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IN EINER Herbstnacht des Jahres 1787 erwachte die junge Anna Maria Gräfin Pachta von einem furchtbaren Traum. Erregt, mit klopfendem Herzen, starrte sie gegen die dunkle Holzdecke des kleinen Zimmers, das sie erst seit einigen Wochen bewohnte. Es war eines der Zimmer des Damenstifts auf dem Hradschin, das die Kaiserin Maria Theresia für ausgewählte Töchter es böhmischen Adels eingerichtet hatte. S. 7

Hier in Prag würde er für die Oper hundert Dukaten erhalten, das war nicht viel, wenn man bedachte, daß eine mittelmäßige Sängerin, die sich des Abends vor den tauben Salzburger Erzbischof stellte, um ihm sein verstopftes Gehör mit drei Arien durchzublasen, dafür fünfzig Dukaten erhielt, fünfzig Dukaten, Cdr eine Arienerleichterung im Allerheiligsten!

Niemand sprach mit ihm von der Musik, da Ponte nie, der redete nur über den Text, Guardasoni erst recht nicht, der dachte nur daran, wie er die Sängerinnen auf der Bühne festschrauben konnte, und die Sängerinnen am allerwenigsten, denn die hatten nur die Arien ihrer Gegenspielerinnen im Kopf, um sie durchzuzählen nach der Anzahl von Worten und Takten. Und wenn von der Musik einmal die Rede war, dann hieß es, sie sei virtuos oder gefällig oder ganz zauberhaft, mit solchen Worten konnte er bereits die Zimmer tapezieren, schon morgens zum Frühstück rief der Wirt des Etablissements ''Zu den drei Löwen": Maestro, einen guten Morgen, sicher haben Sie wieder etwas Zauberhaftes ersonnen, in der Nacht, und bringen es heute schnell aufs Papier!

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Lesezitat nach Hanns-Josef Ortheil - Die Nacht des Don Juan


Bookinists Buchtipp zu


Lo und Lu

von Hanns-Josef Ortheil




Don Giovanni und seine Meister
Hanns-Josef Ortheil - Die Nacht des Don Juan

Mit "Die Nacht des Don Juan" schließt der Stuttgarter Autor Hanns-Josef Ortheil seine "Trilogie der Künste" ab. Begonnen hat er sie mit den vielbeachteten und hochgelobten historischen Romanen "Faustinas Küsse "und "Im Licht der Lagune".

Man schreibt das Jahr 1786 in Prag, als dort drei ganz besondere Männer aufeinander treffen. Mozart ist mit seiner schwangeren Frau Constanze angereist und arbeitet mühsam an den letzten Kompositionen zu Don Giovanni. Noch hat die Oper den Arbeitstitel "Don Juan". Für das Libretto ist Lorenzo da Ponte zuständig. Doch er, ein Mann, der von Genuss und sinnlichen Freuden nur wenig Ahnung besitzt, begreift die Rolle des Don Juan nicht weiter als auf dem Niveau einer Posse des Puppentheaters. So fehlt auch Mozart noch der richtige Schwung in seiner Musik.

Das ändert sich schlagartig, als Casanova für einige Wochen Gast des Grafen Pachta wird. Wenn er nicht Bescheid weiß über die Rolle des Don Juan, wer dann?

Der begnadete Lebemann und Frauenheld ist bereits in die Jahre gekommen, doch zielstrebig nimmt er mit einigen geschickten Intrigen Herrn da Ponte das Konzept aus der Hand. "Jetzt aber, jetzt brauchte er sich nicht mehr anzulehnen an eine fremde Erzählung, jetzt war er sein eigener Autor! Ja, richtig, im Grunde war sein Leben der schönste und packendste Stoff, packender als alle künstlich erfundenen Geschichten, ein großer Roman, der vor zweiundsechzig Jahren in Venedig begann."

Und mit Casanovas Hilfe, gelingt Mozart seine überwältigende Oper.

Jeder der Männer interpretiert die Rolle des Don Juan für sich ein wenig anders, doch das Geheimnis des Erfolgs des großen Verführers wird von den Frauen, der Ehefrau Mozarts, Constanze, der Sängerin Josepha Duschek und der jungen Gräfin Pachta bewahrt.

"Die Nacht des Don Juan" ist ein großartiger historischer Roman, der sich selbst als Oper inszeniert. Überströmende Sinnlichkeit gepaart mit einer wunderbaren Musikalität – mehr davon bitte.


Hanns-Josef Ortheil - Die Nacht des Don Juan
2000, München, Luchterhand Verlag, 379 S., 21.50 € (HC)
2002, München, btb/Goldmann Verlag, 379 S., 10.00 € (TB)


 


Fortsetzung des Lesezitats ...

So einer stellte sich vor, er, seine Magnifizenz, träume die Noten und spucke sie am Morgen, frisch geträumt, wieder aus. Sie ahnten nicht, was ihm durch den Kopf ging, sie wußten nicht Im geringsten, welche Gedanken, Klänge und Bilder zusammenkommen mußten, damit etwas gelang. Nur der von heute morgen, Signor Giacomo, der hatte mehr von der Sache verstanden. Schließlich besaß er aber auch eine andere Statur als all die anderen, stolz, groß, einem Textkrämer wie da Ponte weit überlegen! S. 108

Für sein Leben gern aß er in Prag jetzt Fasan! Und das um so lieber, als sie ihm erklärt hatte, sich zurückziehen zu wollen, so darf er in Ruhe allein speisen könne, um sich einzustimmen auf seine Arbeit.

