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Sirenen der Verführung
Robert Greene - Die 24 Gesetze der Verführung

s passiert uns immer wieder, wir kaufen ein Kleidungsstück oder ein Paar Schuhe und daheim wandern diese Trophäen in den Schrank, möglichst ganz hinten, wo sie lange im Dunkeln darauf warten bei einer seltenen Aufräumaktion zu Tage gefördert zu werden und bei ihren Besitzern lediglich ein erstauntes Kopfschütteln hervorrufen. Wer hat uns denn zu diesem hirnrissigen Kauf überredet? Wir selber können einen solchen Unsinn nie im Leben begangen haben. Da muss der gut aussehende Verkäufer seine Hände im Spiel gehabt haben.

Mit genau diesen Verführern beschäftigt sich Robert Greene, der bereits mit seinem außergewöhnlichen Sachbuch "Power" Aufsehen erregte, in seinem neuen Wälzer "Die 24 Gesetze der Verführung". Und er geht der Verführungskunst sehr gründlich auf den Grund.

Was veranlasst Menschen zu irrationalen Taten, wer sind die Verführer, die eine so immense Macht über ihre Mitmenschen ausüben und mit welchem Zauber arbeiten sie? Sehr anschaulich zeigt Green, dass hier keine rohen Kräfte wirken, sondern es geht um "die Kunst der Kriegsführung in Zeiten der Empfindsamkeit."

Hier ist Feingefühl geboten. Zuerst analysiert Green die verschiedenen Grundtypen des Verführers, denn jeder sollte wissen, welches Potenzial er selbst einsetzen kann. Und dann sind die anderen dran. Wie schafft man es nun, die lieben Mitmenschen in seinen Bann zu ziehen und sie zu Taten zu bewegen, die sie sonst nicht zwingend begingen. Und wichtig: Sie sollen es nicht merken, schließlich geht es um die Kapitulation Ihres Willens. Kein sehr leichtes Unterfangen. Immerhin feilen ganze Wirtschaftszweige schon seit langer Zeit in der Werbebranche genau an diesen Techniken. Greene reichert sein opulentes Werk mit einer ungeheuren Fülle historischer Anekdoten, Beispiele und Begebenheiten an.

Die weiteren Besonderheiten von Robert Greens Buch sind allein schon beim Durchblättern spürbar: Eine überaus sorgfältige Ausstattung, die sofort ins Auge springt. Die Vielzahl von Randbemerkungen, meist Zitate, sind, so wie alle Überschriften, gut sichtbar abgetrennt und in blauer Schrift gedruckt. Jeder Beginn eines neuen Kapitels ist kugelförmig auf einer halben Seite gut lesbar, damit der Leser dem Reiz des neuen Abschnitts gern erliegt. Mit Sicherheit ist dies die Handschrift des renommierten New Yorker Buchdesigners Joost Elffers. Es ist ein Ästhet auf der ganzen Linie, der hier am Werk ist.

Lassen Sie sich verführen, denn dass er sein Handwerk perfekt beherrscht, spüren Sie, wenn Sie sein Buch in die Hand nehmen, darin blättern - es kaufen und - wichtig: es nicht bereuen.
© manuela haselberger


Robert Greene - Die 24 Gesetze der Verführung
Originaltitel: The Art of Seduction, © 2001
Übersetzt von Hartmut Schickert

© 2002, München, Hanser Verlag, 557 S., 24.90 (HC)





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Viele von uns glauben, daß die sexuelle Freiheit in den letzten Jahren zugenommen hätte - daß sich zumindest auf diesem Gebiet vieles verändert hat, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Größtenteils ist dies eine Illusion; das Studium der Geschichte zeigt, daß es viele Perioden der Zügellosigkeit gab (das späte Römische Reich, England gegen Ende des 17.Jahrhunderts,Japan im 18.Jahrhundert), die weit über das hinausgingen, was wir heute erleben. Sicher, die Geschlechterrollen verändern sich, doch das haben sie schon immer getan. Die Gesellschaft ist im ständigen Wandel begriffen, doch eines ändert sich nicht: daß die große Mehrheit der Menschen sich dem unterwirft, was - für ihre Zeit und ihre Kultur - als normal gilt. Sie spielen die Rolle, die man ihnen zuweist. Konformität ist eine Konstante, weil Menschen soziale Wesen sind, die ständig einander imitieren. Zu bestimmten historischen Epochen mag es Mode werden, anders zu sein und zu rebellieren, doch wenn viele Menschen nun diese Rolle spielen, ist daran nichts mehr anders oder rebellisch.

