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Übung:

Wir trennen eine Woche den Müll nicht, werfen alles in eine durchsichtig, Tüte, warten, bis möglichst viele Leute im Hof sind, und werfen die Tüte unter Anteilnahme der Hausgemeinschaft in die gelbe Tonne. Anschließend werfen wir noch zweihundert alte Batterien nach und einen vom Vormieter übernommenen und längst abgestorbenen Ficus Benjamini. Dann tauschen wir die Aufkleber "Weißglas" und "Grünglas" auf den öffentlichen Glascontainern aus und gehen zurück in unsere Wohnung.


Lesezitat nach Florian Illies - Anleitung zum Unschuldigsein


Schlechtes Gewissen?
Florian Illies - Anleitung zum Unschuldigsein

igentlich gibt es doch gar keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Während wir entspannt durch den Wald joggen, denken wir daran, wie gesund wir uns ernähren, dass wir unsere Kinder nach den neuesten pädagogischen Lehrbüchern erziehen und anschließend schwingen wir uns aufs Rad, um gut gelaunt zur Arbeit zu radeln. Aber ehrlich, wann sind Sie zum letzten Mal gejoggt?

Florian Illies, Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, landete mit seinem ersten Buch "Generation Golf" einen Bestseller. Nun geht er dem weit verbreiteten gesellschaftlichen Phänomen "schlechtes Gewissen" auf den Grund.

Und er weist seinen Leser äußerst eindrücklich nach, wo sich ihr schlechtes Gewissen versteckt: die Fallen finden sich bei der Mülltrennung, beim letzten Abendessen in einer Fastfood-Kette und dem so häufig verschobenen Kontrollbesuch beim Zahnarzt. Diese Liste ließe sich leicht mit der seit Wochen fälligen Steuererklärung fortsetzen. Es ist kaum zu glauben, wie viele Möglichkeiten es gibt und wie leicht es ist, ein schlechtes Gewissen zu haben.

Doch Illies überlässt seine Leser am Ende eines Kapitels nicht zerknirscht sich selbst. Mit aufmunternden Übungen, die ein für alle Mal Schluss machen mit den inneren Unbehaglichkeiten, baut er sie wieder auf: "Wir schneiden aus einem Lehrbuch für Zahnmedizin die übelsten Farbfotos von Parodontose oder Zahnfäule aus und kleben diese über die Etiketten des Nutella - Glases und der Colaflasche."

"Anleitung zum Unschuldigsein" ist eine humorvolle Bestandsaufnahme heutiger Realität und nur zu oft schmunzelt und nickt der Leser zustimmend bei dieser vergnüglichen Lektüre, die mit leichter Hand geschrieben ist. © manuela haselberger


Florian Illies - Anleitung zum Unschuldigsein
© 2001, Berlin, Argon, 224 S., 17.50
© 2002, Frankfurt, Fischer , 256 S.,   9.00

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Fortsetzung des Lesezitats ...

Das Leben könnte so schön sein. Wenn ich nicht jedes Mal innerlich zusammenzucken würde, wenn ich eine Bananenschale in den Papierkorb werfe und einen Joghurtbecher, ohne ihn auszuwaschen, in die gelbe Tonne stecke, Wer wirklich weiß, ob eine ausgespülte Feinwaschmittelplastikflasche in den gelben Sack gehört oder in den klassischen Müll, der als Restmüll inzwischen ein genauso kümmerliches Dasein fristet wie Restjugoslawien, muss ein Proseminar in Abfallwirtschaft absolviert haben. Alle anderen werden auch künftig, selbst bei kurz aufflackerndem schlechten Gewissen, immer mal ein Bananenschalchen und ein Joghurtbecherchen zu viel in den Restmüll werfen, damit es sich für die Müllabfuhr überhaupt noch lohnt, die schwarzen Tonnen zu leeren. Was waren das doch für wunderbare Zeiten, als man noch alles und jedes gedankenlos in die Mülltüte und dann in die schwarze Tonne stecken durfte, von einer Sache mal abgesehen - "Keine heiße Asche einfüllen" hieß der warnende Aufkleber -, aber die Zeiten, als man mit heißer Asche auf dem Schäufelchen zur Mülltonne ging, müssten eigentlich beendet gewesen sein, bevor es überhaupt die ersten Aufkleber gab. Und auch die sechshundert verbliebenen deutschen Kohleheizer dürften wissen, dass Glut in Plastik nicht ideal aufgehoben ist. Insofern handelt es sich bei den in millionenfacher Auflage hergestellten Aufklebern wahrscheinlich um eine weitere Marktlücke, die erneut jener Aufkleberhersteller besetzt, der sich auch die "Atomkraft, nein danke"- und "Ein Herz für Kinder"-Aufkleber ausgedacht hat. Der Produzent wusste, dass der Deutsche an sich eine Liebe zu Warnhinweisen besitzt, außerdem wusste er, dass es ihn freut, wenn Verbote aufgestellt werden, die er ohnehin nie verletzen will. Da war es dann letztlich nur Zufall, dass auf den Aufklebern "Keine heiße Asche einfüllen" steht. Es hätte auch darauf stehen können "Keinen kalten Kaffee einfüllen" beziehungsweise "Ein Herz für Restmüll".