In Prag nur Fasan, als Galan, im Grunde gehörte so ein Wortwitz auch in die Oper, aber davon verstand Herr da Ponte rein gar nichts, nichts von der Galanterie und erst recht nichts von der Fasanerie. Man müßte Herrn Casanova fragen, was er davon hielte, von einem Fasan, mittendrin, mittendurch und entzwei, mitten im Stück. Man müßte ihn fragen, ob Don Juan so ein Fasan wohl munden würde und was er davon hielte, ihm einen Fasan zu spendieren. S. 143

Er selbst, Giacomo Casanova, würde die Zubereitung der Speisen genau überwachen, den halben Tag würde er in der Küche verbringen und von allen Köstlichkeiten naschen, so daß sein Hunger am frühen Abend gestillt wäre und er den anderen weit voraus und dadurch imstande, sich um die noch feineren Genüsse zu kümmern. Denn schließlich galt es, sich den Sängerinnen zu nähern, Teresa Saporiti, Caterina Micelli und der Frau des Direktors, hier konnte er die Gelegenheit nutzen, ihnen seine Meinung zuzuflüstern, über den Halunken und seinen Text und darüber, wie er imstande war, das ganze Stück zu verderben und der Musik ihre Wirkung zu nehmen. Er mußte vorsichtig vorgehen, diplomatisch, er mußte versuchen, sie nacheinander, einzeln, ins Gespräch zu ziehen, aber darum war lhm nicht bange, er hatte schon ganz andere Frauen auf seine Seite gezogen, er hatte Stunden und Tage um sie geworben, und es hatte selten eine gegeben, die sich seinem Drängen für immer entzogen hatte, damals, in den alten Tagen. S. 163

Am meisten aber hatte ihn, Giacomo Casanova, verwundert, wie schnell Mozart seine Ideen aufgegriffen und beinahe mühelos, ohne ein Wort zu verlieren, fortgeführt hatte. Sie hatten einander auf beinahe unheimliche Weise ergänzt und sich gegenseitig, vor den Augen des immer schweigsamer werdenden Ensembles, in einen Rausch des Probierens, Verfeinerns und Entdeckens gesteigert, als wären sie ein Paar sehr guter, seit Jahren aufeinander eingespielter Köche, das alles daran setzte, ein perfektes Menu zu kreieren.

Zunächst hatte er, Casanova, sich um die Sängerinnen gekümmert. Da Ponte hatte den Fehler begangen, ihre Rollen gleich zu behandeln, er hatte die Drei immer nur als ein Trio verstanden, als Trio dreier verletzter und gedemütigter Frauen, die sich wie eine Meute auf die Spur ihres Opfers machten. Er, Casanova, aber hatte sogar an die Schuhe der Drei seine Gedanken verschwendet und für Donna Anna Schuhe mit recht hohen Absätzen gewählt, so daß sie sich vorsichtig bewegte, beinahe unsicher, die Brust heraus- und den Rücken durchgedrückt, eine Dame von Adel. Donna Elvira aber hatte flacheSchuhe erhalten, das hatte sie schneller und beweglicher gemacht, während er Zerlina sogar einmal mit nackten Füßen hatte tanzen lassen, wie eine Bacchantin, die sich aller unnützen Dinge entledigte.

Die Drei hatten sich lange nicht auf die kleinen Zeichen und doch so große Wirkungen hinterließen. In Venedig oder Paris hatte er solche Wirkungen früher studiert, das rasche Hochheben eines Kleides, das scheinbar unabsichtliche Zeigen eines Strumpfbandes, das kokette Spiel mit dem Fächer, die kurze Entblößung einer Brust. Hier in Prag aber hatte noch nicht einmal eine der Drei genau gewußt, wie man einen Schuh präsentierte, eine Schleife lockerte oder sich mit der schmalen, zarten Hand verführerisch durch das Haar fuhr.

Zerlina hatte er sogar beibringen müssen zu küssen, "so küß Deinen Masetto", hatte er zu ihr gesagt und mit anschauen müssen, wie sie ihn flüchtig auf die Wange geküßt hatte, auf die Wange, sehr flüchtig. Er hatte sie gelehrt, mit weit geöffneten, eine weiche Rundung formenden Lippen zu küssen, mit stark befeuchteten, beinahe nassen und vor Feuchtigkeit glänzenden Lippen, und mit diesen Lippen hatte sie ihren steifen und ihr im Grunde doch nur lästigen Verlobten auf den Mund geküßt, lange, nicht flüchtig.

Dieser Kuß hatte Masetto so erschreckt, daß er sich mit der Hand über den Mund gefahren war, als versuchte er, den Abdruck ihrer Lippen abzuwischen, der tölpelhafte Geselle! Genau diese bäurische Geste aber hatte er, Casanova, an ihm sehen wollen, dieses Erschrecken, dieses Zurückweichen, diese Angst vor dem sinnlichen Feuer! S. 337


Lesezitate nach Hanns-Josef Ortheil - Die Nacht des Don Juan


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 30.7.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger

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