Wir sollten uns niemals darüber beklagen, daß die meisten Menschen Sklaven der Konformität sind, denn dadurch eröffnen sich für diejenigen, die bereit sind, ein paar Risiken einzugehen, ungeahnte Möglichkeiten hinsichtlich Macht und Verführung. Dandys hat es in allen Zeiten und Zivilisationen gegeben (Alkibiades im antiken Griechenland, Korechika Ende des 10. Jahrhunderts in Japan), und wo immer sie hinkamen, haben sie es zu ihrem Vorteil genutzt, daß die anderen die Rollen der Konformisten spielten. Der Dandy unterscheidet sich wahrhaftig und echt von anderen Menschen, und zwar in der Erscheinung wie im Verhalten. Da die meisten von uns unter ihrem Mangel an Freiheit leiden, fühlen sie sich zu jenen hingezogen, die flexibler sind und diese Andersartigkeit auch zur Schau stellen.

Dandys verführen im gesellschaftlichen Bereich genauso wie im geschlechtlichen. Gruppen bilden sich um sie herum, ihr Stil wird im großen Maßstab imitiert, ein ganzer Hofstaat verliebt sich in sie. Wenn Sie den Weg des Dandys für Ihre eigenen Zwecke nutzen wollen, müssen Sie daran denken, daß der Dandy von Natur aus ein seltenes, schönes Gewächs ist. Unterstreichen Sie Ihre Andersartigkeit auf eindringliche, aber ästhetische Weise, seien Sie niemals vulgär; setzen Sie sich über gegenwärtige Trends und Moden hinweg, schlagen Sie eine ganz neue Richtung ein und geben Sie sich extrem desinteressiert an allem, was die anderen tun. Die meisten Menschen sind unsicher; sie werden sich fragen, was Sie vorhaben, und nach und nach kommen sie dahin, Sie zu bewundern und zu imitieren, weil Ihre Art so viel Selbstvertrauen ausstrahlt.

Traditionellerweise wurde der Dandy über seine Kleidung definiert, und sicherlich bestechen die meisten Dandys auch heute noch durch ihr einzigartiges Erscheinungsbild. Beau Brummell, der berühmteste aller Dandys, brauchte Stunden für seine Toilette, vor allem für die unnachahmliche Art und Weise, wie er seine Halstücher arrangierte, wofür er im England des beginnenden 19.Jahrhunderts überall berühmt war. Doch das Wesen eines Dandys darf nicht vordergründig sein, denn S. 78


Im Oktober 1925 begeisterte sich die Pariser Gesellschaft für die Eröffnung der Revue Nègre - wie überhaupt alles, was aus dem schwarzen Amerika kam, der letzte Schrei war. Die Tänzer und Sänger vom Broadway, die in der Revue Nègre auftraten, waren allesamt Afro-Amerikaner. Bei der Eröffnungsvorstellung war der Saal mit Künstlern und Mitgliedern der vornehmen Gesellschaft gesteckt voll. Die Show war spektakulär, wie nicht anders zu erwarten, doch die letzte Nummer übertraf alles. Vorgeführt wurde sie von einer langbeinigen jungen Frau, die etwas eckig wirkte, aber dafür ein ausgesprochen hübsches Gesicht hatte: Josephine Baker, ein knapp zwanzigjähriges Chor-Girl aus East St. Louis. Barbusig betrat sie die Bühne; sie trug nur ein Federröckchen über einem Satin-Slip und weitere Federn um Hals und Knöchel. Während ihrer Nummer, dem "Danse Sauvage", waren alle Augen nur auf sie gerichtet, obwohl sie nicht die einzige Federbekleidete auf der Bühne war. Ihr gesamter Körper schien vor Leben nur so zu sprühen, wie es noch niemand zuvor gesehen hatte, ihre Beine bewegte sie mit der Geschmeidigkeit einer Katze, und ihren Po konnte sie auf eine Weise rotieren lasen, daß ein Kritiker sie mit einem Kolibri verglich. Im Verlauf des Tanzes wurde sie immer besessener, die ekstatischen Reaktionen der Menge schienen ihr immer mehr Energie zu geben. Und dann war da ihr Gesichtsausdruck: Das alles machte ihr so viel Spaß, sie strahlte reine Freude aus, daß ihr eindeutig erotischer Tanz etwas seltsam Unschuldiges, ja leicht Komisches bekam.

