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  Lesealter: 7 Jahre  



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Die Tür geht auf. "Übrigens", sagt Konrad, "draußen ist es total hell."

Im Schlafzimmer ist es jetzt auch ziemlich hell, weil Licht vom Flur hereinkommt, und daher kann Konrad sehr gut beobachten, wie einer der beiden Menschen, die in dem großen Bett liegen, sich blitzschnell die Decke über den Kopf zieht. Dabei sagt dieser Mensch etwas Unanständiges, das Konrad niemals sagen dürfte.

Dieser Mensch ist: Der Papa. Außerhalb des Hauses heißt er Herr Bantelmann. Drinnen natürlich: Papa; und nur ganz selten: Wolfgang.

Der Mensch war nicht immer der Papa. Darauf legt er besonderen Wert und davon erzählt er ziemlich oft. Konrad weiß Bescheid. 31 Jahre lang war der Papa unter anderem Sohn und Segelflugzeugmodellbauer, er war Führerscheinbesitzer und Bartträger und später war er auch der junge Geliebte des anderen Menschen, der jetzt neben ihm im großen Bett liegt. Erst seit zehn Jahren ist er der Papa; und obwohl zehn Jahre eine ziemlich lange Zeit sind, hat sich der Papa noch immer nicht so ganz ans Papa-Sein gewöhnt. Am aller wenigsten gewöhnt ans Papa-Sein ist er aber sonntagmorgens um sechs Uhr acht. Und genau das sagt er jetzt auch. Man kann es ganz gut verstehen, obwohl er die Decke über dem Kopf hat.

Dass es sechs Uhr acht ist, sieht der Papa vermutlich durch einen kleinen Schlitz, den er zwischen Matratze und Decke gelassen hat, damit er noch Luft kriegt. Sechs Uhr acht steht in roten Zahlen auf der Leuchtanzeige des Digitalweckers.

"Konrad", sagt der Papa unter der Decke, "was hab ich dir verboten?"

Konrad denkt. Verboten, verboten? Der Papa hat schon alles Mögliche verboten. Wie soll man da wissen, was davon er gerade meint.

Zum Glück bekommt Konrad etwas Hilfe. Sie kommt von dem Menschen, der neben Papa im Bett liegt und einmal seine junge Geliebte war. Der Mensch ist: Die Mama. Außerhalb des Hauses: Frau Bantelmann. Drinnen natürlich: Mama; gelegentlich: Edith. "Es hat mit dem Reinkommen zu tun", sagt sie. O ja, natürlich! Sofort ist Konrad im Bilde. Wie hat er das vergessen können! Es gibt ja eine besonders scharfes Verbot, das sich aufs Sonntagsmorgens-Reinkommen bezieht. Man soll nämlich, man soll nämlich - jetzt nur keinen Fehler machen. - man soll nämlich am Sonntagmorgen nicht vor, nicht vor - ja, man soll nicht vor einer bestimmten Uhrzeit reinkommen. Leider fällt Konrad diese Uhrzeit jetzt nicht ein. Das ist dumm. Und um keinen Fehler zu machen, sagt er sicherheitshalber gar nichts.

Zum Glück hilft die Mama wieder. "Wie spät ist es jetzt", sagt sie. Und sie sagt es in einem vorwurfsvollen Ton. S. 9


Lesezitat nach Burkhard Spinnen - Belgische Riesen


Belgische Riesen
Burkhard Spinnen - Belgische Riesen

Belgische Riesen? Nein, das sind keine wilden Fantasiegestalten aus dem Märchen, sondern richtig ordentliche Prachtkerle von Kaninchen. Und genau so ein Exemplar hat Friederike, das rothaarige Mädchen, das ebenso wie Konrad und Peter im Neubaugebiet Dransfeld eingezogen ist. Nur hat Friederike, die sich am liebsten Fridz nennt, keinen Vater mehr. "Ich heiße jetzt Fridz. Aber mit d, zum Unterschied, verstanden?" Ihre Eltern leben getrennt und einen einzigen belgischen Riese hat ihr Vater zurückgelassen. Für ihn hat er noch keinen Platz gefunden.