Weil inzwischen also weder heiße Asche noch irgendwelcher anderer Müll in die schwarzen Tonnen gefüllt wird, stattdessen für jede Abfallform eine eigene Tonne mit spezieller Farbe erfunden wurde, hat der wahrscheinlich total verzweifelte Schwarze-Tonnen-Hersteller eine Vorrichtung entwickelt, die nur noch die halbe Tonne nutzbar macht, wenn man sie von oben einhängt, und man muss, zumindest bei uns, weniger Müllabfuhrgebühren zahlen. Aber alles Mitleid mit der leeren schwarzen Tonne schützt uns nicht vor unseren Schuldgefühlen, wenn es in unserer Küche in unserem normalen Mülleimer sehr voll, in der blauen und grünen Tonne sowie dem gelben Sack hingegen auch nach zwei Monaten noch immer sehr leer aussieht. Wenn ich nicht immer wieder überraschte ausländische Besucher mit den vier verschiedenfarbigen Mülltonnen unter der Spüle und im Innenhof begeistern könnte, hätte ich wahrscheinlich schon längst dem ganzen Firlefanz ein Ende bereitet. Und diese ausländischen Besucher ahnen auch nicht, was es in Deutschland für eine Mutprobe darstellt, nach den vier grünen Flaschen auch die eine weiße Flasche in den Container für grüne Flaschen zu werfen, weil man zu faul ist, für die eine Flasche zum Weißglascontainer auf die andere Straßenseite zu gehen.