Schon am folgenden Tag hatte es sich herumgesprochen: Ein neuer Star war geboren. Josephines Nummer wurde zum Herzstück der Revue Nègre, und Paris lag ihr zu Füßen. Binnen eines Jahres sah man überall ihr Gesicht auf Plakaten; es gab Josephine-Baker-Parfüms, -Puppen, -Kleider; modebewußte Französinnen klebten sich ihr Haar "à la Baker" an den Kopf - mit Hilfe eines Produktes namens Bakerfix. Sie versuchten sogar, einen dunkleren Teint zu bekommen.

Dieser plötzliche Ruhm schien ganz unglaublich, denn nur wenige Jahre zuvor war Josephine noch ein junges Mädchen gewesen, das in East St. Louis aufwuchs, einem der schlimmsten Slums von ganz Amerika. S. 93


Die Jagd vorbereiten
In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts lebte in Paris der junge Vicomte deValmont, ein berüchtigter Libertin, der zahllose junge Damen ruinierte und mit großem Raffinement die Frauen illustrer Aristokraten verführte. Doch nach einer gewissen Zeit wurde ihm das langweilig, weil sich alles zu wiederholen begann und der Erfolg ihm einfach zu leicht fiel. Deshalb beschloß er in einem schwülen, ereignislosen August, Paris für eine Weile den Rücken zu kehren und seine Tante auf ihrem Schloß in der Provinz zu besuchen. Dort entsprach das Leben nicht ganz dem, was er gewohnt war - Spaziergänge, Schwätzchen mit dem örtlichen Vikar, Kartenspiele. Seine Freunde in der Stadt, vor allem seine gleichfalls der Libertinage huldigende vertraute Marquise de Merteuil, erwarteten ihn bald zurück.

Das Schloß beherbergte noch weitere Gäste, unter anderem Madame de Tourvel, eine zweiundzwanzigjährige Frau, deren Gatten die Pflicht vorübergehend an einen anderen Ort gerufen hatte. Schmachtend wartete Madame im Schloß auf seine Rückkehr. Valmont kannte sie bereits; sie war alles andere als häßlich, doch ihr eilte der Ruf voraus, prüde und ihrem Gatten extrem ergeben zu sein. Eine Hofdame war sie ganz und gar nicht. Sie kleidete sich geschmacklos (ständig bedeckte sie ihren Hals mit garstigen Krauskragen), und ihrer Konversation fehlte es an Esprit. Aus irgendeinem Grund jedoch sah Valmont jetzt, weit weg von Paris, sie in anderem Licht. Er ging mit ihr in die Kapelle, in der sie jeden Morgen betete. Er beobachtete sie beim Diner oder beim Kartenspiel. Im Gegensatz zu den Damen von Paris schien sie sich ihrer Reize nicht bewußt zu sein; das erregte ihn. Wegen der Hitze trug sie ein einfaches Leinenkleid, das ihre Figur bestens zur Geltung brachte. Und ihr Haar, das entgegen der Mode immer in leichter Unordnung war, ließ ihn ans Schlafzimmer denken. Und dann ihr Gesicht - nie zuvor hatte er bemerkt, wie ausdrucksvoll es war. Ihre Züge erstrahlten, wenn sie einem Bettler ein Almosen gab; beim leisesten Kompliment errötete sie. Sie war so natürlich und so selbstvergessen. Und wenn sie von ihrem Gatten sprach oder von religiösen Dingen, konnte er spüren, wie tief ihre Gefühle waren. Wenn man ein so leidenschaftliches Wesen doch nur zu einer Affäre verführen könnte ...

