genau das tat auch das Wetter - es änderte sich, allerdings erst, als sich nach einem Monat 18000 Hektar Wald in Asche verwandelt hatte.

Drei Jahre später, 1991, als die grünen Schößlinge der Ponderosakiefern schon wieder die Berghänge bedeckten, besuchte ich den Schauplatz des Lowman Fire. Eine Tafel am Straßenrand informierte darüber; dass hier bis Mitte der 90er Jahre acht Millionen Ponderosakiefern und Douglasfichten per Hand neu angepflanzt würden. Außerdem erfuhr ich, dass der Boden mit Enzymen behandelt worden sei, um ihn für Wasser und Mikroorganismen durchlässig zu machen. Noch sah er aus, als wäre er von einer harten, versengten Plastikschicht überzogen. Damit der Untergrund nicht weggespült wurde, hatte man die Hänge mit einem Netz von tausenden verkohlten Baumstämmen überzogen. Auf 11000 Hektar war Gras und schnell wachsendes Bitterkraut eingesät worden. In etwa hundert Jahren, so die Tafel, würde die Landschaft wieder aussehen wie vor dem Brand.

Ich fuhr eine große, durch eine schmerzlich schöne Landschaft führende Schleife von Ketchum, Idaho, um die Sawtooth Mountains herum und dann den South Fork des Payette River entlang hinunter in Richtung Boise. Als ich durch das verbrannte Gebiet des Lowman Fire fuhr, war es später Nachmittag. Die schwarze Stille der toten Täler deprimierte mich. Die westlichen Bundesstaaten steckten inmitten der schlimmsten Dürreperiode des Jahrhunderts, und ich war hier draußen, um mir Waldbrände von der Art anzuschauen, wie sie uns diese Dürre mit hundertprozentiger Sicherheit bald aufs Neue bescheren würde. Mein Plan war es, nach Boise zu fahren, wo sämtliche Brandbekämpfungsmaßnahmen koordiniert wurden. Ich wollte erklären, dass ich Schriftsteller sei, und hoffte, dass sie mich zu einem Feuer mitnähmen.

Ich bog in eine alte Holzfällerstraße ein und schlug auf einer gerodeten Lichtung mein Zelt auf. Es hatte den Anschein, als ob es schnell dunkel werden würde an diesem Abend. Ich bereitete mir auf meinem Campingkocher eine Portion Spaghetti, kroch nach dem Essen in den Schlafsack und lauschte den Geräuschen des verstummenden Wochenendverkehrs auf dem Highway ii. Das Lowman Fire, hatte man mir erzählt, war so heiß gewesen, dass der Highway 21 geschmolzen war. An manchen Stellen könne man noch die Reifenspuren der Löschzüge sehen, die von Boise zum Feuer gerast waren. S. 15-.17

Lesezitate nach Sebastian Junger - Feuer










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Titel von
Sebastian Junger
 Taschenbuch



Der Sturm. Die letzte Fahrt der Andrea Gail.

© 1999

 Hardcover



Der Sturm. Die letzte Fahrt der Andrea Gail.

© 1998

 Audio



Der Sturm. Die letzte Fahrt der Andrea Gail.

© 1999


© 8.5.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de