Seit 1993, dem Jahr, in dem sich Gerhard von Hillu Schröder trennte, sammeln die deutschen Verbraucher, wie man uns Müllerzeuger nennt, getrennt. Und diese Zeit hat vollkommen ausgereicht, um Menschen, die ihren Müll ungetrennt müllen, gesellschaftlich zu ächten. So schwächlich sind heutzutage alle Moralgebäude geworden, dass sich jede noch so seltsame Vorschrift in wenigen Jahren zur verbindlichen Norm entwickeln kann. Die Bösen sind demzufolge die, die ihre durchsichtigen Tüten nachts in den Eimer werfen, damit niemand sieht, dass darin Gurkenschalen, Joghurtbecher und Plastikfolien unrechtmäßig vereint sind. Wie lange diese Terrorisierung des Verbrauchers durch die Mülltrennung bereits geplant war, lässt sich an der Tatsache beweisen, dass seit der Nachkriegszeit in Deutschland ausschließlich durchsichtige Mülltüten angeboten werden. Das ist an und für sich unsinnig, denn man würde ja eigentlich sehr gerne darauf verzichten, beim Runtertragen des MülIs noch einmal zu sehen, wie viele abgelaufene Joghurts man in der letzten Woche ungegessen wegwerfen musste und wie sich eine verfaulte Tomate innerhalb einer Woche farblich verändert. Erst mit der Einführung des grünen Punktes zeigte sich nun das Ziel dieser von langer Hand geplanten Kampagne zur Transparenz des Verbrauchers. Was sich da harmlos Duales System Deutschland nennt, ist in Wahrheit die Kombination aus Gesinnungsterror und Überwachungsstaat, Big Brother in der Abfallwirtschaft. Die Melodie geht so: Wo man nicht Müll trennt, da lass dich niemals nieder, nur gute Menschen trennen immer wieder. Das Ganze könnte ökologisch ziemlich sinnvoll sein, und es gäbe also einen guten Grund, ein gehöriges schlechtes Gewissen zu haben, aber, ob es letztendlich wirklich umweltschonend ist, können noch nicht einmal die Umweltschützer sagen. Bis es so weit ist, stellt sich das deutsche Volk aber offenbar sehr gerne weiter als Versuchspersonal zur Verfügung. In keinem anderen Land fände man wohl Verbraucher wie uns, die sich durch ihr schlechtes Gewissen so perfekt zu irgendwelchen komplizierten täglichen Tätigkeiten zwingen ließen. Wie war das jetzt noch mal gleich mit den Milchtüten? Auswaschen und dann in die blaue Tonne? Oder ist doch eine Spur Plastik in der Innenbeschichtung drin, und es gehört in die gelbe Tonne, oder gehört es wegen des bloß 0,5-prozentigen Plastikanteils nicht vielleicht doch in die schwarze Tonne, denn da muss ja auch mal irgendwann etwas rein? Und was mache ich jetzt mit der Zellophanverpackung um den Dallmayr Prodoma-Kaffee, gelb oder schwarz? Und sind Zitronenschalen wirklich etwas für den Bioabfall, angeblich sind sie doch inzwischen so stark gespritzt, dass sie mehr aus lnsektenvernichtungsmitteln als aus Zitrone bestehen? Zitronenschalen vielleicht auch der Farbe wegen lieber doch gleich in den gelben Sack? Und gab es nicht für Flaschenkorken früher eigene Müllsäckchen, und wohin wirft man eigentlich kaputte Glühbirnen? Das sind so die Gedanken, denen ich tagtäglich nach hänge, und da nur die gelben Säcke und Tonnen eine lange Liste von den Sachen draufstehen haben, die reinsollen, bin ich jeden neuen Tag so ratlos wie zuvor. Besonders dumm ist, dass man das Schuldbewusstsein eben nicht dadurch mindern kann, dass man die langen Listen auf den gelben Säcken liest - denn dort steht zwar, was reinsoll, aber dort gibt es genauso eine Liste mit dem, was nicht reindarf. Spätestens eine Stunde später habe ich vergessen, was auf welcher Liste stand, und ich kann mich nur noch erinnern, dass Feinwaschmittelflaschen auf einer der Listen des gelben Sacks standen, nur, ob auf der guten oder auf der bösen, das weiß ich nicht mehr. Meinen täglichen gedanklichen Aufwand würde ich mit 3,2 Minuten berechnen, wenn man das mal hochrechnet auf achtzig Millionen Müll machende Deutsche, dann könnte man (manche können so etwas ausrechnen) wahrscheinlich erklären, dass Deutschland täglich insgesamt vier Jahre lang über die Mülltrennung nachdenkt oder dass man mit der Gedankenzeit, die sich Deutschland täglich über das Mülltrennen macht, rechnete man dies auf die Arbeitskraft um, in zehn Minuten einen Castortransport von München nach Gorleben tragen könnte, inklusive polizeilicher Bewachung.

Das Problem bei der Mülltrennung also ist, dass diese teure Form der Müllsortierung eventuell ökologisch sinnvoll, in jedem Fall aber wirtschaftlich unsinnig ist. Das Duale System nahm bislang über vier Milliarden Mark an Lizenzgebühren ein, die der Verbraucher zu zahlen hatte - für sein Grünes-Punkt-Gewissen. Das eigentliche Ziel jedoch, die Müllmenge zu verringern, ist nicht erreicht worden. Selbst der Bund für Naturschutz kritisierte das Verfahren: "Das Vermeiden von Müll ist in den Hintergrund getreten und das schlechte Gewissen durch das Aufstellen vieler verschiedener Eimer beruhigt." Das Duale System Deutschland ist demzufolge wahrscheinlich nichts anderes als der erste Versuch, Sigmund Freuds Psychologie im Grundgesetz zu verankern.

Das Schuldgefühl, sagt Freud, ist das wichtigste Problem der Kulturentwicklung: Die Regulation sozialen Verhaltens (Kultur oder Abfallwirtschaft) liegt demnach in den Händen des Über-Ichs (des Gewissens und des grünen Punktes) - dieses bedient sich dabei der Mittel des Schuldgefühls. Und schon braucht man vier Mülleimer. S. 13-18

Lesezitate nach Florian Illies - Anleitung zum Unschuldigsein













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© 6.10.2001 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de