Sehr zur Freude seiner Tante, die keine Ahnung vom wahren Grund hatte, verlängerte Valmont seinen Aufenthalt im Schloß. Der Marquise de Merteuil schrieb er einen Brief, in dem er seine neuen Pläne enthüllte, Madame de Tourvel zu verführen. Die Marquise war fassungslos. Dieses prüde Geschöpf wollte er verführen ? S. 216


Schlüsselelemente
Unser ganzes Leben lang müssen wir andere Menschen überreden - sie verführen. Einige werden für unser Ansinnen relativ offen sein, wenn vielleicht auch nur auf subtile Weise, während andere für unseren Charme absolut unempfänglich sind. Vielleicht empfinden wir das als ein Geheimnis, das wir niemals ergründen können, doch dies wäre eine ineffektive Weise, zu leben. Verführer - sexuelle wie soziale - nehmen die Dinge lieber wie sie sind. So oft wie möglich gehen sie auf Menschen zu, die in irgendeiner Weise empfänglich zu sein scheinen, meiden aber jene, bei denen sie nichts bewegen können. Menschen in Ruhe zu lassen, die sich vor Ihnen verschließen, ist eine kluge Entscheidung; man kann einfach nicht alle verführen. Andererseits müssen Sie aktiv die Beute jagen, die auf die richtige Weise reagiert. Das macht Ihre Verführungen angenehmer und befriedigender.

Wie erkennen Sie Ihre Opfer? An den Reaktionen Ihnen gegenüber.

Dabei sollten Sie nicht so sehr auf ihre bewußten Reaktionen achten - eine Person, die Ihnen offensichtlich zu gefallen versucht, spielt wahrscheinlich nur mit Ihrer Eitelkeit und will etwas von Ihnen. Richten Sie Ihr Augenmerk lieber auf die Reaktionen, die sich der bewußten Steuerung entziehen - ein leichtes Erröten, ein unfreiwilliges Nachahmen einer Geste ein ungewöhnliches Zurückscheuen, vielleicht sogar einen Anflug von Ärger oder Ablehnung. All das zeigt, daß Sie Wirkung zeigen, daß diese Person sich Ihren Einflüssen öffnen wird.

Wie Valmont können auch Sie das richtige Opfer daran erkennen, welche Wirkung es auf Sie hat. Vielleicht fühlen Sie sich in seiner Gegenwart etwas unbehaglich - möglicherweise rührt es an ein tief verwurzeltes Kindheitsideal oder es repräsentiert eine Art persönliches Tabu, das Sie erregt, oder es suggeriert diejenige Person, die Sie Ihrer Vorstellung nach wären, wenn sie dem anderen Geschlecht angehörten. Wenn ein Mensch eine so tiefgreifende Wirkung auf Sie hat, wird das alle Ihre nachfolgenden Manöver transformieren. Ihre Mimik und Gestik werden lebhafter. Sie haben mehr Energie. Wenn das Opfer Widerstand leistet (was ein gutes Opfer tun sollte), werden Sie im Gegenzug noch kreativer, noch motivierter, den Widerstand zu überwinden. Wie ein gutes Theaterstück nimmt dann die Verführung ihren Lauf. Ihr starkes Verlangen wird die Zielperson anstecken und ihr das gefährliche Gefühl geben, daß sie Macht über Sie hat. Selbstverständlich behalten letztlich Sie die Kontrolle, da Sie im richtigen Moment Ihr Opfer emotionalisieren - mal in diese, mal in jene Richtung. Gute Verführer wählen sich Opfer, die sie inspirieren, wissen aber zugleich, wann und wie sie sich Beschränkungen auferlegen müssen.

Laufen Sie nie ins offene Messer der ersten Person, die Sie zu mögen scheint. Das hat nichts mit Verführung zu tun, sondern nur mit Unsicherheit. Die Eigenschaft, die Sie anzieht, wird nur ein unbedeutendes Anhängsel sein, und das Interesse wird auf beiden Seiten bald erlahmen. Halten Sie nach Typen Ausschau, die Sie zuvor noch nicht in Erwägung gezogen haben - dort werden Sie die Herausforderung und das Abenteuer finden S. 218

Lesezitate nach Robert Greene - Die 24 Gesetze der Verführung










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Titel von
Robert Greene
 Taschenbuch



Power.
Die 48 Gesetze der Macht.


Ein Joost- Elffers- Buch.
© 2001

 Hardcover



Power.
Die 48 Gesetze der Macht.


Ein Joost- Elffers- Buch.
© 1999


© 2.6.2002 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de