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Ich gehe jetzt, sagte Ferrer, ich verlasse dich. Ich lasse alles hier, aber ich gehe weg. Und da Suzannes Blick verloren über den Boden wanderte und dann grundlos an einer Steckdose hängenblieb, ließ Felix Ferrer den Schlüssel auf der Ablage am Eingang liegen. Dann knöpfte er seinen Mantel zu, ging hinaus und zog sacht die Haustür hinter sich ins Schloss.

Draußen dann, ohne auf Svzannes Wagen zu schauen, der stunxnl und ndt beschlagenen Scheiben unter einer Straßenlaterne stand, schlug Ferrer den Weg zu der sechshundert Meter entfernten Haltestelle Corentin-Celton ein. Gegen neun Uhrabends, an einem Sonntag Anfang Januar, war die Metro fast völlig leer. Nur ein knappes Dutzend Männer fuhr mit, alleinstehende, wie offenbar auch Ferrer seit fünfundndzwanzig Minuten einer war. Normalerweise hätte er sich gefreut, einen unbesetzten Wagenabschnitt mit gegenüberliegenden Bänken zu finden, ein kleines Zugabteil ganz für sich allein, denn diese Anordnung war ihm in der Metro am liebsten. Heute Abend fiel es ihm überhaupt nicht auf, er war abgelenkt, wenn auch weniger betroffen als gedacht durch den Auftritt, den er eben mit Suzanne erlebt hatte, einer Frau mit schwierigem Charakter. Er hatte eine heftigere Reaktion erwartet, Geschrei, Drohungen, Beleidigungen, doch jetzt war er erleichtert, obwohl durch die Erleichterung wieder eigenartig verstimmt.
S. 5
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Lesezitat nach Jean Echenoz - Ich gehe jetzt


Einfach so
Jean Echenoz - Ich gehe jetzt
Titel im Literarischen Quartett: am 18.8.2000

Der Polarkreis interessiert Sie nicht? Auch die Suche nach einem Kunstschatz auf einem gesunkenen Schiff lässt ihr Herz nicht höher schlagen? Dann bleibt Ihnen ein kleiner Trost: Es geht Ihnen vermutlich ähnlich wie dem großen Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki.

Allerdings, wenn diese Themen von einem Schriftsteller wie dem Franzosen Jean Echenoz so exzellent verpackt werden, wie in seinem Roman "Ich gehe jetzt", dann sollten Sie Ihre Interessenlage noch einmal überdenken. Als Anerkennung erhielt er immerhin 1999 den bedeutendsten Literaturpreis seiner Heimat, den Prix Goncourt.

Auf nur 180 Seiten erlebt der Kunsthändler Ferrer das Ende seiner Ehe und den kompletten Wegfall seines gewohnten Alltags. Der Bilderhandel, den er zusammen mit seinem Assistenten Delahaye betreibt, läuft schlecht. Angesteckt von der Neugierde Delahayes, der sicher ist, den Platz eines gesunkenen Schiffes zu kennen, reist er in den Norden. "Hier passiert nicht viel, vor allem Sonntags, wenn sich drei Faktoren eng miteinander verknüpfen, einander zum höchstmöglichen Wirkungsgrad potenzierend: Langeweile, Stille, Kälte."

Dank seiner Hartnäckigkeit gelingt es Ferrer den Schatz auf dem vermissten Schiff Nechilik in Port Radium zu bergen. Doch die Freude an den Antiquitäten währt nicht lange. Ferrer wird ausgeraubt und Delahaye findet den Tod. Nun gewinnt Ferrers Leben an unglaublicher Geschwindigkeit. Nicht ganz unschuldig daran sind seine vielfältigen Frauengeschichten.

Gleichgültig, ob es sich um Rückblenden und Zeitsprünge, oder einen geraden Erzählfluss, der plötzlich Untiefen preis gibt, handelt, Echenoz setzt alle diese Stilelemente mit großer Bravour ein.

Und Sie werden sehen, wenn Ferrer am Ende, nach einem Jahr, wieder einmal konstatiert "Ich gehe", haben Sie nicht nur vieles über die hundertfünfzig Worte erfahren, "mit denen auf Iglulik der Schnee bezeichnet wird", Sie haben sich auch ausgezeichnet unterhalten auf eine einfache, unaufdringliche, nicht bemühte Weise. Für einen Schriftsteller eine der schwierigsten Aufgaben.

Jean Echenoz - Ich gehe jetzt
aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Originaltitel: © 1999, "Je men vais"
2000, Berlin, Berlin Verlag, 187 S.

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Fortsetzung des Lesezitats ...