Konrad, der ebenso wie Fridz am Ende der Ferien in die fünfte Klasse kommt, spielt normalerweise viel lieber mit Jungs. Doch mit Fridz zusammen, ist es gar nicht so schlecht, wie er am Anfang befürchtet hat. Ehrlich gesagt, mit ihr zusammen ist es sogar ziemlich schön. Und dann muss er ihr auch dabei helfen, der neuen Freundin Christine ihres Vaters, einen ordentlichen Streich zu spielen. Schließlich hat diese eine Kaninchen-Allergie.

Burkhard Spinnen, der mit "Belgische Riesen" sein erstes Kinderbuch vorlegt, erzählt eine heitere Familiengeschichte, die sich besonders gut zum Vorlesen eignet. Denn schließlich erfindet Konrads Vater auch jeden Abend eine super coole Gutenacht-Geschichte für seine beiden Söhne. Manchmal, wenn Konrad ihn sehr sanft am Sonntagmorgen weckt, kann er sogar schon in aller Frühe die spannende Geschichte von der Riesenschlange Anabasis weiter spinnen.

Ein schönes Kinder- und Erwachsenenbuch, das in knappen Sätzen und einem trockenen Ton über Liebe, Freundschaft und den dazugehörenden Schmerz berichtet.
(Vor-)Lesealter ab 7 Jahren


Burkhard Spinnen - Belgische Riesen
2000, Frankfurt, Schöffling & Co., 292 S., 15.50 (HC)
2002, btb , 222 S., 9.00 (TB)

      gebundenes Buch

      Taschenbuch


Fortsetzung des Lesezitats ...

Das Mädchen steht auf. "Bis vor kurzem hab ich Fritzi geheißen. Eine sehr beliebte Kurzform von Friederike. Aber das kann ich mir heute nicht mehr erlauben. Weißt du, ein i hinten dran, das ist was für andere Mädels. Ich heiße jetzt Fridz. Aber mit d, zumm Unterschied, verstanden?" "Ach", sagt Konrad. Er hat gar nichts verstanden. Fridz nimmt seine Hand und schüttelt sie. "Und wer bist du?"

"'Konrad", sagt Konrad. "Nummer 17a."
"Nummer 17a?", sagt Fridz. "Auch kein besonders schöner Name."
"Was?", sagt Konrad. "War'n Scherz."
"Ach so." Konrad steht da und guckt. Diese Fridz sleht ihrer Mutter ziemlich ähnlich. Sie ist auch ganz blass, sie hat dieselben langen, roten Haare und sie trägt auch ein TShirt mit verrückten Blumen drauf. S. 62

"Brauchst keine Angst zu haben", sagt Fridz. "Der macht nichts." Das ist eindeutig gelogen. Und ob der was tut! Sein Kopf mit den Riesenohren liegt jetzt nämlich genau neben Konrads Kopf und sofort fängt dieses Tler an, mit seiner Nase etwas an Konrads Ohr zu tun, was den Ohrenbesitzer vollkommen verrückt macht. Denn erstens kriegt er sofort eine Höllenangst, dass sein Ohr jetzt wie eine dieser Möhren weggeknabbert wird, und zweitens kitzelt das so sehr, dass er eigentlich vor Lachen losbrüllen müsste. Doch drittens weiß er, dass er jetzt alles mögliche tun darf, nur zwei Dinge nicht: laut brü!!en und dieses Monsterkaninchen loslassen! Also muss er stillhalten - und wenn es ihn sein Ohr kostet. "So, dann gib ihn mal wieder her.", sagt Fridz endlich, greift sich das Tier und bugsiert es zurück in den Stall. "Das ist ein Belgischer Riese", sagt sie. "Es waren mal fünf. Der hier ist der letzte." S. 65

Lesezitate nach Burkhard Spinnen - Belgische Riesen


© 4.10.2000 by
Manuela Haselberger
Quelle: http://www.bookinist.de