Sechs Monate später, wiederum gegen zehn, stieg derselbe Felix Ferrer vor Terminal B des Flughafens Roissy-Charles-de-Gaulle unter einer unschuldigen, gen Nordwest verhangenen Junisonne aus einem Taxi. Da Ferrer sehr früh dran war, hatte der Check-in für seinen Flug noch nicht begonnen: Eine knappe Dreiviertelstunde lang musste der Mann durch die Hallenstreifen, vor sich ein Gepäckwagen mit einem Täschchen, einer Tasche und seinem Mantel, der für diese Jahreszeit zu schwer war. S. 7

In Quebec angelangt, nahm Ferrer ein Taxi der Marke Subaru zum Hafen, Abschnitt Küstenwachschiffe, Mole Nr. 11. Das Taxi setzte ihn vor einer Tafel ab, auf der mit Kreide geschrieben stand: FAHRT-ZIEL : ARKTIS, und zwei Stunden darauf stach der Eisbrecher NccC Des Groseilliers gen hohen Norden in See. S. 9

Seit fünf Jahren, bis zu jenem Januarabend, der ihn das Einfamilienhaus in Issy verlassen sah, waren die Tage von Felix Ferrer sankt und sonders nach demselben Schema abgelaufen. Um halb acht aufstehen, dann zehn Minuten auf der Toilette in Gesellschaft irgendeines Druckwerks, ob Essay über Ästhetik oder schlichter Prospekt, dann Zubereitung des Frühstücks mit wissenschaftlich präzise dosierten Vitaminen und Mineralsalzen für Suzanne und sich. Sodann vollzog er zwanzig Minuten Gymnastik und hörte dabei im Radio die Presseschau. Darauf w'eckte er Suzanne und lüftete das Haus. S. 11

Das war jetzt also ein hundert Meter langer, zwanzig Meter breiter Eisbrecher: 13.600 Pferdestärken aus acht gekoppelten Dieselturbinen, Höchstgeschwindigkeit 16,20 Knoten, Tiefgang 7,16 Meter. Man hatte Ferrer eine Kajüte zugewiesen: an die Wände gedübelte Einrichtung, Waschbecken mit Fußhebel-Wasserhahn, Videoplayer, ins Kopfende der Ein-Mann-Koje geschraubt, und Bibel in der Nachttischschublade. S. 15

Der Tag, an dem jemand den Polarkreis zum ersten Mal überquere, werde normalerweise festlich begangen. Das teilte man Ferrer wie nebenbei mit, in scherzhaftem, leicht einschüchterndem Tonfall, aus dem etwas Unausweichliches, Initiatorisches sprach. S. 25

Das Kajütenfenster warf ein blasses, blaugraues Rechteck auf die Wand über der Koje.
Er versuchte, seine Stellung so gut es ging durch leichte Schlängelbewegungen auf der Stelle zu stabilisieren: vergebens. Als er sich nun bemühte, sie, diese Bewegungen, zu verstärken, um etwas mehr von dem warmen Terrain zu erobern, warf ihn ein jäher Stoß der Gegenpartei rücklings um: Ferrer purzelte aus der Koje.

In der Koje, endlich allein, drehte sich jemand behaglich seufzend um und schlummerte wieder ein: Mireille, die Krankenschwester, die jetzt bequem weiterschnurchelte. S. 25

Der Eisbrecher setzte Ferrer in Wagner Bay ab und fuhr sogleich weiter.

An Land gegangen, sah Ferrer den Des Groseilliers im Nebel fortziehen, seine Masse löste sich auf, es blieben nur die Umrisse, dann lösten die sich auf, es blieben nur ihre dunkelsten Punkte, die schließlich ebenfalls verdunsteten. S. 37

Nachdem sie zunächst sich selber vorgestellt hatten, machten sie Ferrer mit den Schlittenhunden bekannt. S. 38

Sie brachen selbigen Tages auf, da fahren sie davon. Ausgerüstet sind sie mit Savage 116 FFS-Allweather-Karabinern, 15x45es-Feldstechern mit Bildstabilisator, mit Messern und Peitschen. Napaseekajaks,
Messer hat einen Griff aus Usik, dem Penisknochen des Walrosses, dessen Elastizität, Nachgiebigkeit und Porösität ihm ideale Griffeigenschahen verleihen. Angutretoks ist etwas weniger traditionell, ein White Munter II Puma mit Kraton-Griff. S. 39

Lesezitate nach Jean Echenoz - Ich gehe jetzt


© by Manuela Haselberger
rezensiert am 27.7.2000

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger